Rettungsschwimmer im Kampf gegen die Nordsee-Brandung
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Helden des Alltags

Rettungsschwimmer im Kampf gegen die Nordsee-Brandung

Ein Windsurfer droht zu ertrinken. Marcel Neilson ist zur Stelle.

Ausgabe: Juli 2018 Autor: Ariane Heimbach

Es ist bereits der dritte Notruf, der an diesem Morgen bei der DLRG in St. Peter-Ording eingeht. An der Küste Nordfrieslands herrscht Windstärke 7, meterhohe Wellen branden an den Strand des Badeorts. Wie seit vielen Jahren tut Marcel Neilson im August ehrenamtlich Dienst als Rettungsschwimmer in St. Peter-Ording. Der 30-jährige Dachdecker aus Alpen in Nordrhein-Westfalen kennt die Nordsee seit
seiner Kindheit. Er liebt die Arbeit im Rettungsteam.

Gegen 10.30 Uhr ruft der Besitzer der Strandbar 54 Grad Nord die Ordinger Wachstation an: „Ein Surfer ist unter die Strandbar getrieben und schreit um Hilfe.“ Die Gaststätte ist auf rund 100 jeweils sieben Meter hohen Pfählen erbaut. Vom Strand aus erreicht man sie über einen etwa 70 Meter langen Steg. Zwei Minuten später stehen Neilson und der örtliche Schwimm­meister Jan Lorenzen an der Wasserkante und sehen, was sich da abspielt: Der verunglückte Surfer umklammert einen der Holzpfähle unter der Bar. Immer wieder wird er von den zwei Meter hohen Wellen überspült, die ihn gegen die um­stehenden Pfähle zu schmettern drohen. Neilson sprintet über den Steg, sucht eine Stelle, von der aus er mit dem Surfer sprechen kann. „Ich kann nicht mehr“, stößt der Mittfünfziger hervor. Neilson beruhigt ihn: „Halt dich fest. Wir holen dich.“

Am Strand hat Schwimmmeister Lorenzen bereits einen Jet-Ski startklar gemacht.

Kurz darauf jagen die beiden Männer durch die aufgepeitschte See. Lorenzen steuert das Gefährt. Neilson liegt bäuchlings auf einer Rettungsmatte aus Kunststoff, die das Wassermotorrad hinter sich her schleppt. Auf sie wird er den Verunglückten ziehen. Ein Manöver, das Neilson und Lorenzen schon etliche Male geübt haben. Trotzdem: Zwischen den Pfählen wird das keine einfache Sache sein. Als rechts neben ihm der Surfer auftaucht, reagiert Neilson sofort. Er packt den Mann, zieht ihn auf den Kunststoff. Im nächsten Moment wirft eine Welle den Jet-Ski um. Lorenzen kann sich auf dem Fahrzeug halten, aber Neilson treibt im Meer. Der Surfer liegt noch auf der Matte.

Weil er glaubt, sein Kollege könne den Surfer mit dem Jet-Ski gut zum Strand schleppen, ruft Neilson: „Hau ab und bring den Mann an Land!“ Die nächste Welle presst ihn gegen einen der Pfähle. Die Muscheln darauf schneiden ihm die Haut an Armen und Beinen auf. Kurz überlegt Neilson, ob er nicht hier auf Lorenzen mit dem Jet-Ski warten soll. Dann entscheidet er sich, zu schwimmen. Sobald eine Welle über ihm zusammenschlägt, stößt er sich vom Pfahl weg. Mit der folgenden Welle landet er am nächsten. Auf diese Weise lässt er sich von Pfahl zu Pfahl schleudern – bis er endlich freies Wasser bis zum Strand vor sich hat.

Der Surfer hängt wieder am Pfahl

„Ich habe mich noch einmal umgedreht, weil ich Jan nicht am Strand entdecken konnte“, erzählt er. Da sieht er, dass der Surfer wieder hinter ihm am Pfahl hängt – an derselben Stelle. Neilson dreht um, taucht durch die Wellen, schwimmt in einem großen Bogen zurück. Der Surfer erklärt, er sei von der Matte gerutscht. Lorenzen und den Jet-Ski kann Neilson nicht sehen. Kurz fragt er sich, was passiert ist. Dann muss er sich auf den Surfer konzentrieren: Der Mann ist völlig erschöpft, er zittert. „Pass auf, wir schwimmen jetzt zum Strand, dabei müssen wir von Pfahl zu Pfahl“, erklärt Neilson dem Verunglückten. Auf ihrem Weg durch die Pfähle gelingt es ihm, den Surfer zu schützen – er selbst aber prallt einmal heftig mit Brustkorb und Knie gegen einen Querbalken. Endlich sind sie in freiem Wasser, kurz darauf waten sie an Land.

Jetzt treibt der Retter im Meer

Erneut blickt Neilson sich um, denn Lorenzen ist noch immer nicht am Strand. Dann macht er eine erschreckende Entdeckung: „Der Jet-Ski trieb unter dem Pfahlbau. Jan sah ich nicht. Ich musste wieder zurück“, erzählt er. Was er nicht weiß: Die Leine eines Rettungsrings, den Helfer von der Strandbar geworfen haben, hat sich um Lorenzens Bein ge­wickelt und ist in den Antrieb des Jet-Ski geraten. Von der Brüstung der Strandbar aus sehen der Wirt und einige andere Personen, wie Lorenzen immer wieder unter dem Fahrzeug verschwindet, als wolle er es drehen. Dabei kämpft er ums Überleben! Irgendwann schafft er es, sich zu befreien. Mit letzter Kraft hält er sich nun an einem Autoabschleppseil fest, das Helfer von der Strandbar haben baumeln lassen.

Dann ist Neilson bei ihm. Noch einmal macht dieser sich auf den mühsamen Weg von Pfahl zu Pfahl. Zum Glück hat der Surfer inzwischen wieder etwas Kraft geschöpft, er eilt den Rettern im niedrigen Wasser zu Hilfe. Am Strand sackt Neilson zusammen. Seine Kollegen befürchten, er könne innere Verletzungen haben. Als er den Rettungshubschrauber hört, fragt Neilson: „Steht es so schlimm um den Surfer?“ „Mensch, Marcel, der ist doch für dich“, lautet die Antwort. 

In der Klinik zeigt sich: Am Brustkorb hat Neilson zum Glück nur Prellungen davongetragen. Die Knieverletzung erweist sich als ernster – acht Monate wird er arbeitsunfähig sein. Ob er ihm etwas Gutes tun könne, hat der Surfer ihn gleich am Tag nach seiner Rettung gefragt. „Ja“, hat Neilson geantwortet: „Mit einer Spende für die DLRG.“


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