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Stimme des Volkes

Aus Empörung über zu hohe Bezüge von Führungskräften nahm Thomas Minder die Schweizer Unternehmenselite ins Visier – mit Erfolg. Nun ist er der Reader's Digest Europäer des Jahres 2014.

Ausgabe: Februar 2014 Autor: Roger Boyes

Für einen gesetzestreuen Schweizer Bürger war das ein Schock. Inmitten der für ihre Diskretion bekannten konservativen Banker des Landes sah sich Thomas Minder plötzlich von Sicherheitskräften überwältigt. Sie führten ihn aus dem Saal, in dem die Aktionärsversammlung stattfand. "Die Sicherheitsleute haben mir die Hände auf den Rücken gedreht", berichtet der Unternehmer freimütig und steht auf, um es vorzuführen. Dabei rötet sich sein Gesicht vor Zorn. "Die führten mich wie einen Verbrecher aus dem Saal. Doch dann – stellen Sie sich vor – ruft das Publikum plötzlich: 'Bringt ihn zurück!'"

So etwas hatte es noch nie gegeben in der Schweiz, diesem Land mit seinem Respekt vor Reichtum. Seine Bankiers, einst wegen ihrer Verschwiegenheit "Zürcher Zwerge" genannt, haben wenig übrig für offene Konfrontation. Doch sie hatten nicht mit Minder gerechnet, dem Chef des Kräuterzahnpasta-Herstellers Trybol. Er führte einen erfolgreichen Feldzug gegen die Spitzenmanager und ihre Selbstbedienungsmentalität. Nur wenige Minuten vor dem Eklat 2008 hatte der kämpferische Minder das Podium betreten und dem Vorstand der angeschlagenen, doch immer noch mächtigen UBS (ursprünglich Union Bank of Switzerland) den Fehdehandschuh hingeworfen.

"Meine Herren, Sie sind verantwortlich für die höchsten Abschreibungen in der Schweizer Unternehmensgeschichte", erklärte er und bezog sich dabei auf die Verluste der UBS in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar, weshalb die führende Schweizer Bank Staatshilfe in Anspruch nehmen musste. Dem Vorstand missfiel, was Minder auf dieser turbulenten Hauptversammlung sagte. Viele Aktionäre fanden es jedoch hochinteressant. Wie rechtfertigten die Manager ihre üppigen Vergütungen trotz des finanziellen Supergaus? Ein paar Monate später musste UBS-Chef Marcel Ospel seinen Hut nehmen. Zum Verhängnis wurde ihm die Enthüllung neuer Verluste auf dem Markt für minderwertige Hypotheken. Thomas Minder dagegen, bescheidener Anbieter von Mundpflegeprodukten, wurde als eine der radikalsten Stimmen in der europäischen Wirtschaft gefeiert.

Heute wird Minder gewürdigt als Urheber der bahnbrechenden Kontrollmechanismen zur Verhinderung von Exzessen in Schweizer Unternehmen. Nachdem Minder im Frühjahr 2013 eine Volksabstimmung gewonnen hatte, sorgte er dafür, dass die Regelung für die Vergütung von Führungskräften und Prämienzahlungen bei Misserfolg geändert wurden. Die Aktionäre in der Schweiz notierter Unternehmen haben künftig ein bindendes Mitspracherecht bei Bonuszahlungen für Manager. Goldene Handschläge, ob bei Eintritt (als Begrüßungsbonus) oder Austritt (als überzogene Abfindung für scheidende Führungskräfte), gehören damit der Vergangenheit an. Das Referendum sieht auch eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren beziehungsweise eine hohe Geldstrafe vor für den Fall, dass ein Unternehmenschef die Regeln umgeht. Diese Grundsätze sind bald verbindlich und werden mit leichten Änderungen gesetzlich festgeschrieben.

Am Hauptsitz von Trybol in Neuhausen am Rheinfall schweift Minders Blick über eine Sammlung uralter Mundspülungen und Haarwässer in seinem Büro. Der 53-Jährige mit der offenbar unerschöpflichen Energie findet sogar Zeit zum Joggen, Skifahren und Rudern auf dem nahen Rhein. Außerdem spielt er Fußball im örtlichen Verein, dem FC Schaffhausen. Das Enfant terrible des Schweizer Kapitalismus wollte er nach eigenen Worten nie werden. Nach Abschluss seines Studiums in der Schweiz in den 80er-Jahren zog es ihn in die Vereinigten Staaten. "Um Englisch und das Verkaufen zu lernen, arbeitete ich für ein Schweizer Unternehmen, das in New York an der 34. Straße Strohhüte herstellte", erzählt er. "Ich hatte keine Green Card und war darauf eingestellt, bald wieder zurückzugehen." Da kam ein Anruf von seinem Vater Hans. Der Familienbetrieb brauche einen neuen Geschäftsführer, erklärte er. Ob er übernehmen wolle? "Er gab mir 24 Stunden Bedenkzeit. Hätte er mir ein halbes Jahr zugestanden, hätte ich wohl abgelehnt. Zurückzugehen, um Zahnpasta in Tuben zu füllen?" Vater und Sohn seien sich sehr ähnlich, meint Norbert Neininger, Verleger der Schaffhauser Nachrichten: "Keiner nahm ein Blatt vor den Mund – das ist wohl der dominante Charakterzug der Familie Minder." Minder beschloss, nach Hause zu gehen, weil er glaubte, der kleinen Fabrik ein bisschen "New Yorker Geist" einhauchen zu können. Doch schon bald kam es zu Auseinandersetzungen mit dem Vater, weil er das Sortiment um neue Geschmacksrichtungen wie Zitrone, Zimt, Kirsche in kleinen Tubengrößen erweitern wollte. Das kam einer kleinen Revolution in der Zahnpflege gleich.

Mit den kleinen Tuben hatte Trybol gute Aussichten auf einen lukrativen Vertrag mit der Swissair. Nach einem delikaten Essen konnten sich die Erste-Klasse-Passagiere die Zähne mit einer erfrischenden Schweizer Zahnpasta putzen – ein perfektes Geschäft. Doch als Swissair 2001 nach dem 11. September den Flugbetrieb einstellte, ging der Gesellschaft das Geld aus. Sie bezahlte ihre Rechnungen nicht mehr, und Minder musste entscheiden: entweder die Hälfte der Mitarbeiter entlassen oder schließen. Das war Minders erste große Herausforderung. Er traf sich mit dem neuen Chef der Fluggesellschaft, die von der Lufthansa übernommen wurde. "Ich flehte und fiel förmlich auf die Knie", schildert er die Situation. Die Fluggesellschaft erklärte sich bereit, die Außenstände zu zahlen und Trybols Dienste weiter in Anspruch zu nehmen.

Als bekannt wurde, dass der scheidende Swissair-Chef Mario Corti kurz vor dem Zusammenbruch einen Vorschuss von 7,5 Millionen US-Dollar erhalten hatte, "war ich außer mir", berichtet Minder mit blitzenden blauen Augen. "Und ich bin es noch. Sie machten sich zur fliegenden Bank, gingen in der ganzen Welt auf Einkaufstour, ließen sich als beste Fluggesellschaft des Jahres feiern – und bedienten sich sogar noch, als ihnen alles um die Ohren flog." Bis dahin hatte Minder an eine Schweizer Form des "American Way" geglaubt, die auf Wertschöpfung, aber auch auf sozial gerechte Behandlung der Mitarbeiter ausgerichtet war. "Und nun erkannte ich, dass es vielen Unternehmen gar nicht um die Kunden ging, sondern um die eigenen Vergütungspakete, um schnellen Umsatz und kurzfristigen Gewinn."

So wurde Thomas Minder schon Jahre vor der Finanzkrise, bevor die Banker weltweit in die Kritik gerieten, zum Rebellen. "Er hatte sein Fazit lang vor dem Zusammenbruch der Finanzmärkte gezogen", berichtet Maximilian Reimann von der konservativen Schweizer Volkspartei, der Minder unterstützte. "Das zeugt von echter politischer Weitsicht." Als ein Firmenchef nach dem anderen für mittelmäßige Ergebnisse fürstlich entlohnt wurde, wuchs Minders Entschlossenheit. Er wandte sich an Menschen, die ihm nahestanden, um sie für einen Volksentscheid zu gewinnen – seine langjährige Partnerin Corinne Perren, seine Eltern Hans und Elisabeth, seine Sekretärin und einen vertrauenswürdigen Mitarbeiter. "Ich wusste, es würde schwer werden, und ich wollte keine politische Hypothek aufnehmen", erzählt er. 2006 startete er seinen Feldzug gegen die Selbstbedienungsmentalität. Nach Schweizer Recht und dem einzigartigen System der direkten Demokratie reicht es aus, innerhalb von 18 Monaten 100.000 Unterschriften zu sammeln, um eine Volksabstimmung einzuleiten. Bei einem positiven Entscheid folgt auf das Referendum eine Verordnung, eine Art politische Verpflichtung gegenüber dem Willen des Volkes. Dann obliegt es dem Parlament, Gesetze zu verabschieden.

"Ohne die Unterstützung einer etablierten Partei ist das schwierig. Man muss Anzeigen schalten, Menschen auf der Straße ansprechen, sie unterschreiben lassen. Genau das ist problematisch – ein falscher Name oder eine falsche Adresse, ein fehlendes Detail können das Volksbegehren ungültig machen", erklärt er. Minder hatte sich mit dem gesamten Wirtschaftsestablishment angelegt. Er stellte infrage, ob Spitzenmanagern überzogene Gehälter bezahlt werden müssen, um die fähigsten Köpfe verpflichten zu können. Er machte sich Feinde – vom Arbeitgeberverband bis zu Wirtschaftsmagnaten. Und das in einem Land, das sich mit der höchsten Millionärsdichte der westlichen Welt brüstet und Heimat von 10 Prozent aller Milliardäre weltweit ist: nicht gerade der ideale Schauplatz. Doch Minder fand auch viele Freunde. Er wurde bekannt als Symbolfigur für den Aufschrei gegen die Gier. Im Herbst 2011 bestimmten ihn die Wähler im Kanton Schaffhausen zu ihrem unabhängigen Vertreter im Schweizer Ständerat. Ein Posten, der gewöhnlich mit erfahrenen Politikern besetzt wird.

Mithilfe der Medien, aber vor allem mit Unterstützung des Schweizer Volks, gewann Minder das Referendum mit 68 Prozent der Stimmen. Vor allem aber setzte er sich in der Sache durch. Er sorgte dafür, dass die Beschränkung von Managergehältern in Europa breit diskutiert wurde. Großbritannien und Deutschland suchten nach Wegen, Aktionären mehr Mitspracherecht über die Bezüge der Führungsriegen einzuräumen. "Das ist ein schwerwiegendes Problem", meint Simon Tilford, stellvertretender Leiter des Centre for European Reform (Denkfabrik, die die Qualität der Europa-Debatte verbessern soll) in London. "Vermutlich sollten die Aktionäre künftig deutlich mehr Einfluss bekommen." Der große Exodus der Unternehmen, wie er von den Gegnern des Minder-Referendums prophezeit wurde, blieb aus. "Kein einziges Unternehmen hat das Land verlassen", sagt Minder sichtlich erleichtert. Es ist wohl unwahrscheinlich, dass Minder in absehbarer Zukunft wieder gewaltsam aus einer Aktionärsversammlung ausgeschlossen wird.

 


 

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