Warum bleibt keiner stehen?
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Helden des Alltags

Warum bleibt keiner stehen?

Die Passanten ignorieren einen Bewusstlosen. Nur Gözde Gülser leistet Hilfe.

Ausgabe: September 2018 Autor: Annette Lübbers

Als Gözde Güler im Hauptbahnhof Dortmund aus dem Zug steigt, freut sie sich auf zu Hause. Die 30-jährige Psychologin, die als Familienhelferin arbeitet, war an diesem Tag beruflich im Sauerland unterwegs. Jetzt ist sie müde. Ihr Heimweg führt sie in die Nähe des Eingangs zur U-Bahn. Dort bleibt ihr Blick an einer Szene hängen, die sie im ersten Moment nicht so recht einordnen kann. Auf dem Betonsockel, der das Geländer um den Abgang zur U-Bahn trägt, hocken einige Jugendliche – Güler schätzt ihr Alter auf 15 oder 16 Jahre – und trinken Bier. Direkt daneben kniet ein Mann in dunkler Jacke und Jeans. Sein Kopf liegt auf dem Betonsockel, Gesicht nach unten, eine graue Wollmütze mit grünen Streifen verdeckt sein Haar. Ein Obdachloser, vermutet Güler.

Ein Mann liegt reglos auf dem Fußboden

Dann fällt ihr der rechte Arm des Mannes auf. Lang ausgestreckt mit der Handfläche nach oben liegt er regungslos auf dem Boden. Die unnatürliche Haltung des Knienden, seine weiß leuchtende, seltsam gedrehte Hand – plötzlich schießen Güler Bilder durch den Sinn, die sie sonst verdrängt. Bilder von Toten, die sie bei einem Verkehrs­unfall gesehen hat, dessen Zeugin sie wurde. „Oh Gott. Vielleicht lebt der Mann nicht mehr“, denkt sie. Güler rennt los, schiebt sich durch die zahlreichen Passanten. Dann steht sie vor dem Mann am Boden. „Wie lange liegt der schon hier?“, fragt sie die Jugendlichen, die direkt neben ihm hocken, ohne ihn zu beachten. „Keine Ahnung. Vielleicht 20 Minuten“, antwortet ein Mädchen. „Das ist André. Der trinkt immer zu viel.“

So wie er da liegt, kann Güler nicht sehen, ob der Mann verletzt ist, ob er noch atmet. Sie beugt sich hinunter, versucht, den Regungslosen auf den Rücken zu drehen. Vor vielen Jahren, bei der Führerscheinprüfung, hat sie gelernt, wie man eine Herzdruckmassage ausführt. Vielleicht ist dieses Wissen jetzt gefragt? Den Schmerz, der ihr bei ihren vergeblichen Bemühungen den Mann umzudrehen, durch den Rücken fährt, ignoriert Güler. Am nächsten Tag wird ein Arzt einen Bandscheibenvorfall diagnostizieren. „Kann mir mal jemand helfen?“, ruft die junge Psychologin verzweifelt den Vorübergehenden zu.

Die Passanten ignorieren ihre Bitte um Hilfe

Abends gegen 19 Uhr herrscht hier am Bahnhof reges Treiben. Doch die Passanten blicken nur kurz in ihre Richtung – und gehen weiter. Was nun? Güler schiebt den Jackenärmel des Mannes hoch, versucht den Puls zu finden. Vergeblich. Sie spürt nur die kalte Haut des Mannes unter ihren Fingern. Güler wählt den Notruf: „Kommen Sie schnell. Hier liegt ein Mann am Dortmunder Hauptbahnhof. Ich kann seinen Puls nicht fühlen.“  Der Mitarbeiter in der Einsatzzentrale erklärt ihr, dass ein Krankenwagen in der Nähe sein müsste. Die Helferin schaut sich um. Tatsächlich steht auf dem Bahnhofsvorplatz ein Krankenwagen. Aber die Fahrerkabine ist leer, die Sanitäter sind wohl schon auf dem Weg zu einem anderen Einsatz. Die Zentrale verspricht, einen weiteren Wagen zu schicken.

Ein Mann schüttelt den Bewußtlosen, ein Jugendlicher tritt ihn gar

Während Güler telefoniert, kommt ein ungepflegt aussehender Mann mit Vollbart und Alkoholfahne auf sie zu. Er beugt sich über den Bewusstlosen, schüttelt ihn an der Schulter. Als er nicht reagiert, wendet sich der Bärtige ungerührt wieder ab. Einer der Jugendlichen ist nun doch aus seiner Lethargie erwacht. Anstatt zu helfen, hat er jedoch begonnen dem hilflosen Mann die Schuhspitze in den Körper zu bohren. Einmal, zweimal, dreimal. Als bräuchte der nur einen aufmunternden Tritt, um auf die Füße zu kommen. „Hör sofort auf, den Mann zu treten“, weist Güler den Jugendlichen empört zurecht, schiebt ihn weg.
Wenige Minuten später trifft der versprochene zweite Krankenwagen ein. Zwei Sanitäter springen heraus. Einer dreht den Bewusstlosen auf den Rücken, fühlt den Puls. Nichts. Der Sanitäter beginnt mit der Herzdruckmassage. Ein Mann tritt hinzu. „Kann ich helfen?“, fragt er. „Ich bin Arzt.“ Er übernimmt die Wiederbelebung. Jetzt bleiben Passanten stehen – es gibt etwas zu sehen!

Die Polizei trifft ein: Jetzt bleiben die Passanten stehen, machen sogar Fotos

Dann ist die Polizei da, drängt die Schaulustigen zurück. Einer der Sanitäter holt ein Elektroschockgerät aus dem Koffer. Güler wendet sich ab. Sie glaubt, dass die Hilfe zu spät kommt. Und beim Sterben will sie dem Hilflosen nicht zusehen. Einige der Zuschauer hinter dem Absperrband sind weniger zurückhaltend. Sie fotografieren und filmen mit ihren Smartphones. Güler möchte schreien, stattdessen beginnt sie zu weinen. Einer der Polizisten herrscht die Passanten an: „Stecken Sie sofort Ihre Handys weg!“

Die Sanitäter heben den Bewusstlosen auf die Trage, schieben ihn in den Krankenwagen, brausen davon. Als Güler den Polizisten ihre Personalien gibt, bemerkt einer der Beamten, wie aufgewühlt sie ist. „Bitte beruhigen Sie sich. Der Mann atmet wieder selbstständig“, sagt er verständnisvoll. Zum Glück hat der Obdachlose überlebt. Dennoch hadert Güler auch viele Wochen später noch mit den Passanten: „Der Mann mag ja auf der Straße leben. Vielleicht auch ein Junkie sein. Aber in erster Linie ist er doch ein Mensch. Wie kann man zusehen, wie ein Ohnmächtiger mit dem Tode ringt – und auch noch Fotos von ihm machen?“

 


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