Jane Goodall: Der Ruf der Wildnis
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Stars im Interview

Jane Goodall: Der Ruf der Wildnis

Mit 81 ist Jane Goodall so aktiv wie eh und je. Die Biologin über Affen, das Alter und ihr Erbe

Ausgabe: September 2016 Autor: Lisa Bryn Rundle

Aufrecht steht die welt­berühmte Forscherin vor ihrem Publikum und ruft: „Uuh uuh uh-ihh uh iii!“ Der durchdringende Schimpansenschrei erregt die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Jane Goodall steht, wo immer sie auftaucht, im Mittelpunkt.

Die Verhaltensforscherin wird für ihre bahnbrechende, jahrzehnte­lange Arbeit mit wild lebenden Schimpansen verehrt. Nachdem sie ihre Forschung eingestellt hatte, engagierte sie sich für den Tierschutz und die Umwelt. Mit ihrem internationalen Roots & Shoots-Jugendprogramm (Wurzeln und Sprossen) will sie junge Menschen dafür begeistern, sich für die Umwelt einzusetzen.

Inzwischen verbringt Jane Goodall mehr Zeit auf Flughäfen und in Hotels als in Wäldern. Aber sie findet nach wie vor Schönheit an unerwarteten Orten – und sie glaubt an eine bessere Zukunft.

Reader’s Digest: Sie sind an 300 Tagen im Jahr unterwegs. Warum tun Sie das?

Jane Goodall: In meinem Alter bleibt einem nur noch wenig Zeit, und ich habe eine wichtige Botschaft. Die Erde kann sich nicht mehr selbst regenerieren. Uns läuft die Zeit davon.

Wie bleiben Sie motiviert?

Jeden Tag sehe ich kleine Kinder, die mich daran erinnern, was wir dem Planeten angetan haben, seit ich in deren Alter war. Als ich mit meiner Arbeit anfing, erstreckte sich der Wald über ganz Afrika. Heute sind nur noch Bruchstücke davon übrig.

Deprimiert Sie das nicht?

Natürlich. Für mich heißt das, ich muss noch mehr tun. Weil das niemand allein schafft, versuche ich, möglichst viele Jugendliche dafür zu sensibilisieren, dass wir zwar Geld zum Leben brauchen, aber dass etwas falschläuft, wenn wir nur für das Geld leben.

Die Arbeit mit Jugendlichen ist ein wesentlicher Aspekt für Sie. Warum?

Wir können heute einen Wald oder eine Art retten. Kümmert sich die nächste Generation jedoch nicht darum, war unsere Mühe umsonst. Leider wird den jungen Menschen im Westen die Möglichkeit verwehrt, die Natur zu erfahren. Dabei spielt sie eine so wichtige Rolle für die psychische Entwicklung.

Sie waren eine der Ersten, die behaupteten, Tiere hätten eine Persönlichkeit und Gefühle.

Ja, mit dem Wissen bin ich aufgewachsen. Doch 1962 sagte man mir in Cambridge, ich hätte den Schimpansen Nummern anstatt Namen geben müssen. Und ich sollte nicht über Persönlichkeit oder Verstand reden, insbesondere nicht darüber, dass Schimpansen Gefühle hätten. Aber als Kind hatte ich einen Lehrer, der mir zeigte, dass die Professoren Unrecht hatten – das war mein Hund!

Was haben Tiere Ihnen über ein gut gelebtes Leben vermittelt?

Tiere lehren uns, im Augenblick zu leben. Sie können außer sich vor Freude sein. Es ist toll zu beobachten, wenn Schimpansen auf einen guten Früchtebaum stoßen: Sie umarmen einander und freuen sich.

Welches Erbe hoffen Sie zu hinterlassen?

Unsere Projekte in Afrika versuchen Armut zu lindern. Die Menschen müssen wir als Partner für die Rettung der Natur gewinnen, sonst funktioniert es nicht. Ich hoffe, dass Roots & Shoots mein Vermächtnis ist und ich Menschen vermitteln konnte, dass Tiere keine Dinge sind.

Wenn Sie an die Jahre im Dschungel denken, gibt es Momente, an die Sie gern zurückdenken?

Oh ja, Greybeard (Graubart) war der erste Schimpanse, der seine Furcht vor mir verlor. Wie er meine Nuss ablehnte, aber sanft meine Hand drückte, um mich zu besänftigen. Oder als Flos Säugling auf mich zutapste und mich berühren durfte.

 

Jane Goodall: Die 1934 in London geborene Britin besuchte zunächst eine Sekretärinnenschule, bevor sie das Verhalten von wild lebenden Schimpansen in Tansania studierte. 1977 gründete sie das Jane-Goodall-Institut. Für ihr unermüdliches Engagement erhielt sie zahlreiche Preise, seit 2002 ist sie UN-Botschafterin des Friedens. Aus ihrer ersten Ehe mit dem Tierfilmer Hugo van Sawick hat Goodall einen Sohn, ihr zweiter Ehemann war Derek Bryceson, der Direktor des Nationalparks von Tansania. 


 

RD Abbinder
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