Sebastian rettet einen Jungen vor der nahenden S-Bahn
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Sebastian rettet einen Jungen vor der nahenden S-Bahn

Ein Mann springt auf die Gleise, ein Zug naht. Sebastian Kociok zögert nicht.

Ausgabe: Februar 2019 Autor: Monika Goetsch

Sebastian Kociok hat Zahnschmerzen. Deshalb ist der damals 29-Jährige auf dem Weg zu seiner Zahnärztin. Seit sieben Uhr früh hat er an seinem Arbeitsplatz im Norden Münchens einen Kran gesteuert, Container auf Lastwagen platziert. Das ist Millimeterarbeit, Fehler kann er sich dabei nicht erlauben. An diesem Novembertag aber fällt es ihm wegen der Schmerzen schwer, sich zu konzentrieren. Er sagt seinem Chef Bescheid und bricht gegen Mittag auf.

Am S-Bahnhof nimmt Kociok die Unterführung, steigt die Treppe hinauf zum Bahnsteig, der zwischen den beiden Gleisen liegt. Hinter jenem, auf dem seine Bahn einfahren wird, verläuft ein etwa 1,80 Meter hoher Maschendrahtzaun. Davor ein schmaler Grünstreifen. Es ist nicht viel los, mit Kociok stehen zehn Personen auf dem Bahnsteig. Sein Zahn schmerzt heftig. Als hinter ihm der Zug aus der Gegenrichtung einfährt, weiß der Münchner, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis auch seine Bahn eintrifft. So sieht es der Fahrplan vor.

Ein Junge legt sich auf die S-Bahn-Gleise

Aus den Augenwinkeln nimmt der 29-Jährige fünf, sechs Meter neben sich eine Bewegung wahr: Eine dunkel gekleidete Gestalt springt vom Bahnsteig hinab aufs Gleis. Kociok hört die Steine im Schotterbett knirschen. „Der will da rüber, den Maschendraht hoch!“ ist sein Gedanke in diesem Moment. Aber der Mann, der einen Rucksack trägt, läuft nicht weiter auf die andere Seite der Schienen. Stattdessen legt er sich bäuchlings zwischen sie. Dort verharrt er regungslos, nur der Rücken unter dem Rucksack bebt. Kociok ist wie elektrisiert. Er weiß: Jeden Moment fährt die S-Bahn ein, der Mann dort unten ist in höchster Gefahr!

Kociok zögert nicht. Er stürzt los, ruft den Wartenden noch zu: „Helfen Sie mir, kann mir jemand helfen?“ Dann ist er an der Kante des Bahnsteigs, springt hinunter ins Gleisbett, packt den Menschen, der dort liegt, unter den Achseln. Es ist ein junger Mann, schmal, leicht. „Lass mich! Lass mich! Ich will nicht mehr leben!“, schreit er und fängt an, um sich zu schlagen. Aber Kociok lässt nicht los. Mit festem Griff zerrt er den Jungen hoch. Da sieht er den Zug. Er weiß: Ein paar Sekunden noch und das tonnenschwere Fahrzeug wird sie beide erfassen. Die Bahnsteigkante ist etwa einen Meter hoch. Kociok ist klar, dass er es mit dem Jungen, der sich weiter wehrt, nicht rechtzeitig hinauf schaffen kann.
Schreit dort oben jemand? Kociok weiß es nicht. Hier unten ist er mit dem Lebensmüden allein. Er schiebt den immer noch um sich Schlagenden auf die andere Seite des Gleises zum Zaun. Mit seinem ganzen Körpergewicht drückt er ihn dagegen.

Der Lokführer hat die beiden übersehen!

Das Rattern des Zuges wird lauter. Kociok spürt den Fahrtwind, der Lärm ist jetzt ohrenbetäubend. Zwischen den Waggons und seinem Rücken liegt höchstens ein Meter, aber die S-Bahn fährt ein, als sei nicht das Geringste geschehen. Der Fahrer hat sie offenbar nicht bemerkt! Eisern hält Kociok den Jungen zwischen sich und dem Zaun. „Beruhige dich doch“, sagt er zu ihm. Dann fragt er: „Verstehst du mich?“ Aber dieser gibt ihm keine Antwort.

Die S-Bahn setzt sich wieder in Bewegung, dann ist sie weg. Kociok schiebt den Jungen zurück übers Gleis. Dieser wehrt sich nicht mehr, sondern sackt zusammen, weint und weint. Zwei Männer klettern ins Gleisbett und helfen Kociok, den Verzweifelten auf den Bahnsteig zu schieben. Dann ist auch Kociok wieder oben. „Die Polizei ist bereits verständigt“, sagt jemand. Kociok und die beiden Helfer begleiten den Jungen zur Treppe, die hinab zur Unterführung führt. Noch auf den Stufen kommen ihnen zwei Polizisten entgegen. Sebastian Kociok schildert kurz, was passiert ist, dann nimmt er die S-Bahn Richtung Innenstadt. Erst als er auf den Behandlungsstuhl sinkt, bemerkt er, dass er gar keine Zahnschmerzen mehr hat.

Bis heute hat er nicht erfahren, warum der junge Mann so verzweifelt war. Er will es auch gar nicht wissen. Ihre Wege haben sich nur ein einziges Mal gekreuzt. Danach gingen sie wieder auseinander. „Ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagt Kociok, „mehr nicht.“


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