Häuser auf Hiddensee
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Das süße kleine Land: Hiddensee

So nennen die Bewohner von Hiddensee ihre Insel. Im Winter verströmt sie einen ganz besonderen Charme.

Ausgabe: daheim Autor: Anke Lübbert
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Das Sonnendeck auf der Fähre ist leer. Niemand sieht zu, wie Hiddensee langsam näher kommt. Der Dornbusch, das Hügelland am nördlichen Ende der Insel, ragt als große Kugel über den Rest empor. Im Wasser davor dümpeln hunderte Schwäne. Unten im Schiffsbauch sitzen elf Menschen, die in Schaprode auf Rügen die Fähre zur kleinen, westlich gelegenen Ostseeinsel Hiddensee genommen haben. Eine Frau mit einem in Papier gewickelten Nelkenstrauß. Ein Mann mit Vertreterköfferchen, ein anderer im Blaumann. Dazu eine Handvoll Touristen. Zwischen zwei Sesseln schimmern feine Spinnweben.

300.000 Touristen pro Jahr

Im Sommer sieht es hier ganz anders aus, dann drängen sich die Urlauber. Zu den knapp 1000 Bewohnern kommen dann über 3000 Übernachtungsgäste. In Scharen ziehen Tagestouristen, etwa 300.000 im Jahr, über die wenigen Wege und Straßen. Aber zwischen Anfang November und Ende März haben die Hiddenseer ihre Insel fast für sich. An diesem sonnigen Wintermorgen liegt Raureif auf den Wiesen, auf dem Wasser hat sich eine zarte Eisschicht gebildet. Der Himmel ist weit und blau. Nach einer Nacht mit viel Wind tost und tobt das Meer.

Hiddensees Schatz: seine Natur

Die meisten Urlauber kommen wegen der Natur nach Hiddensee. Weit mehr als die Hälfte der Inselfläche steht unter Naturschutz, private Autos sind hier verboten. Das Nationalpark-Haus im Hauptort Vitte ist eine der Hauptattraktionen der Insel. Es beherbergt eine Ausstellung über die Flora und Fauna der Insel, die im Sommer, wenn viele Besucher da sind, gerne besucht wird.

Sibylle Colmsee (34) arbeitet hier als Rangerin im Nationalpark. „Dass es im Winter auf der Insel so leer ist, finde ich schön“, sagt sie. „Woanders fände ich das bedrückend. Aber wir wissen ja, dass es spätestens an Ostern wieder losgeht.“ Im Winter freut sie sich über die Meeresenten. Eis-, Trauer- und Eiderenten kommen dann, wenn die Touristen weg sind. Sie bleiben auf dem Wasser, gehen nicht an Land, sind kurzzeitige Wintergäste aus der Arktis. Die Hälfte ihres Arbeitstags ist Sibylle Colmsee unterwegs. Sie schaut nach Tieren und Pflanzen, achtet auf Veränderungen und Störungen in der Natur. Bevor sie losgeht, zieht sie ihre Uniformjacke an und setzt die Mütze auf den Kopf. Dann fährt sie mit dem Dienstrad in Richtung Süden, wo sich zwischen den Orten Vitte und Neuendorf die Dünenheide erstreckt.

Die Landschaft ist ein Mosaik aus verschiedenen Farben und Strukturen. Heidekraut und andere Zwergsträucher, Strandhafer, Silbergras und Flechten wechseln sich ab. Im Hochsommer blüht die Heide violett, dann surrt und krabbelt es überall, denn die trockene blütenreiche Vegetation und der sandige Boden sind ein Paradies für Insekten. Jetzt ist alles still. Im Boden sind Wildschweinspuren zu sehen. Ein paar 100 Meter weiter führt ein Weg in die andere Richtung ins Schilf. Links Halme, rechts Halme, mannshoch, fahles Wintergelb. Dann der Blick zum Bodden, seichtes Wasser, tiefes Blau. Der Weg an der Bucht auf der Ostseite der Insel ist einer von Sibylle Colmsees Lieblingsplätzen.

Im Sommer sanft und lieblich, im Winter wuchtig und massiv

Immer wieder erhascht man auf Hiddensee einen Blick von solcher Schönheit, dass er einem den Atem raubt. Im Sommer ist diese Schönheit sanft und lieblich, im Winter wuchtig und massiv. Sogar die sonst eigentlich eher pragmatischen pommerschen Bewohner nennen ihre Insel liebevoll „dat söte Länneken“, das süße kleine Land. Bernsteinfischer und Künstler Ingo Engels ist einer der Bewohner. Seit seinem sechsten Lebensjahr steht er hier mit Gummistiefeln und einem Kescher in der Brandung. Was er sucht, ist versteinertes Baumharz aus den Wäldern, die vor Millionen von Jahren im Ostseeraum gewachsen sein müssen. Er wird vor allem an den südlichen Ostseeküsten angespült. Anfangs fertigte noch Engels’ Großmutter den Schmuck aus den Steinen an, die ihr Enkel mit nach Hause brachte. Später machte er das selber.
Feuerfarbener, blasser und gelber Bernstein. Geschliffene und polierte Hölzer. Strandgut, zusammengesetzt zu Halsketten, Armbändern, Schlüsselanhängern. Lange arbeitete er als Hausmeister, auch als er schon längst als Geheimtipp unter den Urlaubern gehandelt wurde. Nach Feierabend wartete die Kundschaft in einer langen Schlange vor seinem Haus. Mittlerweile sitzt der 60-Jährige in seiner Werkstatt im Hinterzimmer seines Ladens in Vitte. Im Winterhalbjahr mit seinen Stürmen sammelt und verarbeitet er den Bernstein. „Man muss zur rechten Zeit am rechten Ort sein“, sagt er. Der Bernstein folgt der Strömung. Engels kennt die Buchten, an denen die Kostbarkeit angespült wird.

Im Winter friert das Meer zu

Die flachen Boddengewässer, auf denen die Fährschiffe zwischen Rügen und Hiddensee verkehren, frieren im Winter regelmäßig zu. Einheimische sind darauf eingestellt und haben für den Notfall vorgesorgt. Für Besucher bleibt ein Rest Nervenkitzel. Im Februar 2010 mussten etwa 100 Urlauber ausgeflogen werden, weil das Eis auf dem Wasser so dick geworden war, dass selbst die eisbrechende Fähre nicht mehr durchkam. Doch das Risiko lohnt sich. An einem Winterabend steht man auf der sandigen Dorfstraße von Kloster ganz alleine. Meeresrauschen, dahinter nur Stille. Am Anleger ist einzig der Fischkutter von Hubert Thürke, dem letzten Fischer des Orts, beleuchtet. Mit einem Wasserschlauch spritzt er Fischschuppen von den Planken seines Boots. Am Himmel leuchten die Sterne, von Zeit zu Zeit wandert das Leuchtturmlicht darüber. Man sollte es halten wie die Eisenten und nach Hiddensee kommen, wenn sonst niemand da ist.

 

 


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