Gewitterwolken über Mallorca.
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Spannung

Mallorca: Vier Niederländer gefangen in den Fluten

Starker Regen auf der spanischen Urlaubsinsel. Innerhalb von Sekunden wird ein Auto mit vier niederländischen Touristen von den Wassermassen mitgerissen.

Ausgabe: Mai 2021 Autor: Simon Hemelryk

Marjon van Eijk (57) aus Oss in den Niederlanden war gerade mit ihrer Familie auf der spanischen Insel Mallorca gelandet, wo sie die Hochzeit ihrer Tochter Iris feiern wollten. Die Zeremonie würde am nächsten Tag, dem 10. Oktober 2018, in der Nähe von Sant Llorenç des Cardassar stattfinden, eine knappe Autostunde vom Flughafen entfernt. „Ich freue mich schon auf das Grillen heute Abend, und erst recht auf die Hochzeit morgen“, sagte Marjon van Eijk zu ihrer Mutter Bets, 84. Die betagte Dame war nicht bei bester Gesundheit. Doch sie freute sich darauf, die Hochzeit der Enkelin mitzufeiern. Zu ihrer Unterstützung hatte die Familie extra die Krankenschwester Marjon Theunissen mitgebracht.

 

Weggespült von der Flut

Gegen 18 Uhr verließen die drei Frauen zusammen mit Marjons Ehemann Pieterjan van Eijk das Flughafengebäude und stiegen in einen weißen Mietwagen. Iris und ihr Verlobter Coen erwarteten sie nahe Sant Llorenç. Es begann, stark zu regnen. Doch das tat der Schönheit der Insel keinen Abbruch. Pieterjan, 60 Jahre alt und von Beruf Historiker, saß am Steuer. Sie hatten nicht die leiseste Ahnung, dass die Regenmenge – an diesem Tag sollten mehr als 230 Millimeter pro Quadratmeter zusammenkommen – so gefährlich werden würde. Als sie hinter Sant Llorenç die gewundene Straße hinauffuhren, wurde der Regen noch heftiger. Sie erreichten eine Brücke, die normalerweise über einen kleinen Bach führte. Ohne Vorwarnung spülte plötzlich eine Welle schlammigen, schnell fließenden Wassers diese weg. In Sekundenschnelle hatte die Sturzflut das kleine weiße Auto in den tosenden Fluss geschleudert und riss es mit sich den Hang hinunter. Das Auto schlingerte und drehte sich im Wasser, das Dach schrammte an der Unterseite von Brücken entlang. Verängstigt klammerten sich alle fest.

Die Flut trug das Auto zurück nach Sant Llorenç. Der Ort stand inzwischen meterhoch unter Wasser. Das Fahrzeug wurde mitgerissen bis in das Buschland einige Hundert Meter südlich der Stadt, wo die Flut sich über eine Breite von 70 Metern erstreckte. Schlammig braunes Wasser strömte in das Auto und stieg rasch an. Zusammen mit der Krankenschwester saß Marjon van Eijk auf der Rückbank. Ihr war klar, dass sie das Auto schnell verlassen mussten, ehe sie im Wasser ertrinken würden. Also drückte sie die hintere Tür auf und sprang in die Fluten. Die 52-jährige Krankenschwester folgte ihr. Dann zog Marjon am Griff der Vordertür, um diese zu öffnen. Doch der Druck des Wassers auf die Tür war zu stark. Plötzlich drehte sich das Auto auf das Dach, sodass Pieterjan und seine Schwiegermutter kopfüber in ihren Sitzgurten hingen. Ein weiterer Wasserschwall kippte das Auto wieder auf die Räder. Während sie gegen die Strömung ankämpfte, bekam Marjon van Eijk den Griff der hinteren Tür zu fassen. Unter Aufbietung aller Kräfte gelang es ihr, sie aufzuziehen. Keuchend zog sie Pieterjan und Bets zwischen den Vordersitzen hindurch nach hinten und aus dem Fahrzeug heraus. Alle vier klammerten sich an das Autoheck, während das mittlerweile brusthohe Wasser über sie hinwegrauschte und sie Trümmern ausweichen mussten. Es blitzte regnete unaufhörlich weiter. Pieterjan van Eijk schrie um Hilfe.

 

Rettung in Sicht

Ungläubig starrte Gento Galmés aus dem Fenster seines kleinen Sommerhauses. Der 57-Jährige hatte gerade die 1,5 Kilometer lange Fahrt aus Sant Llorenç hinter sich. Wegen der sintflutartigen Regenfälle hatte er den Verlauf der Straße nur erahnen können. Der normalerweise schmale Bach in rund 100 Metern Entfernung war über die Ufer getreten, und das Wasser strömte jetzt über den felsigen Untergrund auf sein Grundstück zu.  Auch sein Nachbar Miquel Montoro war aus seinem Sommerhaus getreten. Im Schein der Blitze konnte Montoro schemenhaft Autos im Wasser ausmachen. Außerdem vernahm er Schreie, die von einem kleinen weißen Auto kamen, das rund 30 Meter entfernt im Sturzbach stand. Auch Galmés hörte die Hilferufe und rannte zu seinem Nachbarn. Montoro richtete die Scheinwerfer seines Vans auf das Auto im Wasser. Sie seilten sich an wie Bergsteiger: Montoro würde Galmés absichern, während dieser sich durch die Fluten kämpfte. Dann bewegten sie sich auf das Auto zu. Die beiden Einheimischen spürten, wie sie selbst im aufgewühlten Schlamm einsanken. Während sich Galmés durch die Strömung vorwärtskämpfte, blieb Montoro stehen. Er war kräftig, aber nur knapp 1,60 Meter groß, sodass ihm das Wasser bald bis zur Brust stand. Kühlschränke, Paletten und Bäume trieben an ihnen vorbei. Beiden Männern war klar, dass sie jeden Moment von einem größeren Gegenstand mitgerissen werden könnten. Doch von Adrenalin aufgeputscht, gaben sie nicht auf. Galmés brauchte zehn Minuten, um bis auf zehn Meter an das Auto heranzukommen. Dort sah er vier Personen, die sich an das Heck klammerten. Galmés warf ihnen das Seilende zu. Nach mehreren Versuchen gelang es Pieterjan van Eijk, der am nächsten stand, das Seil zu greifen. Mit Gesten forderte der Spanier ihn auf, es sich um die Taille zu binden. Dann stemmte Galmés die Füße in den Boden, um den Mann zu sich zu ziehen.

 

Nacheinander werden die Niederländer an Land gezogen

Pieterjan stapfte unsicher durch das Wasser, verlor das Gleichgewicht und geriet unter Wasser. Doch er kämpfte sich wieder auf die Beine, und Galmés zog am Seil, bis er nahe genug war, dass van Eijk die Arme um ihn schlingen konnte. Galmés und Montoro brachten ihn ans Ufer. Sie hofften, dass der großgewachsene Mann ihnen helfen würde, die anderen zu retten. Doch Pieterjan van Eijk zitterte und war zu benommen. Drei Menschen harrten noch am Auto aus. Nachdem die Krankenschwester in Sicherheit gebracht war, ging Galmés zurück, um die beiden anderen Frauen zu holen. Marjon tauchte in das Auto, um die Medikamente der Älteren zu holen. Dann machten sich beide auf den Weg durch die Fluten. Marjon van Eijk versuchte, ihre Mutter zu stützen. Doch Bets verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Galmés und Montoro versuchten, sie hochzuheben, aber sie war zu schwer und konnte selbst nicht mithelfen. Miquel Montoro rannte los, um eine Schubkarre zu holen. Schließlich schafften die beiden Spanier es, die hilflose Frau damit an Land zu bringen. Die geretteten Niederländer gingen mit Galmés zu Montoros Sommerhaus. Marjon Theunissen und Gento Galmés’ Tochter Margalida, die ebenfalls Krankenschwester war, kümmerten sich um die alte Dame. Sie musste schnell ins Krankenhaus, doch ohne Mobilfunksignal konnten sie keinen Krankenwagen rufen.

 

Die Landschaft ist verwüstet vom Regen

Außerdem war der Schotterweg, der zur Straße nach Sant Llorenç führte, beschädigt worden. Montoro setzte ihn mithilfe seines Traktors notdürftig instand. Nach einer knappen Stunde war der Weg wieder passierbar. Die Spanier brachten die vier Geretteten in zwei Autos zu einem Kreisverkehr, an dem die Polizei den Verkehr umleitete. Von dort wurden die Niederländer in eine Notunterkunft gebracht, ein Rettungswagen transportierte die 84-Jährige ins Krankenhaus. Die Stadt Sant Llorenç sah aus, als wäre sie von einem Erdbeben erschüttert worden. Überall lag Schutt herum. 13 Menschen verloren an jenem Tag in der Sturzflut ihr Leben. Im Juni 2019 überreichte König Felipe VI. Gento Galmés und Miquel Montoro den spanischen Verdienstorden. Drei Monate später bekamen die beiden Männer im Rathaus von Sant Llorenç, in Anwesenheit der van Eijks, eine Ehrenmedaille verliehen. Die Trauung von Iris und Coen fand später in den Niederlanden statt.

 

 

 


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