Ruhig Blut im Stau
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Ruhig Blut im Stau
Welche Rolle unsere Emotionen beim Autofahren spielen und wie wir sie in den Griff bekommen, erklärt Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn
Ausgabe: Juni 2016 Autor: Christiane Kolb

Urlaubszeit – das bedeutet Sommer, Sonne, Strand und Erholung. Aber eben auch Stau auf der Autobahn und Stress hinter dem Steuer. Warum der Mensch nicht fürs Autofahren gemacht ist und wieso wir langsam besser vorankommen, erklärt der Hamburger Verkehrspsychologe Jörg-Michael Sohn. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er mit Kraftfahrern, die ihre Fahrerlaubnis eingebüßt haben.

Reader's Digest: Warum hat man im Stau immer das Gefühl, auf der falschen Spur zu sein, weil die andere schneller ist?
Jörg-Michael Sohn: Weil man aufmerksam beobachtet, wie die anderen vorbeiziehen. überholt man selbst, merkt man sich das nicht. Ich persönlich wechsle grundsätzlich keine Schlangen, auch nicht an der Kaufhauskasse. Denn meine Erfahrung sagt: Im Schnitt lohnt es sich nicht. Auch das überholen auf der Autobahn lohnt kaum.

Wieso das?
Wir überschätzen den Zeitgewinn durch die höhere Geschwindigkeit extrem. Mein Lieblingsbeispiel ist folgendes: Sie sind auf der Autobahn unterwegs, überholen einen Lkw, fahren 100 Kilometer weiter auf den Rastplatz. Zwei Minuten später kommt der Lkw vorbei, und Sie denken: Der muss geflogen sein.

Woher stammt dieser Eindruck?
Menschen sind nicht fürs Auto gebaut, sondern fürs Fußgängertempo. Dem entspricht unser einprogrammiertes übersetzungsverhältnis von Streckengewinn zu Zeitgewinn. Zu Fuß sind Sie bei vier km/h und einem Kilometer Vorsprung eine Viertelstunde voraus. Beim Autofahren mit 120 km/h entspricht der Kilometer jedoch nur 30 Sekunden. Das heißt, Sie fahren ein paar Kilometer Vorsprung heraus, sind aber nur zwei bis drei Minuten schneller.

Eine Viertelstunde Lümmeln auf dem Sofa ist herrlich. Warum sind 15 Minuten im Stau so quälend?
Wir verbinden das Autofahren mit Zeitdruck. Für mich steckt das Problem im Wort "Automobil". Auto mobil. Das verspricht: ich komme jederzeit von A nach B, wenn ich will. Wie in der Werbung, in der Autos durch menschenleere und autolose Landschaften gleiten. Völlig absurd. Denn der Einzelne hat nicht mehr viel Macht, unser Vorwärtskommen ist abhängig von den Entscheidungen der anderen Autofahrer. Die Realität heißt: Ich stehe im Stau, ich finde keinen Parkplatz, ich fluche.

Selbst als friedliebender Zeitgenosse wird man am Steuer aggressiv, wenn ein anderer hupt oder drängelt. Warum?
Zum Ersten, weil wir unser Auto als Erweiterung unserer Person verstehen. In einer solchen Situation fühlen wir uns persönlich angefasst. Der zweite Aspekt ist die fehlende Kommunikation. Wenn Ihnen jemand im Supermarkt mit den Einkaufswagen in die Hacken fährt, schauen Sie sich um, und der andere entschuldigt sich. Im Auto kann man nicht direkt reagieren, und die Zeichen sind oft missverständlich. Ein Winken kann "Danke, gute Fahrt" bedeuten genau wie "Verdammt, warum hast du mich nicht vorbeigelassen?"

Wie bewahrt man ruhig Blut?
Es hilft, daran zu denken, dass wir nicht auf das Verhalten anderer reagieren, sondern auf unsere Interpretation ihrer Motive. Darum sollten wir nicht gleich losschreien: "Warum macht der das?" Sondern uns fragen, ob der andere nicht einen guten Grund hat. Vielleicht überholt da ein Fahranfänger zum ersten Mal allein auf der Autobahn, mit schweißnassen Händen im Schneckentempo. Schert er dann wieder nach rechts ein, denken Sie: "Ah, geschafft!"

Gibt es etwas, was jeder Einzelne tun kann, damit der Verkehr besser fließt?
Verzichten Sie auf kurzfristige Vorteile. Fahren Sie nicht in die volle Kreuzung ein, auch wenn andere es tun. Denn was dem Einzelnen kurz einen Vorteil bringt, vergrößert den Stau. In so einer Situation das scheinbar Irrationale zu tun, die Lücke zu lassen, und zu hoffen, dass sich andere ein Beispiel daran nehmen, ist eine harte, aber sinnvolle übung. Wenn alle die Grenzen immer weiter hinausschieben, funktioniert auf Dauer nichts mehr.

Befürworten Sie ein Tempolimit auf der Autobahn?
Ja, denn mit einer homogenen Geschwindigkeitsverteilung läuft es glatter. Wenn einer zu schnell oder zu langsam fährt, bricht das gesamte System zusammen. Es gibt den schönen Begriff des "Stau aus dem Nichts". Wenn nur ein Fahrer im dicht gepackten Verkehr kurz bremst und beschleunigt, pflanzt sich die Störung nach hinten fort, zehn Kilometer weiter stehen dann alle. Ein Limit minimiert Zeitverlust und Unfallfolgen.

Ändert sich eigentlich die Fahrweise von Menschen, wenn sie in ein größeres Auto steigen?
Ja. Es gibt eine nie veröffentlichte Untersuchung, nach der die unfallsichersten Autos die kleinen sind. Weil man sich darin verletzlich fühlt, in großen dagegen wie in einem Panzer. Darin verhält man sich riskanter: Ich habe ein großes Auto, ich darf das.

Man fährt also schneller?
Das liegt daran, dass wir die Geschwindigkeit mehr mit dem Ohr als dem Auge einschätzen. Bei einer Ente hat man mit 120 km/h das Gefühl, man hebt ab, in einer S-Klasse gleitet man dahin. Ohne bewusstes Gegensteuern fahren wir in leisen Autos schneller als in lauten.

Und landen eventuell in Ihrer Praxis. Wer sind Ihre Klienten?
Jenseits des Themas Alkohol gibt es vier Gruppen: Fahranfänger, die nach einem halben Jahr denken, sie beherrschen alle Situationen, was natürlich nicht stimmt. Dann erfolgreiche Geschäftsleute mit großem Auto, hoher Fahrleistung, bisher unfallfrei. Sie haben mit Selbstüberschätzung und Überheblichkeit zu tun. Daneben gibt es Gescheiterte, die auch beruflich wenig gebacken kriegen und in chaotische Verhaltensweisen geraten, weil sie sich nicht strukturieren können. Zuletzt die, die ich Riesenbabys nenne: Anfang 20, keine Ausbildung, keine eigene Wohnung, keine Freundin. Das Auto ist das Einzige, was sie haben. Darin steckt ihre ganze Libido.

Haben sich die Autofahrer in den letzten 30 Jahren verändert?
Ja. Die älteren sind die Generation, die noch die goldenen Jahre des Autofahrens erlebt haben. Man kam immer mit gleichem Zeitaufwand von A nach B. Heute sind nicht nur die Straßen voller, auch die Geschwindigkeitsverteilung hat sich sehr verändert. Man kann nicht mehr gut kalkulieren. Und es ist schwer für alle, sich darauf einzustellen. Denn unsere Schätzung für Zeiträume leiten wir ab aus erinnerten maximalen Möglichkeiten. Also gehen wir davon aus, dass wir unsere bekannte Strecke immer so schnell schaffen können. Stimmt aber nicht.

Wie lauten Ihre Tipps für eine entspanntere Fahrt in den Urlaub?
Neben dem klassischen "antizyklisch losfahren", ist die innere Haltung wichtig. Machen Sie sich klar, dass der Urlaub beginnt, wenn Sie losfahren, nicht wenn Sie ankommen. Dann rast man nicht so. Dabei hilft es, den Sitz etwas nach hinten zu stellen, für ein Wohnzimmergefühl statt Arbeitsatmosphäre. Wählen Sie lieber ruhige als aufheizende Musik.

Und was, wenn man im Stau steht?
Das ist zugegebenermaßen eine blöde Situation. Ich habe mir beim Zahnarzt angewöhnt, immer wieder zu sagen: "Ich bin entspannt, die Spritze wirkt, es tut nicht weh, ich bin entspannt..." Als Selbstsuggestion funktioniert das ganz gut. Wem es gelingt, sich von der im Sommer buchstäblich aufgeheizten Stimmung nicht anstecken zu lassen, der gewinnt an Autonomie. Anzukommen mit dem Gefühl: Ich bin zwar nicht schneller, aber gelassener durchgekommen, ist auch ein Erfolg.

 

Über Jörg-Michael Sohn

Der 1953 in Ohrum bei Braunschweig geborene Diplompsychologe arbeitet seit über drei Jahrzehnten mit Verkehrssündern. Er selbst hat kein Auto. Mit 30 hat Sohn dennoch die Fahrprüfung abgelegt, um seine Klienten besser verstehen zu können. Spaß hat ihm das Fahren nach eigenen Angaben nie gemacht, umso mehr das Analysieren des Verkehrs aus der Distanz. Seine Praxis in Hamburg betreibt Sohn in einem autofreien Wohngebiet.


 

RD Abbinder
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