Der Untergang der Bounty
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aktuellen
Ausgabe

Spannung

Der Untergang der Bounty

Ein legendäres Segelschiff gerät in den Hurrikan Sandy – mit tödlichen Konsequenzen.

Ausgabe: April 2014 Autor: Nick Heil

Ein Sonntagabend Ende Oktober 2012. Die Kommandozentrale informiert Leutnant Wes McIntosh von der US-Küstenwache, dass ein Notruf vom Eigner des Großseglers HMS Bounty eingegangen war. Das Schiff befand sich im stürmischen Atlantik vor der Küste des US-Bundesstaates North Carolina. Um 23 Uhr flog McIntosh seine Turboprop-Maschine in östlicher Richtung, direkt in den Sturm hinein. Unter diesen Wetterbedingungen war es unmöglich, das Schiff auf dem Radar zu finden. McIntosh und sein Copilot Mike Myers setzten ihre Nachtsichtbrillen auf. Sie konnten nicht bis zur Wasseroberfläche hinunterblicken. Die Maschine wurde hin und her geschüttelt. Regen trommelte gegen die Windschutzscheibe. McIntosh kämpfte mit der Steuerung, um das Flugzeug tiefer zu bringen. Endlich rissen die Wolken auf und gaben den Blick auf den aufgewühlten Ozean frei.

"Siehst du etwas?", fragte McIntosh. Myers erwiderte: "Da ist ein Piratenschiff mitten in einem Hurrikan." Die HMS Bounty war eines der bekanntesten Schiffe der Welt, ein Nachbau des Original-Schiffs Bounty von 1960 für den Film „Meuterei auf der Bounty“. Sie war 37 Meter lang. Die Bounty verließ New London in Connecticut am 25. Oktober mit einer 16-köpfigen Besatzung an Bord Richtung Florida. Drei von ihnen, so auch Robin Walbridge, 63, hatten ein Kapitänspatent. Der Eigentümer der Bounty, der New Yorker Geschäftsmann Robert Hansen, hatte Walbridge 1995 angeheuert. Seitdem hatte dieser bei Hunderten von Fahrten der Bounty entlang der Atlantikküste auf der Brücke gestanden, und war durch zwei schwere Tropenstürme gesegelt.

Bevor sie den Hafen verließen, informierte Walbridge die Mannschaft, dass sich ein schwerer Sturm zusammenbraute. Er glaubte, sie könnten ihn sicher umschiffen, aber sie würden unterwegs auf raue See treffen. Jedem stünde es frei, das Schiff zu verlassen. Am nächsten Tag stach die Bounty bei klarem Himmel und leichtem Wind in See, mit voller Besatzung. Die Stimmung an Bord war gut. Die Fahrt sollte 14 Tage dauern. Doch als am Sonntagabend die Dämmerung anbrach, segelte die Bounty in einen der schlimmsten Stürme, die je im Atlantik verzeichnet wurden. Früher an jenem Tag hatte eine Windbö das Vorsegel der Bounty zerfetzt. Im Maschinenraum stand das Wasser rund anderthalb Meter hoch. Die Generatoren fielen aus.

Ein schrecklicher Sturm

Walbridge setzte sich zusammen mit Doug Faunt, 66, einem Freiwilligen, der allgemeine Technikarbeiten erledigte, an die Funkkonsole. Durch den Sturm waren ihre Mobil- und Satellitentelefone unbrauchbar geworden. Hobbyfunker Walbridge und sein Kamerad Faunt versuchten, das Büro der Bounty an Land mittels eines Amateurfunksenders über die gefährliche Lage zu informieren. Im Funkraum tippten Walbridge und Faunt eine E-Mail mit ihren Koordinaten in das Funkgerät ein, das die Daten ins Internet übertragen konnte.

Am Himmel flog McIntosh eine scharfe Kurve über einer Szene, die sich ihm so noch nie geboten hatte. Unter sich erblickte er den gewaltigen Schatten der Bounty mit ihren Masten in einer Schräglage von 45 Grad. Im Flugzeug setzte der Systemoffizier eine Funknachricht auf dem Notfallkanal ab. Die Antwort kam umgehend: "Hier ist die HMS Bounty. Wir hören Sie laut und deutlich!" Der Sprecher war John Svendsen, 41, der Erste Offizier. Er informierte das Rettungsteam über die Lage. Die Bounty lief weiterhin voll, etwa 30 Zentimeter pro Stunde. Doch er war der Ansicht, dass sie bis zum Tagesanbruch durchhalten könnten.

McIntosh hatte gehofft, Pumpen für das Schiff abwerfen zu können, doch er kam nicht nahe genug heran. Walbridge übernahm das Steuer der Bounty. Svendsen erklärte McIntosh, dass sie vorhatten, eine Evakuierung bei Tagesanbruch anzuordnen. Gegen drei Uhr morgens versammelten Walbridge und Svendsen die Mannschaft im Hinterschiff und erläuterten den Plan. In den nächsten Stunden widmete sich die Besatzung ihren Aufgaben Überlebensanzüge (orangefarbene Ganzkörper-Schutzanzüge aus Neopren) und Verpflegung für die Rettungsinseln zusammentragen – oder versuchte, einen Platz zum Ausruhen zu finden. Claudene Christian versorgte den verletzten Adam Prokosh. Er hatte zwei gebrochene Rippen, und seine Schulter war ausgekugelt.

Die Mannschaft geht von Bord

Um vier Uhr morgens wies Walbridge die Besatzung an, die Anzüge anzulegen. Sie würden das Schiff beim ersten Anzeichen der Dämmerung über das Heck verlassen. Das Wasser kam immer schneller herein, jetzt waren es schon knapp 60 Zentimeter pro Stunde. Der Bug lag unter Wasser. Da der Wind zu stark war, um an Deck zu stehen, krochen die Besatzungsmitglieder über die Planken. Gegen 4.30 Uhr riss eine gewaltigen Welle mehrere Besatzungsmitglieder ins Meer. Andere sprangen in den Ozean. Die Bounty lag jetzt auf der Seite, die Masten im Wasser, umgeben von einem wirren Knäuel aus Takelage.

Svendsen griff nach dem Funkgerät. "Wir verlassen jetzt das Schiff!", brüllte er in das Mikrofon. McIntosh konnte sehen, wie die Bounty sank und mehrere Lichter im Wasser trieben: die Blinkleuchten an den Überlebensanzügen. Die Lage war nun äußerst kritisch. War noch jemand an Bord, vielleicht unter Deck gefangen? McIntosh kreiste erneut über der Stelle. Das Team warf zwei Rettungsboote hinunter. Sie hofften, sie würden nahe am Schiff landen. Der Treibstoff des Flugzeugs ging zu neige, sie waren gezwungen, zum Stützpunkt zurückzukehren. Die gesamte Besatzung der Bounty war jetzt im Wasser und wurde vom schweren Seegang mitgerissen. In den Überlebensanzügen ließ es sich nur schwer manövrieren. Wasser drang in die Stiefel ein und zog sie hinunter.

Der Zweite Offizier, Matt Saunders, klammerte sich zusammen mit sechs anderen Überlebenden an ein Holzgitter. Eines der Rettungsboote der Küstenwache trieb ganz in der Nähe, aber sie konnten es nicht erreichen. Nicht lange danach fanden sie jedoch eine der Rettungsinseln und kletterten mühsam hinein. Sechs weitere Besatzungsmitglieder der Bounty saßen in der zweiten Rettungsinsel. Unterdessen trieb Svendsen auf das offene Meer hinaus. Sein einziger Halt bestand aus einer Signalbake. Es war Walbridges Idee gewesen, die Bojen als Standardausrüstung einzupacken. Doch wo war der Kapitän? Und wo war Claudene Christian? Da sie keine Möglichkeit hatten, miteinander zu kommunizieren, kannten weder die Insassen der Rettungsinseln noch Svendsen das Schicksal ihrer Kameraden. Endlich kamen vier Hubschrauber der Küstenwache in Sicht, der Klang der Propeller übertönte den Lärm des Sturms.

Die Überlebenden

Ich der Dämmerung wurde Rettungsschwimmer Randy Haba aus einem der Hubschrauber in die meterhohen Wellen hinabgelassen. Schnell erreichte er Svendsen, der inzwischen rund 800 Meter von der Unglücksstelle trieb. Der Erste Offizier hatte sich die Hand gebrochen und viel Salzwasser geschluckt. Haba legte Svendsen einen Gurt an und brachte ihn sicher an Bord des Hubschraubers. Anschließend kümmerte sich das Helferteam um die erste Rettungsinsel.

Die Überlebenden der Bounty hatten die Rotoren gehört und mitbekommen, dass Hilfe unterwegs war. Dennoch war es ein Schock, als Randy Haba auf der Rettungsinsel auftauchte. Ein weiterer Rettungsschwimmer half den Überlebenden aus der anderen Rettungsinsel dabei, an Bord des zweiten Hubschraubers zu kommen.

Insgesamt 14 Überlebende stiegen zitternd auf dem Stützpunkt von Elizabeth City, North Carolina, aus den Helikoptern. Ein weiteres Rettungsteam hatte Claudene Christian gefunden. Trotz aller Versuche gelang es nicht, sie wiederzubeleben. Nachdem sich das Meer beruhigt hatte, setzte die Küstenwache ihre Suche nach Walbridge fort, doch der Kapitän blieb spurlos verschwunden.

 


 

RD Abbinder
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