"Ethik ist wichtiger als Religion"
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"Ethik ist wichtiger als Religion"

Der sympathischste Mensch der Welt trägt schlichte Sandalen und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Am 6. Juli wird seine Heiligkeit, der Dalai Lama, 80 Jahre alt. Dennoch ist er zuversichtlich, die Lösung des Konflikts mit China um seine tibetische Heimat noch zu erleben. Vorher lässt er die Welt noch wissen, warum sie eine neue Ethik jenseits aller Religionen braucht.

Ausgabe: Juni 2015 Autor: Franz Alt

"Ich kenne keine Feinde. Es gibt nur Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe", sagte mir der Dalai Lama schon vor über 20 Jahren. Und: "Von seinen Feinden kann man am meisten lernen. In einem gewissen Sinne sind sie unsere besten Lehrer."

So spricht der wohl prominenteste Flüchtling der Welt nach 56 Jahren im indischen Exil. Obwohl er seit 1959 außerhalb seiner von China besetzten Heimat leben muss, hegt er keinen Hass gegenüber Chinesen und den chinesischen Führern. Im Gegenteil. "Selbstverständlich bete ich auch für die kommunistischen Führer in Peking", sagt er und fügt lachend hinzu: "In Europa würde ich die Grünen wählen, weil die Umweltproblematik unsere Überlebensfrage ist."

In 33 Jahren sind wir uns mehr als 30-mal begegnet. Selten hatte ich einen so empathischen Gesprächspartner. Keiner hat mehr gelacht als er. Nicht zufällig gilt er laut Umfragen als sympathischster Mensch der Welt. Dem Dalai Lama wurde in den letzten Jahren eine religionsübergreifende Ethik immer wichtiger. Und heute sagt er sogar etwas für einen Religionsführer Einmaliges: "Ethik ist wichtiger als Religion. Wir kommen nicht als Mitglied einer bestimmten Religion auf die Welt. Aber Ethik ist uns angeboren."

Eine seiner zentralen Überzeugungen: Im Streben nach Glück und unserem Wunsch, Leid zu vermeiden, sind sich alle Menschen gleich.

Franz Alt: Nach dem Terroranschlag in Paris Anfang Januar 2015 sagten Sie den für einen Religionsführer provokanten Satz: "An manchen Tagen denke ich, dass es besser wäre, es gäbe gar keine Religionen!" Was meinten Sie damit?

Dalai Lama: Das Wissen und die Praxis von Religionen waren und sind natürlich hilfreich, aber das reicht heute nicht mehr aus, wie an vielen Beispielen in aller Welt immer deutlicher wird. Das gilt für alle Religionen, auch für das Christentum und den Buddhismus. Im Namen von Religionen wurden und werden Kriege geführt, sogar "Heilige Kriege". Religionen waren und sind oft intolerant. Deshalb sage ich, dass wir im 21. Jahrhundert eine neue Ethik jenseits aller Religionen brauchen. Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zur Liebe, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören. Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, nicht ohne Ethik.

Wie kamen Sie auf die Idee, dass wir in unserer Zeit spirituell mehr brauchen als die klassischen Religionen?

Ich lebe seit 56 Jahren in Indien im Exil. Dort erlebe ich gelebte säkulare (weltliche) Ethik und eine säkulare Gesellschaft. Mahatma Gandhi war ein zutiefst religiöser, aber auch ein weltlicher Geist. Er war ein großer Freund von Jesus und seines Pazifismus in der Bergpredigt. Er ist mein Vorbild, weil er religiöse Toleranz verkörperte. Diese Toleranz hat uralte indische Wurzeln. Hindus, Muslime, Christen, Sikhs, aber auch Jainisten, Buddhisten, Juden, Agnostiker und Atheisten leben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – friedlich zusammen.

Ich weiß, es gibt immer wieder Fälle von lokaler Gewalt. Aber es wäre falsch, sie zu verallgemeinern. Die indische Gesellschaft ist insgesamt friedlich und harmonisch. Alle Glaubensrichtungen pflegen das alte indische Prinzip der Gewaltfreiheit, Ahimsha, mit dem Gandhi auch politisch so erfolgreich war. Es war die Grundlage der friedlichen Koexistenz. Das ist praktizierte säkulare Ethik jenseits aller Religionen. Daran sollte sich die heutige Welt ein Vorbild nehmen!

Täglich rotten wir 150 Tier- und Pflanzenarten aus, blasen 150 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft. Was kann eine säkulare Ethik dagegen bewirken, und was sind ihre Grundlagen?

Achtsamkeit, Bildung, Respekt, Toleranz, Fürsorge und Gewaltlosigkeit. Im letzten Jahrhundert haben wir große materielle Fortschritte erzielt. Das war insgesamt gut. Aber diese Fortschritte sind es auch, die zur aktuellen Umweltzerstörung geführt haben. Im 21. Jahrhundert müssen wir auf allen Ebenen mehr innere Werte lernen, pflegen und anwenden.

Unabhängig davon, ob wir einer Religion angehören oder nicht, haben wir alle eine elementare, menschliche, ethische Urquelle in uns. Dieses ethische Fundament müssen wir pflegen. Ethik, nicht Religion ist in der menschlichen Natur verankert. Und so können wir daran arbeiten, die Umwelt zu bewahren. Das ist praktizierte Religion und praktizierte Ethik.

Es gibt zwei Sichtweisen der menschlichen Natur. Die eine meint, der Mensch sei von Natur aus gewalttätig, rücksichtslos und aggressiv. Die andere glaubt, wir neigen von Natur aus zu Güte, Harmonie und einem friedlichen Leben. Diese zweite Sichtweise entspricht meiner eigenen. Deshalb halte ich die Ethik nicht für die Summe von Geboten und Verboten, die es zu befolgen gilt, sondern für ein natürliches, inneres Angebot, das uns zu Glück und Zufriedenheit von uns selbst und anderen führen kann. Mich treibt der einfache Wunsch, zum größeren Wohl der Menschheit und aller Lebewesen beizutragen.

Ethische Bildung ab etwa 14 Jahren ist wichtiger als Religion. Bildung verändert alles. Menschen sind lernfähig. Das zeigt in Deutschland der Fall der Mauer in Berlin, den ich, unvergesslich für mich, miterlebt habe, oder auch die Politik der Europäischen Union nach dem Zweiten Weltkrieg. Ehemalige Kriegsgegner bauen heute gemeinsam ein friedliches Europa auf. Dafür hat die EU sogar den Friedensnobelpreis bekommen. Zu Recht!

Bei den sechs Milliarden "Gläubigen" auf der Welt gibt es – gerade in Europa – viele, die ihre eigene Religion nicht ernst nehmen. Leider gibt es unter den sechs Milliarden "Gläubigen" viele Korrupte, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Allerdings wird es äußeren Frieden erst geben,wenn es mehr inneren Frieden gibt. Das gilt für alle aktuellen Konflikte: in der Ukraine, im Nahen Osten, in Afghanistan, in Nigeria. Fast überall ist auch religiöser Fundamentalismus einer der Kriegsgründe. Wir wissen heute ganz genau, dass es einem Selbstmord gleichkäme, wenn wir einen Atomkrieg riskieren würden. Allein das zeigt, dass wir alle voneinander abhängig sind. Die moderne neurobiologische Forschung legt nahe, dass sich altruistisches und weniger egoistisches Verhalten für alle lohnt.

Menschen müssen sich nicht egoistisch, sie können sich ebenso altruistisch verhalten und sich am Wohlergehen anderer orientieren. Altruismus macht glücklicher! Glück hängt also nicht vom Zufall ab, sondern ist eine Fähigkeit, die jeder Mensch in sich trägt. Jede und jeder kann glücklich sein oder werden. Die moderne Forschung lässt uns erfahren, welche Faktoren Glück begünstigen. Jene Faktoren, die uns am Glück hindern, können wir Schritt für Schritt transformieren. Das gilt persönlich, aber auch für die Gesellschaft.

Das Ziel der säkularen Ethik besteht darin, uns vom momentanen wie langfristigen Leid zu befreien sowie die Fähigkeit zu entwickeln, auch andere in ihrem Glücksbestreben zu unterstützen. Ein Aspekt des Mitgefühls besteht in der spontanen Bereitschaft, für das Wohl anderer zu handeln.

Sie setzen sehr auf die moderne Hirnforschung. Warum?

Unser Gehirn ist ein lernendes Organ. Die Neuropsychologie lehrt uns, dass wir unser Hirn trainieren können wie einen Muskel. So können wir bewusst Gutes und Schönes in uns aufnehmen und unser Gehirn positiv beeinflussen und Negatives überwinden. Kraft unseres Geistes können wir unser Hirn zum Besseren verändern. Das sind revolutionäre Fortschritte. Dank dieser Fortschritte wissen wir besser als früher, dass Ethik, Mitgefühl und soziales Verhalten uns angeboren sind, aber Religion uns anerzogen ist. Die Konsequenz daraus ist, Ethik geht tiefer und ist natürlicher als Religion.

Welche Fragen müssen wir uns stellen, um Mitgefühl weiterentwickeln zu können?

Sind wir aufgeschlossen oder engherzig? Haben wir die Gesamtsituation in Betracht gezogen, oder erwägen wir nur Teilaspekte? Also denken und handeln wir ganzheitlich? Betrachten wir die Dinge nur kurzfristig oder wirklich langfristig? Ist unser Handeln wirklich von aufrichtigem Mitgefühl motiviert? Bleibt unser Mitgefühl für die eigene Familie oder auf Freunde beschränkt, mit denen wir uns weitgehend identifizieren können?

Wir müssen also nachdenken, nachdenken, nachdenken. Und forschen, forschen, forschen. Ethik hat im Wesentlichen mit unserem Geisteszustand zu tun und nicht mit der formalen Zugehörigkeit zu einer Religion. Wir müssen unsere Selbstbeschränkung überwinden und den Standpunkt des anderen verstehen.

Im aktuellen Ukraine-Konflikt bedeutet das: Osteuropa braucht Westeuropa und Westeuropa braucht Osteuropa. Also: Redet miteinander. Begreift, dass wir heute im Zeitalter der Globalisierung in einer Welt leben. Das neue Motto muss heißen: Euer Interesse ist unser Interesse. Fundamentalismus ist immer schädlich. Die Konzepte von gestern helfen uns nicht mehr weiter. Gerade für Kinder, also für die Erwachsenen von morgen, ist Ethik wichtiger als Religion.

Auch der Klimawandel ist nur global zu lösen. Ich hoffe und bete, dass diese Erkenntnis auf dem nächsten Klimagipfel in Paris Ende 2015 endlich zu konkreten Ergebnissen führt. Egoismus, Nationalismus und Gewalt sind grundsätzlich der falsche Weg. Die wichtigste Frage für eine bessere Welt heißt: Wie können wir einander dienen?

Wie wichtig ist das Glück für die Entwicklung einer säkularisierten Ethik?

Es wollen doch alle sieben Milliarden Menschen glücklich werden – und wir haben das Recht dazu, denn wir leben alle auf demselben Planeten, wir atmen dieselbe Luft und essen vom selben Boden. Meine Zukunft hängt immer auch von anderen ab und die Zukunft der anderen Menschen von meiner. Die auf uns zukommende Klimakatastrophe erinnert uns an diesen Zusammenhang.

Wer von uns könnte allein in einer Wüste leben, das frage ich bei meinen Vorträgen in der ganzen Welt. Wenn wir in der Einsamkeit einer Wüste jemandem begegnen, fragen wir ihn zuletzt nach seiner Religion oder seiner Nation. Wenn ich in der Wüste allein bin, ist es auch ziemlich egal, dass ich Seine Heiligkeit, der Dalai Lama bin, das nützt mir dann rein gar nichts!

Was kann jeder Einzelne für eine friedlichere und bessere Welt tun?

Wenn wir diese Welt besser machen wollen, dann müssen wir selber bessere Menschen werden. Einen bequemen Weg gibt es nicht. Wir müssen in unseren Feinden zunächst die Menschen sehen. Bei Jesus in der Bergpredigt heißt das "Feindesliebe". In unserem eigenen Interesse sollten wir alles tun, damit es allen Lebewesen gut geht. Dafür benötigen wir Geistesschulung und Herzensbildung.

Die EU hat nach 1945 den richtigen Weg der Kooperation zwischen ehemaligen Feinden gewählt. So wurden aus Feinden Freunde. Das war nur möglich, weil Millionen Menschen diesen Weg bewusst gegangen sind.

Der wirkliche Feind ist doch in uns und nicht außen. Äußere Feindschaften sind nicht dauerhaft – auch nicht die zwischen China und Tibet. Respektiert man den Feind, dann kann er eines Tages zum Freund werden. Deshalb werde ich immer an der Gewaltfreiheit festhalten. Das ist intelligente Feindesliebe.

Durch intensives Meditieren werden wir feststellen, dass Feinde unsere besten Freunde werden können. Wir werden so zu gelasseneren, mitfühlenderen und urteilsfähigeren Menschen. Dann haben wir auch die Chance, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens, ein Jahrhundert des Dialogs und ein Jahrhundert einer fürsorglicheren, verantwortungsvolleren und mitfühlenderen Menschheit wird. Das ist meine Hoffnung. Und das ist mein Gebet.

Franz Alt ist ein mehrfach prämierter politischer Journalist, Buchautor und Fernsehmoderator. Für die Moderation der Sendung "Report" erhielt er 1979 den Adolf-Grimme-Preis.

Lesen Sie hier auch ein weiteres Interview mit dem Dalai Lama!


 

RD Abbinder
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