Per Rad unterwegs auf der Wein Route
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Per Rad unterwegs auf der Wein Route

Eine Radtour durch Neuseelands schönstes Wein-Anbaugebiet

Ausgabe: November 2016 Autor: Janie Allen
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Am Vormittag hat eine leichte Brise die morgendliche Wolkendecke vertrieben und nur noch einige Federwolken zurückgelassen. Es ist Februar, Hochsommer in Neuseeland, und die Luft ist erfüllt vom Geruch blühenden Lavendels. Mein Ehemann Glen und ich befinden uns im Weinanbaugebiet Marlborough an der nördlichen Spitze der Südinsel. In den kommenden zwei Tagen wollen wir mit dem Fahrrad die Weinberge erkunden. „Startklar?“, fragt Jo Hill und überreicht uns eine Karte der Cellar Doors (Kellertüren), wie die Verkaufs- und Verkostungsräume hier genannt werden. Rund 40 der etwa 140 Weinkellereien in Marlborough stehen der Öffentlichkeit offen, und viele lassen sich bequem mit dem Fahrrad erreichen. Jo empfiehlt uns, es bei maximal fünf pro Tag zu belassen: „Nach der fünften Kellerei sind die Geschmacksknospen abgestumpft.“

Jo und ihr Ehemann Steve betreiben in Renwick das Unternehmen Wine Tours by Bike. Die kleine Gemeinde liegt im breiten Wairau Valley, einem Tal, in dem zahlreiche familiengeführte sowie einige große Kellereien liegen. Wir hatten bei Jo per E-Mail Fahrräder gebucht und ihr die Routenplanung überlassen. Auf der Karte zeigt sie uns die 20- Kilometer-Tour, die heute auf dem Plan steht. Ich hoffe, ich schaffe das, schließlich ist es eine ganze Weile her, dass ich so lange auf einem Fahrrad gesessen habe. Um die meisten Schnellstraßen und Hügel würden wir einen Bogen machen, sagt Jo. Aber als wir losradeln, fügt sie hinzu: „Da ist nur dieser eine kleine Hügel.“

Die Weinregion Marlborough

Die Weinregion Marlborough umfasst das Wairau Valley, die Southern Valleys und die Region Awatere. Weltweit bekannt sind die Sauvignon Blancs von hier, die „Savvys“, wie die Einheimischen sagen. Das war nicht immer so, noch 1973 bearbeiteten hier nur Farmer das Land. Dann erwarb Frank Yukich von der Montana Winery in Auckland südlich von Renwick Land und pflanzte Reben an, unter anderem auch Sauvignon Blanc. Die sonnigen Tage und kühlen Nächte in Marlborough sorgten für einen überraschend kräftigen Wein, spritzig und aromatisch. „Weine von hier werden weltweit Ruhm erlangen“, sagte Yukich voraus, und seine Prognose sollte sich schon sehr bald bestätigen. 1979 brachte Yukich seinen ersten Jahrgangswein auf den Markt. Im selben Jahr pflanzte auch der junge Ire Ernie Hunter in der Region Sauvignon Blanc an. 1986 trat er mit seinem Wein beim The Sunday Times Vintage Festival in Großbritannien an – und gewann sowohl die Goldmedaille als auch den Publikumspreis. Die Weinwelt war sprachlos.

Berühmt: der Sauvignon Blanc

„Sauvignon Blanc aus Neuseeland war so anders, dass er alle überraschte“, sagt Jane Hunter. Die Weinhändlerin leitet Hunter’s Wines, seit ihr Mann 1987 mit 38 Jahren starb. „Es war unser im Eichenfass gereifter Sauvignon Blanc“, sagt sie. „Damals arbeiteten wir nicht so im Weinberg, wie wir es heute tun, und der Wein war wirklich grasig – ziemlich grün und sehr überwältigend.“ Durch das Reifen im Eichenfass sei ein milderer, eleganterer Wein entstanden, erklärt sie. Hunter’s hat den Wettbewerb drei Jahre in Folge gewonnen. Die Auszeichnungen veränderten alles für Neuseelands Weine. „In der Welt der Weine hatte es seit Jahrhunderten nichts Neues mehr gegeben“, sagt die Weinautorin Tessa Nicholson. „Jetzt handelt es sich um ein weltweites Phänomen. Mittlerweile haben wir mehr als 23.000 Hektar Rebfläche und erzielen mit Weinexporten einen Umsatz von 1,2 Milliarden neuseeländischen Dollar (786 Millionen Euro).“

Ist das der kleine Hügel, vor dem Jo uns gewarnt hat?“, frage ich mich eine halbe Stunde später, als ich ordentlich strample, um es den kleinen, aber steilen Hügel zum Seresin Estate hinauf zu schaffen. Die Mühe lohnt sich. Oben sitzt Melissa Rae auf einer Pferdekutsche und bittet uns an Bord. Rae stammt ursprünglich aus dem finnischen Teil Lapplands, arbeitet aber mittlerweile seit zehn Jahren bei Seresin. Sie fährt uns zu einem Aussichtspunkt, der einen weiten Blick ins Tal erlaubt. Etwa sechs Kilometer nördlich gelegen verschwindet die Gebirgskette der Richmonds in Regenwolken. Diese und weiter im Süden gelegene Berge sorgen für gemäßigtes Wetter und machen Marlborough zur sonnigsten Ecke Neuseelands. Der Maori-Name für die Region bedeutet nicht zufällig so viel wie „der Ort mit dem Loch in den Wolken“.

Seresin zählt zu der Handvoll Kellereien in Marlborough, die als „bio-dynamisch“ zertifiziert sind. „Wenn wir etwas dem Land entnehmen, geben wir es auch wieder zurück. Das ist das Prinzip. Vom Mulch bis zum Dünger wird alles vor Ort selbst produziert“, sagt Melissa Rae. Die Geschäftsführerin Fran Broad lässt uns vier Weine verkosten. Der Sauvignon Blanc rinnt mit scharfer Klarheit und einem Hauch Süße den Gaumen entlang – köstlich. Auch der Chardonnay, der Riesling und der Pinot Noir sind außergewöhnlich. Auf dem Anwesen werden auch Olivenöl und Honig produziert. Broad öffnet eine Flasche Olivenöl mit Zitrone und lässt uns schnuppern.

Die Goldene Meile - Weinkellereien dicht an dicht

Wir machen uns auf den Weg zur nächsten Kellerei. Nach einer Weile biegen wir in eine idyllische Gasse ein und überqueren einen von alten Weiden gesäumten Fluss, dann gelangen wir zu Bladen Wines. Picknicktische unter Silberbirken laden zum Verweilen ein. 1989 kamen die Besitzer von Bladen, Dave und Christine Mac­donald, nach Marlborough. Sie gehörten zu den zahlreichen Kleinwinzern, die nach dem Erfolg von Ernie Hunter ebenfalls ihr Glück versuchen wollten. Christine gießt uns einen Gewürztraminer ein, süßer als die Savvys und cremig am Gaumen. „Wir sind recht zufrieden mit diesem Wein“, sagt Christine lächelnd. Sie erklärt uns, dass Cuisine, ein renommiertes Feinschmeckermagazin, den Wein auf Platz zwei unter den 33 neuseeländischen Gewürztraminern führt. Sie und Dave waren Twens, lebten in Wellington und arbeiteten in Jobs, die überhaupt nichts mit Wein zu tun hatten. „Dieses Stück Land haben wir einem Bauern abgekauft. Es war steinig und trocken“, erzählt Christine. Drei Jahre lang pendelten sie an den Wochenenden von Wellington nach Marlborough und pflanzten Pinot Gris an, Semillon und Gewürztraminer. „Die Sorten halt, die wir gern trinken“, sagt sie. Später kamen noch Riesling und Sauvignon Blanc hinzu. Im Rahmen einer Handelsgesellschaft schlossen sie sich mit anderen Winzern zusammen und besuchten internationale Messen, um Werbung für Weine aus Marlborough zu machen. „Das war das Beste, was uns allen passieren konnte“, sagt sie. „Diese Branche ist fantastisch. Es ist toll zu beobachten, wie sie wächst!“

Mittags fahren wir nordwärts zur Rapaura Road. Weil dort über ein Dutzend Winzer zu finden sind, spricht man auch von der „Goldenen Meile“. Bis zu unserem nächsten Halt, Wairau River Wines, sind es etwa zwei Kilometer. Dort werden wir an einen Tisch auf einer überdachten Terrasse des Restaurants geleitet, von wo aus wir auf einen gepflegten Rasen schauen. Auf der Speisekarte stehen eher einfache und populäre Gerichte wie Curry, Pizza und Burger, aber alles wird mit einem Hauch Gourmetküche versehen. Wir bestellen die Spezialität des Hauses: ein zweifach gebackenes Soufflé mit Blauschimmelkäse, dazu einen Salat aus Rucola, Birne und Walnüssen und – natürlich – ein Glas Pinot Gris. Das Soufflé ist leicht und delikat, der Wein die perfekte Ergänzung. Die Kellerei gehört Phil und Chris Rose. Bis in die 1970er-Jahre bauten sie auf der Farm Luzerne an. Als sie von der Nutzpflanze auf Wein umsteigen wollten, mussten sich die Roses die Genehmigung vor Gericht erstreiten. Bauern hatten Einspruch gegen eine neue Nutzung erhoben. Die Forstindustrie hatte befürchtet, sie könne keine Chemikalien sprühen, wenn in der Nähe Trauben wachsen. Kirchengruppen beschwerten sich über die geplante Produktion von Alkohol. Wir fragen uns: Hätte der Bezirk eher eingelenkt, hätten die Menschen gewusst, dass die Weinstöcke eines Tages 250.000 neuseeländische Dollar (rund 160.000 Euro) pro Hektar einbringen würden?

Wir besuchen an jenem Nachmittag noch zwei weitere Kellereien und beenden den Tag bei Te Whare Ra (Maori für „Haus in der Sonne“). In dem kleinen Cellar Door begrüßt uns die 42-jährige Anna Flowerday. Sie und ihr 38-jähriger Ehemann Jason stammen beide aus Winzerfamilien und haben das 14 Hektar große Weingut vor zwölf Jahren gekauft. Einige ihrer Stöcke von Riesling, Chardonnay und Gewürztraminer seien noch von 1979, sagt Anna. „In Marlborough wird ein großartiger Sauvignon hergestellt, aber auch die anderen Weißweine sind erstklassig.“ Anna und Jason Flowerday bauen inzwischen auch Sauvignon Blanc, Pinot und Shiraz an. Raymond Chan, der als Juror bei vielen Weinprämierungen tätig ist und die Website Raymond Chan Wine Reviews betreibt, kürte Te Whare Ra 2014 zur Weinkellerei des Jahres. Te Whare Ra sei „das moderne und junge Gesicht des Weinanbaus in Neuseeland“, schrieb Chan. „Das ist es, was mich morgens aus dem Bett steigen lässt“, sagt Anna. „Ich will die Beste sein. Wenn die Menschen nur einen Tag Zeit haben und nur fünf Winzer besuchen können, dann will ich auf dieser Liste stehen.“

Nach einem ganzen Tag auf dem Rad ist es uns ein Vergnügen, das Arbour zu besuchen, ein Restaurant in einem modernen Flachbau, eingerahmt von Weinbergen. Der Speisesaal mit seiner hohen Decke ist in Schattierungen von Grau, Grün und Silber dekoriert. Das kühle Ambiente wird durch das Lächeln der freundlichen Bedienungen aufgewertet. Wir bestellen das Vier-Gänge-Menü. Unsere Bedienung fragt uns, ob wir an Allergien leiden oder bestimmte Dinge nicht mögen. Was dann auf den Tisch kommt, ist ein Festmahl aus Gemüse, Soßen, heimischem Ora-King-Lachs und Venusmuscheln aus der Cloudy Bay, Schweinemedaillons und Lenden­stücken vom Rind. Dazu gibt es einen köstlichen Sauvignon Blanc und danach einen erstklassigen Pinot Noir. Zum Nachtisch wird eine Schokoladenmousse mit Blaubeer-Himbeer-Coulis serviert und als Abschluss ein Glas importierter Portwein.

Der zweite Tag im Wein-Mekka

Unseren zweiten Tag wollen wir etwas langsamer angehen. Jo gibt uns einen neuen Routenplan, der uns zurück auf die „Goldene Meile“ führt. Unser Mittagessen nehmen wir im Bistro auf dem Hans Herzog Estate ein. Auf einer Terrasse unter Platanen wird frischer Rochen und Lamm serviert. Therese Herzog leitet das Bistro und das Restaurant der Kellerei. Bevor sie nach Marlborough zogen, besaßen sie und ihr Mann Hans im schweizerischen Winterthur ein erfolgreiches Weingut mit einem Restaurant, das einen Michelin-Stern hatte. Mehrere Jahre lang pendelten sie zwischen den beiden Ländern. „Aber nach zwei Jahrgängen fragte Hans: ‚Warum produzieren wir noch Weine in der Schweiz? Dieses Weingut läuft besser, als ich es mir je erträumt habe!‘“, erzählt Therese. 1999 zog das Ehepaar ganz nach Neuseeland und eröffnete ein Restaurant. Chefkoch Louis Schindler hatten sie gleich mitgebracht. „So zeigen wir unsere Weine am besten, denn unsere Weine passen zu gutem Essen“, sagt Therese.

Anschließend radeln wir zum Nautilus Estate. Dort führt uns Tim Ritchie durch ein Lagerhaus mit gewaltigen Tanks und Fässern aus französischer Eiche. Nachdem er in den Edelstahltanks fermentiert hat, wird der Pinot elf Monate in den Fässern gelagert. Tim öffnet den Hahn an einem Tank mit 30.000 Litern Fassungsvermögen und füllt ein kleines Glas mit Weißwein. Er ist noch nicht fertig gereift, schmeckt aber vielversprechend. Von hier aus ist es nur noch ein kurzes Stück zu unserem letzten Halt, den schönen Gärten und dem Keller von Framingham Wines. Alle Weine, die wir in den vergangenen zwei Tagen gekostet haben, waren außergewöhnlich. Bei Framingham überrascht uns die Managerin Maureen Hamilton mit einem zehn Jahre alten Riesling, der unerwartet trocken und aromatisch ist. Ein perfekter Abschluss unserer Rundreise.

Auf dem Weg zurück zum Fahrradverleih genießen Glen und ich die Stille der wunderschönen Landschaft. Man könnte meinen, dass die Winzer – und die Trauben, die schwer an den Reben hängen – alle noch einmal tief Luft holen, bevor in weniger als einem Monat wieder die hektische Zeit der Weinlese beginnt.

Reisetipps

Übernachten
Bell Tower on Dog Point B&B in Blenheim, DZ ab 290 Euro, www.thebelltower.co.nz
Hillsfield House B&B in Renwick, DZ ab 145 Euro, www.hillsfield.co.nz
171 on High Motel Blenheim, DZ ab 97 Euro, www.171onhighmotel.co.nz

Essen 
Arbour in Blenheim, Drei-Gänge-Menü ab 47 Euro, www.arbour.co.nz
Herzog Bistro und Restaurant in Blenheim, Menü ab 57 Euro www.herzog.co.nz
Wairau River Wines Restaurant in Blenheim, Hauptgang ab 18 Euro, www.wairauriverwines.com

 

Radtour
Wine Tours by Bike in Renwick. Radmiete ab 30 Euro, www.winetoursbybike.co.nz
In einem Radius von etwa fünf Kilo­metern gibt es 20 Kellereien; Weinproben sind zum Teil kostenlos

 


 

RD Abbinder
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