Bei der Geburt vertauscht
© Gajus / Fotolia
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Spannung

Bei der Geburt vertauscht

Die beiden blonden, blauäugigen Kleinkinder hämmern mit ihren Löffeln gegen die Teller. Sie wollen endlich ihren Nachtisch. Der Lärm scheint die Mütter nicht zu stören. Sie lachen, plaudern und behalten ihre Jungen dabei im Auge. Es ist unmöglich zu sagen, welches Kind zu welcher Frau gehört. Alles sieht nach einer perfekten Freundschaft aus. Dabei begann alles mit einer Tragödie.

Ausgabe: Juni 2015 Autor: Ada Bucur

An einem Frühlingstag im Mai 2013 wollte Ionela Neaga, 32, ihren drei Tage alten Sohn das erste Mal zu Hause baden. Ionela hatte ihre Patentochter Ancuta gebeten, vorbeizukommen und ihr zu helfen, weil sie müde war. Ancuta, selber Mutter eines nur wenige Monate alten Kindes, war gelassener im Umgang mit einem Neugeborenen. Ancuta testete die Wassertemperatur in der Badewanne mit ihrem Ellenbogen und zog das Baby aus. Ionela reichte ihr die Schere und bat sie, das Armband des Babys abzuschneiden, das es noch von der Entbindungsstation trug. Sie wollte es gern behalten. "Gib es mir", sagte Ionela und streckte ihre Hand aus.

Doch Ancuta konnte ihren Blick nicht von dem kleinen blauen Plastikviereck abwenden. Sie brachte nur ein paar Worte heraus: "Da steht ein anderer Name auf dem Armband!" "Was soll das heißen, ein anderer Name? Welcher Name?", fragte Ionela. "Stefan", entgegnete Ancuta und sah ihrer Tante direkt in die Augen. Ionelas Gesicht war gerötet, ihre mittellangen, braunen Haare hatte sie zusammengebunden. Ihre glänzenden blauen Augen waren vor Entsetzen weit aufgerissen. "Stefan? Das kann nicht sein! Ich lag im selben Zimmer mit Ramona Stefan. Lass mich mal sehen."

Sie riss ihrer Patentochter das Armband aus der Hand. Als Ionela mit eigenen Augen den Familiennamen "Stefan" las, wo der Name "Neaga" stehen sollte, wurden ihre Beine schwach. Sie begann zu zittern und suchte fieberhaft nach dem Telefon, um Ramona Stefan anzurufen. Fünf Tage zuvor, am 15. Mai, war Ramona Stefan, 20, in der Geburtsklinik von Onesti in Rumänien in den Fahrstuhl eingestiegen. Die angehende Mutter mit der Figur eines Teenagers hatte schwarze Haare und blaue Augen, und sie war blass.

Ihr Baby musste vorzeitig per Kaiserschnitt geholt werden, weil es sich nicht in die richtige Position gedreht hatte. Im Fahrstuhl befand sich eine weitere Schwangere, die wiederholt versuchte zu telefonieren. Sie schien aufgeregt zu sein. Beide Frauen stiegen auf derselben Etage aus. Ionela Neaga war so in Gedanken, dass ihr die junge Frau nicht aufgefallen war, die zu ihr in den Fahrstuhl stieg. Der Entbindungstermin von Ionela war erst in zwei Wochen. Ihre Ärztin hatte sie gebeten, jetzt schon in die Geburtsklinik zu kommen. Während der letzten acht Wochen konnte sie kaum noch schlafen, und ihr Blutdruck schwankte stark. Seit dem fünften Monat hatte sie Medikamente eingenommen, um eine Fehlgeburt zu verhindern. Ionela versuchte, ihren Mann Gheorghe anzurufen. Er sollte ihr die Tasche bringen, die schon gepackt im Schlafzimmer stand.

Am nächsten Tag unterhielten sich die beiden Frauen bereits angeregt. Trotz des Altersunterschieds von fast zwölf Jahren mochten sie sich auf Anhieb. Ionela erzählte Ramona, dass bei ihr am nächsten Morgen ein Kaiserschnitt geplant war. Sie gestand, dass sie nicht genau wusste, was da auf sie zukommen würde.

Am Morgen des 17. Mai wurden auf der Entbindungsstation in Onesti zwei Geburten verzeichnet: Elian (Eli) Mihaita Stefan, geboren um 8.20 Uhr. Um 10.03 Uhr wurde Eduard (Edi) George Neaga geboren. Beide Mütter hatten per Kaiserschnitt entbunden und kamen auf der Intensivstation zu sich. Ramona hatte zwar keine Schmerzen, aber sie konnte nicht aufstehen. Ionela litt unter heftigen Kopfschmerzen.

Ein paar Stunden später brachten die Krankenschwestern die beiden Babys herein, beide frisch gewickelt. Ramona nahm das Baby, das die Schwester ihr reichte, küsste es und fotografierte es mit ihrem Handy. Ionela bekam das Baby nur gezeigt und es hieß, dass es gesund sei. Auch sie wollte ein Foto machen, um es ihrem Mann zu schicken, doch sie war zu erschöpft. Am nächsten Tag wurden die beiden Mütter auf dieselbe Station verlegt. Schwestern schoben die Babys in die Zimmer. Jedes Bettchen war mit dem Familiennamen versehen. Auf der Windel eines jeden Babys lag ein blaues beziehungsweise weißes Namensschild aus Plastik.

Ramona wollte schnell wieder nach Hause und bat darum, am 19. Mai entlassen zu werden. Einen Tag später durfte auch Ionela nach Hause. Die beiden Frauen versprachen einander, in Kontakt zu bleiben. Nachdem Ramona zu Hause angekommen war, rief ihre Patin Viorica an, um ihr Hilfe beim Baden des Babys anzubieten. Da es schon im Krankenhaus gebadet wurde, sei es besser, das Kind nicht zweimal an einem so kalten Tag zu baden, meinte Ramona.

Als am nächsten Tag das Telefon klingelte, dachte Ramona, es sei wieder ihre Patentante. Stattdessen war Ionela am Telefon, die Ramona bat, das Armband ihres Sohnes zu überprüfen und ihr zu sagen, was darauf stand. Noch während sie sprach, dachte Ionela, dass Ramona inzwischen sicher bemerkt haben musste, wenn etwas nicht stimmte. Womöglich, dachte sie, stand der Nachname Stefan auf beiden Armbändern. Ramona bat ihre Mutter, die das Baby hielt, nachzusehen, was auf dem Armband stand. "Neaga! Hier steht Neaga!", antwortete sie ungläubig.

Ionela hörte die Antwort durch das Telefon. Zuerst begriff Ramona nicht, wessen Name das war, obwohl sie Ionelas Nachnamen kannte. Sie spürte nur, dass etwas Schreckliches passiert war. Ihr verzweifelter Schrei erfüllte den Raum: "Dan! Komm schnell!" Ihr Ehemann, 32, ein Mann von kräftiger Statur, braunen Haaren und blauen Augen war draußen, als er den Schrei seiner Frau hörte. So schnell er konnte, rannte er die Treppe hoch ins Zimmer, in dem sich seine Schwiegermutter, Ramona und das Baby aufhielten. "Was ist mit dem Jungen?", fragte er atemlos. Erleichtert stellte er fest, dass es seinem Sohn gut ging. Am selben Abend machten sich beide Familien auf den Weg in die Geburtsklinik. "Sehen Sie denn nicht, dass er genauso aussieht wie Sie?", erklärte die Neonatologin, als sie das Baby in Ramonas Armen betrachtete.

"Ich weiß, von welchem Kind ich Frau Neaga entbunden habe!", meinte die Ärztin, die den Kaiserschnitt bei Ionela durchgeführt hatte. Den beiden jungen Müttern, ihren Ehemännern und Verwandten, die sich in der Klinik versammelt hatten, wurde versichert, dass alles in Ordnung sei. Für Ionela allerdings war die Vorstellung, dass ihr Baby vielleicht vertauscht worden war, furchtbar.

Ramona schob ihre Zweifel beiseite, dass das Baby, das sie in den Armen hielt, nicht ihres sein könnte. Wenn sie ihre eigenen Babyfotos ansah, fiel ihr sogar eine erstaunliche Ähnlichkeit zwischen sich und ihrem Baby auf. Doch wenige Tage später ließ sich ihr Baby nicht mehr stillen, und sie hatte schon bald keine Milch mehr.

Ionela war skeptischer. Wie sehr sie sich auch wünschte, das Baby in ihren Armen sei ihres, sie ertrug die Ungewissheit nicht, dass es möglicherweise nicht so war. Deshalb wollte sie einen DNA-Test durchführen lassen. Ionela fiel auch ein, dass man ihr gesagt hatte, Ramonas Junge sei mit einer Fehlbildung geboren worden. Dies stand aber in den medizinischen Unterlagen ihres Babys. Außerdem hatte sie sich den Jungen auf Ramonas Arm genauer angesehen.

Dabei war ihr aufgefallen, dass er genauso aussah wie ihr erster Sohn Razvan, als dieser ein Baby war. Auf den 13 Jahre alten Fotos erkannte sie die gleichen langen Wimpern, die gleichen blauen Augen und das Grübchen am Kinn. All diese Gedanken und die Ungewissheit machten sie regelrecht krank. Das Einzige, was sie beruhigte, war die Tatsache, dass sie das Baby stillen konnte. Sie hoffte inständig, dass der DNA-Test Klarheit schaffen würde. AM 27. MAI, eine Woche nach Verlassen der Geburtsklinik, fuhr sie mit ihrem Mann nach Bukarest. Eine Krankenschwester der Klinik begleitete sie. Ein Labormitarbeiter nahm beiden Elternteilen Blut ab und machte einen Abstrich vom Rachen des Kindes. Nach zehn Werktagen sollten die Ergebnisse vorliegen.

Am 10. Juni hielt es Ionela kaum noch aus. Als Gheorghe losging, um das DNA-Ergebnis abzuholen, blieb sie zu Hause und wartete. Von ganzem Herzen hoffte sie, dass das drei Wochen alte Baby im Nebenzimmer ihres war. Sie liebte es mittlerweile, als ob es ihr eigenes sei. Um 17 Uhr nahm Gheorghe den Briefumschlag entgegen, öffnete ihn und las das Ergebnis. Dann fing er an zu weinen. Das Baby war nicht ihres. Er fühlte sich nicht imstande, seiner Frau die Nachricht zu überbringen. Also rief er die Patentocher seiner Frau an und bat sie, es Ionela zu sagen. Als Ancuta den Hof betrat, genügte Ionela ein Blick in ihre Augen, und sie wusste das Ergebnis.

Ramona wusste, dass die Neagas heute das Ergebnis bekamen. Nachmittags kletterte sie auf einen Kirschbaum, um Früchte für Marmelade zu pflücken. Sie erklomm den Baum, als wollte sie vor der Nachricht fliehen, dass ihr Baby nicht ihres sein könnte. Dann läutete das Telefon. Ihr Pate rief ihr zu, sie solle ans Telefon gehen. "Egal, wer es ist, ich gehe nicht ran!", antwortete die junge Frau.

Der Pate ging ans Telefon. Es war Gheorghe. Er teilte ihm das Testergebnis mit. Er und seine Frau wollten in die Klinik fahren, um die Angelegenheit zu klären. Sie würden dort auf Ramona und Dan warten. Die Familien trafen sich ein zweites Mal in der Klinik. Als das medizinische Personal das Ergebnis erfuhr, wagte niemand, dieses infrage zu stellen. Es wollte aber auch niemand zugeben, einen Fehler gemacht zu haben. Das Krankenhaus kündigte an, eine eigene Untersuchung durchzuführen. Ionela hatte sich mit der Situation abgefunden. Sie wollte nur ihr Baby und nach Hause gehen. Aber Ramona weigerte sich zu akzeptieren, dass das Baby nicht ihres war und sie mit einem anderen Baby nach Hause gehen sollte, das sie gar nicht kannte. "Das ist mein Baby! Alle sagen, er sieht genauso aus wie ich!", wehrte sich Ramona.

Insgeheim wusste sie allerdings, dass etwas geschehen musste, und beschloss, einen weiteren DNA-Test vornehmen zu lassen – dieses Mal mit beiden Babys. Sie hoffte immer noch, dass sich herausstellen würde, dass Ionelas Baby mit dem einer anderen Frau verwechselt worden war. Doch am 17. Mai 2013 wurde in der Klinik nur noch ein weiteres Baby geboren – ein Mädchen. Ramona bestand darauf, dass die Tests mit aller Dringlichkeit durchgeführt werden sollten. Die höheren Kosten dafür wurden der Klinik in Rechnung gestellt.

Am 17. Juni brachen die beiden Familien nach Bukarest auf, um die neuen DNA-Tests vornehmen zu lassen. Die beiden Mütter saßen auf dem Rücksitz eines Klinikautos. Ionela, die jetzt sicher war, dass ihr Baby das Kind in Ramonas Armen war, wollte es halten, nur für einen Moment. Die beiden Babys sahen einander sehr ähnlich. Beide waren blond mit blauen Augen und heller Haut. Ramona gestattete Ionela, das Baby zu halten und zu stillen. Doch das Kind wollte nicht trinken, es war mittlerweile an Flaschenmilch gewöhnt.

Zwei Tage später waren die Ergebnisse da: Die beiden Babys waren vertauscht worden. Ein drittes Mal trafen sich die Familien im Krankenhaus. Der Auschuss des städtischen Krankenhauses von Onesti enthob die Leiterin der Neugeborenenabteilung Dr. Cornelia Camarasu ihrer Position, ebenso die leitende Assistentin, Luminita Antohi. Fünf Krankenschwestern, die an jenem Tag, als die Babys vertauscht wurden, Dienst hatten, erhielten eine zehnprozentige Lohnkürzung für die Dauer von drei Monaten. Eine sechste Schwester erhielt eine Kürzung von 5 Prozent, vier weitere Schwestern wurden verwarnt.

Ionela und Ramona sind sich einig, dass dies den Albtraum nicht wiedergutmachen kann, den sie durchlebt haben. Keine der Mütter war auf die Bedürfnisse ihres echten Babys eingestellt. Sie mussten sich erst an die neue Situation gewöhnen. Eine Woche lang schaffte es Ramona nicht einmal, sich ihrem Baby zu nähern. Ihr Mann blieb Tag und Nacht bei dem Kleinen. Ramona sagt: "Ich hatte stark abgenommen und konnte mich überhaupt nicht freuen." Ionela stellte sich schneller auf die Bedürfnisse ihres Babys ein, doch der seelische Schmerz blieb. Das Hin und Her hatte sie depressiv gemacht, und es dauerte einige Wochen, bis es ihr wieder gut ging.

An diesem Nachmittag Anfang September 2014 treffen sich die Mütter. Sie tun das so oft wie möglich. Ionela geht zum Kühlschrank und nimmt eine Schale Tiramisu heraus, das sie für den Besuch von Ramona und Eli zubereitet hat. Sie gibt jedem Kind eine Portion. Eine Weile ist es still. Danach spielen die Jungen wieder lautstark miteinander. Ihre Mütter lächeln. Manchmal haben sie sogar das Gefühl, zwei Söhne zu haben. "Wenn Eli aufgebracht ist und weint, beruhigt er sich sofort, wenn wir Ionelas Haus betreten", erzählt Ramona lächelnd. Und Edi lacht aus vollem Hals und streckt seine Hand nach dem Jungen aus, zu dem er – durch die dramatische Verwechslung – eine besondere Verbindung hat.


 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Österreich: Verlag Das Beste Ges.m.b.H. - Landstraßer Hauptstraße 71/2, A-1030 Wien