Rettet den Babywal
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Spannung

Rettet den Babywal

Ein Meeressäuger wird in Kanada an den Strand gespült. Stundenlang kämpfen Tierschützer um sein Leben.

Ausgabe: November 2015 Autor: J.B. MacKinnon

Surfer und Strandspaziergänger hatten es frühmorgens gefunden. Das Tier war in etwa so lang wie ein Surfbrett und lag im flachen Wasser. Seine Augen waren geschlossen, doch noch schnappte es durch das sich öffnende und schließende Blasloch nach Luft. Ein in Not geratenes Meerestier kann sich kaum eine bessere Stelle als den Chesterman Beach aussuchen. Der Strand bei Tofino, einer Stadt an der Westküste von Vancouver Island, ist zu jeder Tages- und Nachtzeit und bei jeder Witterung gut besucht. Entlang der Flutlinie kann man Braunalgen, Ohrenquallen oder riesige Muscheln finden. Oder einen gestrandeten Wal. Ein Surfer zog das Tier an der Schwanzflosse in tieferes Wasser. Doch als er es losließ, drehte es sich hilflos so lange in den Wellen, bis es erneut strandete.

Rob Letts und Tarni Jacobsen trafen an diesem 10. Juli 2014 um 9.17 Uhr zu ihrem Patrouillengang am Chesterman Beach ein. "Wir kontrollieren den Strand auf Wildcamper, Lagerfeuer oder unerlaubte Partys", erklärt Jacobsen. Doch an diesem Morgen kam aus dem Nebel ein Tourist auf sie zu. "Da liegt ein Delfin am Strand", sagte er. Einige Leute standen um das Tier herum. Seine Flossen waren von tiefen, blutigen Schrammen gezeichnet. Letts und Jacobsen wandten sich sogleich an das "Marine Mammal Response Network" des Bundesstaates British Columbia, das sich im Auftrag des Department of Fisheries and Oceans (DFO) um in Not geratene Meerestiere kümmert. Allein im vergangenen Jahr gingen dort 323 Notrufe ein. Sie benachrichtigten auch das Rettungszentrum des Tierparks Vancouver Aquarium, das Erfahrung im Umgang mit Walen hat. Während Letts mit zwei Freiwilligen das Tier wieder in die Flachwasserzone manövrierte, schickte Jacobsen per E-Mail Fotos an die Fachleute.

Eine improvisierte Wasserhängematte

Zufällig saßen in einem nur zwei Autominuten entfernten Restaurant Beamte der kanadischen Polizei (RCMP) und der DFO zusammen mit Parkwächtern und Umweltschutzbeamten beim Frühstück. Als Denise Koshowski den Notruf empfing, fuhr sie mit dem Artenschutzbeauftragten Brad Bowman sofort los. Kurz darauf traf auch die Praktikantin Kayla Topping am Chesterman Beach ein. Sie zogen ihre Schuhe aus, rollten die Hosenbeine hoch und wateten in die heranrauschenden Wellen. "In der Regel konnte man die größeren Wellen im Voraus erkennen und sich wappnen", berichtet Bowman. "Dann hielt einer von uns die Hände über das Blasloch, damit kein Wasser eindringen konnte." Koshowski, eine Tierärztin, wandte sich an die Schaulustigen am Strand und rief: "Kann jemand Badetücher besorgen?" Ein Mann lief daraufhin zu einer Strandhütte und schon bald schwebte das Tier in einer aus zusammengeknoteten Tüchern improvisierten Hängematte. Fünf Stunden lang trotzten die Helfer den Wellen, bis ihre Finger sich verkrampften. Doch keiner beschwerte sich. "In Tofino ist das Meer nicht einmal im Sommer warm", sagt Bowman. "Klar war es kalt, aber es hat mir nichts ausgemacht."

200 Kilometer Luftlinie entfernt begann Dr. Marty Haulena ein Rettungsteam zusammenzustellen. Als leitender Tierarzt im Vancouver Aquarium weiß Haulena, dass die Chance für eine erfolgreiche Rettung schlecht stehen: Nur 10 Prozent aller gestrandeten Wale überleben. Die ersten 24 Stunden sind entscheidend. "Am wichtigsten ist schnelles Handeln", so Haulena. "Wenn die Tiere am Strand auflaufen, ist schon einiges schiefgegangen. Gestrandet zu sein, bedeutet für diese Tiere gesundheitliche Schäden: Die Lungen werden gequetscht, die Nieren versagen, die Muskeln werden geschädigt. Und sie erleiden Verletzungen durch scharfkantige Felsen und Muscheln oder auch aufgrund von Attacken durch andere Tiere sowie durch die Manöver ihrer Ersthelfer." Gegen 11.30 Uhr hatte Dr. Haulena zwei tierärztliche Rettungssanitäter und einen Videofilmer abgestellt, die mit einem Wasserflugzeug nach Tofino fliegen sollten.

Ein Unechter Schwertwal

Am Chesterman Beach ereignete sich zum selben Zeitpunkt ein glücklicher Zufall: Jim Darling, ein für seine Forschung über Grauwale und Buckelwale bekannter Meeresbiologe, ging mit seinem Hund spazieren, als er eine Gruppe von Leuten in Uniform sah, die einen Meeressäuger in einer Matte aus Badetüchern hielten. "Zuerst dachte ich, es sei ein Schweinswal", berichtet Darling. "Doch dann sah ich die Rückenflosse und noch ein paar andere Merkmale." Seine zweite Assoziation, es könne sich um einen Unechten Schwertwal handeln, war allerdings eher abwegig. Unechte oder Kleine Schwertwale gehören zwar der gleichen Familie wie Delfine und Schwertwale (auch Orcas genannt) an, waren jedoch seit 1987 sehr selten in kanadischen Gewässern gesichtet worden. Zeitgleich mit Jim Darlings zoologischer Schlussfolgerung am Chesterman Beach betrachteten Fachleute bei der DFO und im Vancouver Aquarium die von den Rettern gesendeten Fotos. Und auch ihnen wurde klar: "Das ist kein Schweinswal. Das ist ein Unechter Schwertwal."

Dr. Justin Rosenberg hatte erst seinen vierten Arbeitstag als Tierarzt am Vancouver Aquarium angetreten, als er und die Veterinärassistentin Shanie Fradette nach der Landung in Tofino am Chesterman Beach eintrafen. Mittlerweile war es kurz nach 13 Uhr. Bis vor Kurzem hatte der Wal noch ab und zu mit der Schwanzflosse geschlagen und leise Klicklaute von sich gegeben. Nun war er still und hatte aufgehört, sich zu bewegen. "Ganz offensichtlich stand er unter enormem Stress. Seine Atemfrequenz war sehr viel höher als normal. Seine Augen waren geschlossen und er war zutiefst geschwächt", berichtet Rosenberg. Die Tiermediziner setzten ihre Untersuchungen fort. Der Wal hatte einen sogenannten "Peanut Head" (Erdnusskopf). Dabei handelt es sich um eine Verjüngung hinter dem Schädelknochen, die bei Meeressäugern auf Untergewicht hindeutet. Außerdem besaß er noch keine Zähne. Sie verabreichten ihm ein Beruhigungsmittel sowie Entzündungshemmer und ein Antibiotikum, das einer Lungenentzündung vorbeugen sollte, die häufig bei Walen auftritt, die Wasser eingeatmet haben. Das Walbaby einzuschläfern stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. "Zu Beginn muss man einfach auf die Hoffnung setzen", sagt Shanie Fradette. "Manchmal sind gerade die Kleinen ziemlich zäh."

Gerettet, aber nie wieder frei

Zwei Stunden verstrichen, bevor Fradette und Rosenberg grünes Licht bekamen, den Wal mit nach Vancouver nehmen zu dürfen. Nur die DFO kann Transportgenehmigungen für Meeressäuger erteilen, und sogar in einem Notfall wie diesem ist das Verfahren kompliziert. "In erster Linie sollte versucht werden, das Tier wieder mit seiner Mutter zu vereinen", so Paul Cottrell, Koordinator für Meeressäuger in dieser Pazifikregion. Bei jedem gestrandeten Wal wird von Fall zu Fall entschieden: Mal lässt man das Tier sterben, mal wird es aufgenommen und lebenslang von Menschen betreut. In diesem Fall hatte die Behörde alle Walbeobachtungs-Unternehmen und Seeleute in der Umgebung Tofinos befragt. Die meisten Schiffe waren wegen des Nebels im Hafen geblieben, einen Unechten Schwertwal hatte niemand gesichtet. Die nächste Überlegung der DFO war, das Walbaby in eine geschützte Bucht zu transportieren, wo die Brandung nicht so stark war wie am Chesterman Beach, um es dort auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Die Berichte vom Einsatzort legten jedoch nahe, dass das Tier ohne intensivmedizinische Hilfe vermutlich nicht überleben würde. "Man muss immer die Folgen abwägen. Ein so junges Tier kann man nicht einfach in die Freiheit entlassen", sagt Cottrell. Den Wal nach Vancouver zu bringen würde ihm zwar das Leben retten, doch wäre diese Entscheidung unumkehrbar: Er würde nie wieder in die Freiheit entlassen werden können.

Gegen 16 Uhr, sieben Stunden nach Beginn der Rettungsaktion, erteilte die DFO die Genehmigung, das Walbaby zu transportieren. Es musste mit einer der letzten Fähren zum Festland gebracht werden. Für die kleinen Flugzeuge, die auf dem Flugfeld von Tofino starteten, war es zu groß. Das bedeutete eine dreistündige Fahrt mit Koshowskis Pick-up zum Fährhafen. In der Nähe von Port Alberni trafen sie verabredungsgemäß den Transporter des Rettungszentrums für Meeressäuger. Acht Leute hoben den Wal auf einer Trage von der Ladefläche des Pick-ups und trugen ihn hinüber. Plötzlich sagte jemand: "Ich kann seinen Herzschlag nicht mehr spüren." "Alle schrien durcheinander", erinnert sich Brad Bowman, der den Transport des Wals begleitet hatte. "Holt Wasser! Holt dies! Holt das!" Doch zum Glück war die Aufregung schnell wieder vorbei. Die Tiermediziner lokalisierten den Puls, und das Walbaby wurde durch einen intravenösen Zugang mit Flüssigkeit versorgt. Nährstoffe verabreichte man ihm per Subkutanspritze zwischen Blasloch und Rückenflosse.

Der Wal litt unter Austrocknung

Eine Blutuntersuchung ergab, dass der Wal unter Austrocknung litt und wahrscheinlich Meerwasser geschluckt hatte. Als die Fähre losfuhr, wusste keiner der Passagiere an Bord, dass auf einem Parkdeck unter ihnen ein Walbaby um sein Leben kämpfte. Es war kurz vor 23 Uhr, als das Team beim Rettungszentrum im Hafen von Vancouver eintraf. Die Mitarbeiter wogen den kleinen Wal, der in Anlehnung an seinen Fundort den Namen "Chester" erhielt, und ließen ihn vorsichtig in die Arme zweier Helfer gleiten, die bereits in einem Pool auf ihn warteten. Anschließend blieben die beiden die ganze Nacht bei ihm im Wasser und streichelten ihn. Der natürliche Lebensraum Unechter Schwertwale liegt in den Warmwasserregionen der Weltmeere. Genaue Bestandszahlen liegen nicht vor. Zu dieser Tierart besteht ein "Datenmangel", was bedeutet, dass sie bislang noch nicht ausreichend erforscht wurde. Man weiß aber, dass es sich um eine ausgesprochen soziale Tierart handelt. 1966 erschien ein Bericht des Ozeanums "Marineland of the Pacific" über einen vor der kalifornischen Küste gefangenen Unechten Schwertwal. Artgenossen des Wals, so der Bericht, stießen Alarmrufe aus und rieben sich an den Seilen, mit denen der erste Wal gefesselt war. Nur 24 Stunden später fraß der gefangene Wal seinem Betreuer allerdings schon aus der Hand. Er baute in kurzer Zeit eine Beziehung zu seinen menschlichen Trainern auf. Er erwies sich als so lernfähig, dass er bald die Kunststücke der Delfine nachahmte.

Als am 11. Juli die Sonne aufging, hatte Chester die Krise überstanden. Und jetzt, 100 Tage nach seiner Ankunft, lernt Chester, sich aus dem Wasser zu katapultieren. Manchmal versperrt er sogar seinem Lieblingspfleger den Zugang zur Leiter, wenn dieser den Pool verlassen will. Er hat 47 Kilogramm zugenommen, und auch der "Erdnusskopf" ist verschwunden. Seine Pfleger erinnern sich jedoch vor allem an einen ganz besonderen Moment auf dem Parkdeck der Fähre. Es war der Moment, in dem Chester zum ersten Mal die Hände, die auf ihm lagen, bewusst wahrzunehmen schien. Er öffnete ein Auge, schaute sich um, schloss es wieder. Chester, der Wal, hatte den Kampf um sein Leben aufgenommen.

 


 

RD Abbinder
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