Tegeler See Berlin: Eingebrochen im dünnen Eis
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Tegeler See Berlin: Eingebrochen im dünnen Eis

Zwei Kinder brechen auf einem zugefrorenen See ein. Robin Jacobi ist zur Stelle.

Ausgabe: November 2018 Autor: David Krenz

In der Nacht herrschte noch Frost. Aber jetzt am Nachmittag sind die Temperaturen über den Gefrierpunkt geklettert. Robin Jacobi spaziert mit seiner Freundin zu seinem Lieblingsplatz am Tegeler See in Berlin. Das Paar setzt sich auf einen quer liegenden Baumstamm, der aus dem See ans Ufer ragt und unterhält sich. Glitzerndes Eis bedeckt weite Teile des Wassers. Im Winter ist der See ein beliebter Treffpunkt für Eisläufer. Heute sieht Jacobi nur fünf, sechs Kinder, die etwa 50 Meter weiter kichernd und plappernd auf ihren Schuhsohlen schlittern. Der 27-Jährige, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Labor in Berlin arbeitet, unterhält sich mit seiner Freundin. Dabei lässt er die Beine baumeln, tippt mit der Spitze seines Turnschuhs auf die Eisfläche. Sie wirkt stabil. Jacobi plaudert weiter mit seiner Begleiterin. Plötzlich ertönen aufgeregte Rufe eines Erwachsenen. Den Wortlaut kann Jacobi nicht deuten, aber als er instinktiv zu den Kindern blickt, stockt ihm der Atem: Zwei von ihnen ragen nur noch mit den Köpfen aus dem Eis. Sie sind eingebrochen!

Robin Jacobi sprintet los

„Ich muss da hin!“, ruft Jacobi noch seiner Freundin zu. Dann sprintet er los, läuft an dem noch immer schreienden Mann vorbei, an die Stelle des Ufers, wo er den eingebrochenen Kindern am nächsten ist. Zwei Jungs stecken bis zum Hals im brüchigen Eis. Einem größeren Mädchen aus der Gruppe gelingt es, den kleineren Jungen an Land zu ziehen. Jacobi wendet sich dem anderen zu. Später wird er erfahren, dass der Junge 13 Jahre alt ist. Im Moment weiß er nur, dass das Kind etwa 20 Meter vom Ufer entfernt im eiskalten Wasser treibt. Die Eisdecke bis dorthin sieht noch intakt aus. Wird sie seine 85 Kilogramm tragen, fragt sich der Helfer. Er streift die Lederjacke ab, lässt sie fallen, legt sein Handy dazu. Sollte er einbrechen, kann er sich hinterher wenigstens in etwas Warmes hüllen und mit dem Handy Hilfe rufen, denkt er sich. Übers Eis zu hasten, wäre töricht, das weiß Jacobi. Stattdessen sinkt er auf die Knie, legt die Handflächen aufs Eis. Es gilt, das Gewicht auf großer Fläche zu verteilen, um weniger Druck auf einen Punkt auszuüben.

Er fasst die eiskalte Hand des Jungen

Behutsam schiebt Jacobi sich voran, rechte Hand, rechtes Schienbein, linke Hand, linkes Schienbein. Das Eis unter ihm stöhnt. Solange kein schrilles Knirschen zu hören ist, passiert mir nichts, spricht sich Jacobi Mut zu. „Bin gleich da!“, ruft er dem Jungen zu. Nach zwei Minuten hat er das Loch im Eis fast erreicht. Vor sich sieht er das bleiche Gesicht des Jungen. Nur noch mit dem Kinn ragt dieser über die Eiskante, an die er sich mit zitternden Fingern klammert. Jacobi stützt sich aufs linke Knie, streckt sich weit nach vorn – und bekommt die Hand des Jungen zu fassen. Kalt und klein liegt sie in der seinen. Der Retter will noch dichter ans Loch, da sackt die dünne Eisdecke leicht ab, Wasser schwappt hoch und tränkt sein Hosenbein. Jacobi begreift: Näher heran kommt er nicht.

Gerettet!

Der Junge wimmert. Im eiskalten Wasser sind seine Muskeln in kürzester Zeit erschlafft. So ruhig es geht, redet Jacobi ihm zu: „Ich hole dich raus. Und jetzt musst du mir helfen.“ Er werde zählen, und bei drei solle der Junge seinen Oberkörper nach vorn werfen. Beim ersten Versuch rutscht dieser nur wenige Zentimeter höher. Genauso beim zweiten und dritten. Jedesmal zieht Jacobi an der Hand des Jungen. Aber auf der fragilen Eisdecke kann er nicht seine ganze Kraft einsetzen. Der Retter gibt nicht auf. Er zählt weiter – und tatsächlich gelingt es ihm beim vierten oder fünften Versuch, den Jungen ganz aus dem Eisloch zu zerren. Klatschnass liegt dieser vor ihm. Jacobi dreht ihn auf den Rücken, lässt ihn die Arme ausstrecken, um auch sein Gewicht zu verteilen. Dann robbt der 22-Jährige im Rückwärtsgang Richtung Ufer, zieht dabei den Jungen mit einer Hand an der Schulter hinter sich her.

Der Rückweg kommt Jacobi kürzer vor.

Vielleicht, weil das Schlimmste überstanden scheint. Vielleicht auch, weil der Junge immer noch bibbernd hervorstößt: „Danke, danke, danke! Du bist der Beste, Brudi!“ Dann sind sie am Ufer. Jacobi und die anderen Kinder streifen dem Jungen die nasse Kleidung vom Leib, kleiden ihn in Pullover und Jacken seiner Freunde. Jacobi drückt ihn fest an sich. So stehen sie etwa eine Minute, bis der Krankenwagen eintrifft. Die Polizei ist jetzt auch vor Ort. Die Beamten bieten Jacobi an, sich im Streifenwagen aufzuwärmen. Er lehnt dankend ab. „Mir war warm, ich stand noch völlig unter Strom“, erinnert er sich heute. Später erfährt er, dass der Junge, den er gerettet hat, keine Schäden davongetragen hat. Bald schon hat Jacobi die Geschichte vergessen – bis zum Sommer, als er einen Anruf der Polizei bekommt: Für seine mutige Tat zeichnet ihn das Land Berlin mit der Rettungs­medaille aus.


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