Besucher laufen über die historische "zerbrochene Brücke" am See in Hangzhou, China.
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Spannung

Wiedersehen auf der Brücke

Es bricht dem jungen Paar das Herz: Die Eltern müssen ihre neugeborene Tochter weggeben, um deren Leben zu retten. Doch die Liebe zu ihr hört niemals auf.

Ausgabe: Mai 2021 Autor: Robert Kiener

Du musst stark sein“, murmelt Xu Lida (23) leise, als er am 24. August 1995 in der chinesischen Stadt Suzhou, rund 100 Kilometer westlich von Schanghai, die Sanxiang-Straße hinuntergeht. Es ist früh am Morgen. Xu Lida trägt einen Korb, darin liegt seine erst drei Tage alte Tochter Jingzhi. Er muss eine viel befahrene Straße überqueren. Sein Herz klopft. Ihm geht durch den Kopf, was er und seine Frau beschlossen haben: „Wir haben keine Wahl.“ Kurz vor fünf Uhr erreicht Xu den beliebten Markt, der noch menschenleer ist. So kann er seine Tochter unbemerkt abstellen. Sein Blick fällt auf ein kleines Zelt. Dort wird sie es warm haben. Und ganz bestimmt wird sie jemand finden. Xu kommen wieder die Tränen. Er küsst sie zärtlich und setzt den Korb in dem Zelt ab. Er weiß, es ist ein Abschied für immer.

 

Opfer der Ein-Kind-Politik

1995 herrschte in China eine strikte Ein-Kind-Politik. Sie sollte das Bevölkerungswachstum bremsen, indem Paare nicht mehr als ein Kind haben durften. Wer dagegen verstieß, wurde streng bestraft – durch staatlich verordnete Zwangsabtreibung, Sterilisation, empfindliche Geldbußen und Zerstörung von Wohnhäusern. Zwischen 1971 und dem Ende des Ein-Kind-Programms 2015 wurden in China mehr als 336 Millionen Abtreibungen durchgeführt, viele davon staatlich angeordnet. Weil Xu und seine Frau Qian Fenxiang bereits eine Tochter hatten, durften sie kein weiteres Kind bekommen. Das Amt für Familienplanung forderte sie zur Abtreibung auf. Als sich Qian und Xu weigerten, ließen die Dorfvorsteher das Haus der beiden niederreißen. Die Familie floh nach Suzhou und versteckte sich auf dem kleinen Boot von Qians Schwester, auf dem Jingzhi geboren wurde. Die Dorfvorsteher verfolgten das Paar weiter und drohten damit, auch das Haus von Qians Mutter und das ihres Bruders einzureißen. Verzweifelt beschlossen Xu und Qian die kleine Jingzhi auf dem nahen Markt auszusetzen, wo sie gefunden und später hoffentlich adoptiert würde.
Bevor sich Xu auf den Weg machte, steckte er einen Brief in den Korb. Darin stand: „Armut und Umstände zwingen uns, unsere Tochter Jingzhi aufzugeben. Habt Erbarmen, ihr Väter und Mütter nah und fern! Danke, dass ihr unsere kleine Tochter rettet und euch um sie kümmert. Wenn der Himmel ein Einsehen hat und uns das Schicksal zusammenführen soll, dann wollen wir uns heute in zehn oder 20 Jahren am Morgen des Qixi-Fests auf der ,Zerbrochenen Brücke‘ in Hangzhou wiedersehen.“

 

Neue Heimat in Amerika

Am 17. August 1996, fast ein Jahr später, liegt das kleine Mädchen liegt in den Armen von Ruth Pohler, die zusammen mit ihrem Mann Ken aus Michigan, USA, nach China gekommen ist, um ein Kind zu adoptieren. Die Adoptiveltern erhalten auch den Brief, den Xu in das Körbchen gelegt hatte. In dem Bus, der sie in ihr Hotel zurückbringt, reicht Ken den Brief der Dolmetscherin. Erstaunt bemerkt er, wie ihr beim Lesen Tränen über die Wangen laufen. Sie erklärt ihnen, was darin steht.
In Hudsonville, einer Kleinstadt im mittleren Westen der USA, wächst Kati auf. Sie ist musikalisch und sportlich begabt und hat viele Freunde, im Alter von fünf Jahren merkt sie aber, dass sie irgendwie anders ist. Eines Tages fragt sie Ruth: „Wer hat mich eigentlich im Bauch gehabt? Komme ich aus deinem Bauch?“ Ruth sagt: „Nein, mein Schatz. Du kommst nicht aus meinem Bauch. Du kommst aus dem Bauch einer Frau aus China. Aber du kommst aus meinem Herzen.“ Kati scheint das zu genügen. Immer wieder sprechen Ken und Ruth darüber, wann sie Kati von ihren leiblichen Eltern und von dem Brief erzählen sollten.
Als Katis zehnter Geburtstag näher rückt, stellen sich Ken und Ruth vor, wie Katis leibliche Eltern sich fragen „Wo lebt unsere Tochter? Geht es ihr gut? Ist sie glücklich und gesund?“ und möchten sie gern beruhigen. Sie sprechen mit ihrem Freund Kirk Northouse, der oft geschäftlich in China zu tun hat. Sie erzählen ihm von dem Brief und der Hoffnung von Katis leiblichen Eltern, ihre Tochter oder die Adoptiveltern in Hangzhou zu treffen. „Gute Freunde von mir leben gar nicht weit von der Zerbrochenen Brücke“, sagt Northouse. „Vielleicht können sie helfen.“ In den nächsten Wochen stellen die Pohlers ein Päckchen für Katis leibliche Eltern zusammen mit Fotos aus Katis Kindheit. Ihre Namen oder andere Einzelheiten teilen sie jedoch nicht mit. Anne Wu, die in China lebende Freundin von Northouse, erklärt sich bereit, am Tag des Qixi-Fests auf die Zerbrochene Brücke in Hangzhou zu gehen. Sie will Katis leiblichen Eltern das Päckchen der Pohlers übergeben.

 

„Wenn“ ist ein großes Wort

Xu und Qian denken oft an ihre Tochter. „Hoffen wir, dass wir sie sehen können, wenn sie zehn ist ... wenn ihre neuen Eltern sie zur Zerbrochenen Brücke bringen“, denkt Xu und „,Wenn‘ ist ein großes Wort.“ Endlich ist der zehnte Jahrestag da. „Selbst wenn unser Kind nicht kommt, dann bestimmt ihre neuen Eltern“, sagt Xu zu Qian. „Unser Brief muss sie doch gerührt haben. Hab Vertrauen.“ Kurz nach 15 Uhr am 11. August 2005 drängen sich Touristen auf der Zerbrochenen Brücke. Qian, Xu und Tochter Xiaochen (11) stehen seit acht Uhr auf der Brücke. Sie sind allmählich erschöpft und enttäuscht. Stundenlang hält Xu einen Fächer mit Jingzhis Namen und eine Kopie des Briefs, den er vor zehn Jahren in den Korb gelegt hatte. Doch niemand hat darauf reagiert. Für Qian ist die Warterei besonders zermürbend. Verzweifelt sagt Xu kurz vor 16 Uhr: „Es kommt niemand. Lasst uns gehen.“ Sie machen sich auf den Heimweg.

Kaum hat die Familie die Brücke verlassen, taucht Anne Wu auf. Sie hatte den Zug verpasst und sich verspätet. Sie sucht die Brücke nach Katis Eltern ab, kann sie aber nicht finden. Anne Wu spricht ein Fernsehteam an, das auf der Brücke einen Beitrag über das Qixi-Fest dreht. Ob ihnen jemand aufgefallen sei, der gewartet habe? „Nein“, sagt einer der Fernsehleute, findet aber ihre Geschichte interessant. „Kommen Sie doch zu uns ins Studio, dann schauen wir die Aufnahmen durch, die wir heute gemacht haben.“ Das Fernsehstudio liegt ganz in der Nähe, und gemeinsam sichten sie die Aufzeichnungen. Tatsächlich – auf einem nur Sekundenbruchteile langen Ausschnitt entdecken sie einen Mann, der ein Schild und einen Brief in Händen hält. Der Sender berichtet über die Geschichte und bittet die Zuschauer um Mithilfe, um den Mann von der Zerbrochenen Brücke ausfindig zu machen. Andere TV-Sender und Zeitungen aus dem ganzen Land greifen die Geschichte auf.

 

Emotionaler Aufruf

Ein Freund von Xu Lida liest davon in der Zeitung. Als er Xu den Artikel reicht, ist der sprachlos. Er beginnt zu zittern. „Da steht, an dem Tag, als wir dort waren, ist eine Frau zur Brücke gekommen“, sagt er zu Qian. „Und sie hatte Informationen über Jingzhi dabei!“ Von einem Journalisten erfahren sie, dass Kati von Amerikanern adoptiert worden ist. Über Anne Wu erhalten sie bald die Bilder und Nachrichten über Kati, welche die Pohlers anonym geschickt hatten. Die Geschichte geht weiter durch die Medien. Auch die Pohlers davon hören, welche Aufmerksamkeit die Geschichte in China weckt. Ruth fürchtet, die chinesischen Eltern wollten ihre Tochter zurück.
Der chinesische Dokumentarfilmer Changfu Chang erfährt in den USA vom Schicksal von Jingzhi/Kati. Er hat schon mehrere Filme über Adoptionen produziert, sucht Xu und Qian auf und filmt sie für seinen Dokumentarfilm über internationale Adoptionen. In „Long Wait for Home“ ("Langes Warten auf ein Zuhause") berichtet das Paar herzergreifend über die Tochter, die es ausgesetzt hat. Zurück in den USA sucht Chang nach Hinweisen auf Jingzhis Adoptiveltern. Schließlich stößt er auf die Pohlers und nimmt Kontakt zu ihnen auf. Doch Ken und Ruth möchten nicht mit ihm sprechen. Chang überbringt jedoch für die Pohlers immer wieder Nachrichten und Bilder von Kati an Xu und Qian, ohne die Identität der Adoptiveltern preiszugeben. Die Jahre vergehen.

 

Die Zerbrochene Brücke

2016, kurz vor Katis 21. Geburtstag, fragt sie Ken und Ruth, ob sie ihr etwas über ihre leiblichen Eltern erzählen könnten. Die Pohlers geben ihrer Adoptivtochter den Brief von Xu. Sie ist erst sprachlos, dann wütend. Ein paar Tage später schaut sie sich „Long Wait for Home“ an. Als Qian sich in dem Video an sie wendet, hört Kati gar nicht mehr auf zu weinen. „Ich liebe dich und ich vermisse dich jeden Tag ... Ich hoffe, du bist glücklich. Ich danke deinen Adoptiveltern, dass sie dir ein neues Leben geschenkt haben und sich um dich kümmern.“ Dann schwenkt die Kamera auf Xu. Er wischt sich die Tränen aus den Augen und sagt: „Jeden Abend sprechen deine Mutter und ich von dir, überlegen uns, wie du wohl aussiehst, wo du lebst und ob du Probleme hast. Wir fürchten, unsere falsche Entscheidung könnte dir das Leben schwermachen … Wir lieben dich jeden Tag von ganzem Herzen.“
Kati tun ihre leiblichen Eltern unendlich leid. Sie möchte ihnen sagen, dass sie sie versteht und ihnen nichts nachträgt. Sie sollen sich nicht schuldig fühlen. 2017 fliegt Kati nach China, um ihre leiblichen Eltern am Qixi-Fest auf der Zerbrochenen Brücke zu treffen.

 

Das Wiedersehen

Katis Herz schlägt schnell, als sie sich der Zerbrochenen Brücke nähert. Dann entdeckt sie Qian, gefolgt von Xu und Xiaochen. Eine Welle von Gefühlen schwappt über sie hinweg. Xu und Qian entdecken ihre Tochter. Qian schließt Kati in ihre Arme. „Meine Tochter! Es tut Mama so leid! So viele Jahre habe ich nicht gewusst, wo du bist. Ich konnte mich nicht um dich kümmern.“ Qian, Xu und Xiaochen drücken Kati fest. Die versteht zwar kein Wort Chinesisch, spürt aber die Liebe ihrer Mutter. Nach Jahren des Hoffens und der Enttäuschungen hat sich Xus und Qians Wunsch endlich erfüllt.

Kati ist heute 25 Jahre alt und unterrichtet Englisch in Prag. Sie ist schon mehrmals nach China gereist, zuletzt zur Hochzeit ihrer Schwester. Auch Ruth und Ken Pohler haben Katis Eltern in China besucht.


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RD Abbinder
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