Blick auf die Insel St. Kitts mit den erloschenen Vulkanen.
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Ausgabe

Spannung

Überlebenskampf auf dem Vulkan

Während einer Bergtour im Dschungel stürzt Clay in einen Krater. Gelingt es seiner Frau, ihn zu retten?

Ausgabe: Februar 2021 Autor: Nicholas Hune-Brown

Acaimie und Clay Chastain erreichten an einem diesigen Morgen im Juli 2019 den Fuß des Mount Liamuiga auf der karibischen Insel St. Kitts. Es sollte ihre erste gemeinsame Bergbesteigung als Ehepaar sein. Fünf Tage zuvor hatten die beiden in ihrem Heimatort Crawfordsville im US-Bundesstaat Indiana geheiratet. Der 23-jährige Clay und die 25-jährige Acaimie hatten sich bei einer Tanzveranstaltung an der Purdue University kennengelernt. Die beiden blieben ein Paar, auch, als sie in den Jahren danach fünf Autostunden weit auseinander wohnten. Acaimie ist die Realistin der beiden und machte sich schon immer Sorgen. Clay hingegen war ein ewiger Optimist: sorglos und unbekümmert, immer sicher, dass alles irgendwie gut gehen würde.

Clay hatte auch den Wunsch geäußert, während ihrer Hochzeitsreise den Mount Liamuiga zu erklimmen. Der erloschene Vulkan ist der höchste Punkt auf St. Kitts, seine Spitze oft von von Wolken umhüllt, und die steilen Flanken reichen bis zum Meer. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel. Mit T-Shirts, kurzen Hosen und Turnschuhen bekleidet fuhr das Paar im Mietwagen zum Fuß des Bergs. Der Parkplatz war leer, ein Schild markierte den Start des Trekkingpfads. Der schmale Weg führte durch eine so üppige, tropische Vegetation, dass man den Himmel nicht sehen konnte. In den Bäumen tummelten sich Südliche Grünmeerkatzen, die Luft war feucht und schwer. Acaimie und Clay brauchten fast drei Stunden bis zum Gipfel. Unter ihnen lag die Insel St. Kitts, ein weiter Teppich aus grünem Regenwald, der sich in Kaskaden bis zum saphirblauen Wasser der Karibik erstreckte. Müde und verschwitzt aßen sie ihre mitgebrachten Sandwiches, machten Selfies und gingen am Kraterrand spazieren.

 

Clay stürzt in den Vulkan-Krater

Dann entdeckte Clay einen schmalen Weg, versteckt im Gebüsch, der in den Vulkankrater hinabführte. Dort hing ein Seil, das nach unten führte. Clay war begeistert, Acaimie weniger: Der Pfad war sehr steil, sie hatte Höhenangst, wollte aber keine Spielverderberin sein und folgte ihrem Mann. Doch schon kurz danach hatte sie genug. Acaimie setzte sich auf einen Felsen und blickte ihm hinterher, wie er den steilen Pfad hinabkletterte. Ein paar Minuten später hörte sie ein Krachen, gefolgt von dem Geräusch, wie wenn ein großer Gegenstand den Hang hinunterrollt. „Clay?“, rief Acaimie. Stille. Acaimie kämpfte gegen aufkommende Panik an. Wenige Minuten später rief Clay um Hilfe. Acaimies Handy hatte keinen Empfang, und auf ihre eigenen Rufe nach Hilfe blieb alles still. „Clay!“, schrie sie so laut sie konnte. „Clay, bist du okay?“
Acaimie griff nach dem Seil und kletterte hinab. Als es zu steil wurde, schlitterte sie auf dem Hosenboden weiter. Dann sah sie etwas Rotes aufleuchten: Clays Stirnband. Daneben lag sein Handy. Sie steckte beides ein, ging weiter und rief Clays Namen. „Hilfe“, erwiderte er mit diesem seltsamen Klang in der Stimme. Endlich erspähte sie zwischen den Bäumen sein weißes Shirt. Clay saß vornübergebeugt, den Kopf in die Hände gestützt, mit dem Rücken zu Acaimie. Er blutete am Hinterkopf, sein Nacken und seine Schultern waren voller Schrammen. Sie ging um ihn herum und sah, dass er sich übergeben hatte. Auch an seinem Gesicht lief Blut hinunter. Vielleicht war das Seil gerissen, oder er war gestolpert. Sicher war, dass Clay tief gestürzt war und eine schwere Gehirnerschütterung hatte.

 

Die beiden stolpern unkontrolliert vorwärts

„Wo sind wir?“, fragte er. Acaimie erklärte ihm, dass sie eine Wanderung auf St. Kitts gemacht und ihre Handys keinen Empfang hatten. Das schien er zu verstehen. Doch 30 Sekunden später, fragte er wieder: „Wo sind wir?“ Acaimie versuchte, klar zu denken. Sie waren allein im Vulkankrater und mussten es irgendwie zusammen dort herausschaffen.
„Schau mich an, Clay“, sagte sie. Aber er blickte durch sie hindurch. Acaimie zog Clay in die Höhe, bis er wackelig vor ihr stand. Er konnte das Gleichgewicht kaum halten und nicht selbstständig stehen. Die beiden begannen vorwärts zu stolpern. Acaimie legte seine Hände um das Seil. Dann wies sie ihn an, sich gut festzuhalten, positionierte ihn vor sich und schob ihn von hinten an. Unkoordiniert wie ein Betrunkener taumelte ihr verletzter Mann nach vorn. Zum Glück hatte Clay seine Gliedmaßen so weit unter Kontrolle, dass er Acaimies Anweisungen folgen konnte. Schritt für Schritt gelangten die beiden nach oben. Nach etwa einer halben Stunde erreichten die beiden den Kraterrand. Acaimie rief vergeblich um Hilfe. Sie mussten versuchen, aus eigener Kraft zum Parkplatz zurückzugehen.

 

Endlich kommt Hilfe

Acaimie legte sich den Arm ihres Ehemanns über die Schultern und stützte ihn. Der Weg glich einer schwierigen, kurvenreichen Skipiste mitten durch dichten Regenwald. Manchmal verlor Clay die Kontrolle über seine Beine: Dann ging er so schnell, dass Acaimie Mühe hatte, ihn um die Bäume herum zu manövrieren. Die Sonne begann unterzugehen. Würde Clay die Nacht überleben? Acaimie kontrollierte ihr Handy – kein Empfang. Zwei Stunden später ging es Clay noch schlechter. Alle zehn Minuten sackte er in sich zusammen und erbrach Blut. „Ich will schlafen“, murmelte er und schloss die Augen. Und immer noch kein Handy-Netz.
Also setzten sie ihren Weg fort: Nachdem sie sich mehrere Stunden unter Schmerzen vorwärts geschleppt hatten, legten sie eine Pause ein. Acaimie zog ihr Handy aus der Tasche. Sie hatte Empfang! Das Signal war zwar schwach, aber es könnte reichen. Sie wählte die Notrufnummer 911 und hörte erleichtert den Klang einer menschlichen Stimme. Der Helfer fragte, ob sie es bis zum Ausgangspunkt des Wegs schaffen würden. Acaimie sagte, dass sie versuchen würden, weiterzugehen. Doch dann entglitt er ihr und rollte den Abhang hinunter, wo er gegen einen Baum prallte. Zusammengekrümmt blieb er liegen und erbrach wieder Blut. Acaimie wählte erneut die Notrufnummer. „Wenn Sanitäter in der Nähe sind, müssen sie jetzt sofort heraufkommen!“, sagte sie. Nachdem sie das Gespräch beendet hatte, blickte Acaimie den Pfad hinunter und rief so laut sie konnte um Hilfe, bis ihre Stimme heiser war. Dann vernahm die junge Frau ein Geräusch. „Hallo!“, rief jemand.  „Wir sind hier!“, schrie sie, als zwei Sanitäter auftauchten. Die Retter trugen Clay vorsichtig bis zum Rettungswagen, der auf dem Parkplatz stand. Sie hörte, wie der Sanitäter dem Fahrer zurief: „Er erbricht immer noch Blut, wir müssen so schnell wie möglich ins Krankenhaus!“

Clay hatte eine schwere Gehirnerschütterung, einen gebrochenen Wirbel, einen Schädelbruch, und es trat Rückenmarkflüssigkeit bei ihm aus. Als Clay ihm die Ungeheuerlichkeit dessen, was er erlebt hatte, bewusst wurde, staunte er darüber, was seine Frau Großartiges für ihn getan hatte. Mittlerweile wohnt das Paar in seinem Haus in Indianapolis. Clay hat zwar seinen Gleichgewichtssinn zurückerlangt, doch auf einem Ohr bleibt er taub. „Es ist nicht so tragisch, allenfalls eine leichte Einschränkung“, sagt er. Obwohl sich ihre Hochzeitsreise in einen Albtraum verwandelte, hat sie ihre Beziehung gestärkt. „Wir wurden zutiefst erschüttert, aber auf eine positive Art und Weise“, sagt Clay heute. „Wir haben begriffen, was wir aneinander haben. Und dafür sind wir sehr dankbar.“

 

 

 


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