Ein Mitglied eines Orchesters spielt auf der Trompete.
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Urlaubsziele

Die Pauken und Trompeten des Musikwinkels

Eine Reise durchs waldreiche Vogtland und zu den vogtländischen Instrumentenbauern.

Ausgabe: daheim Autor: David Krenz
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Tief im Süden Mitteldeutschlands, umgeben von Fichtelgebirge, Erzgebirge und Thüringer Wald, liegt ein kleines, dünn besiedeltes Hügelland. Doch überall auf der Welt bringen Musiker ein Stück Vogtland zum Klingen. Das Vogtland ist Heimat des Musikwinkels, jener berühmten Gegend um Markneukirchen, Schöneck und Klingenthal, die seit gut 350 Jahren als weltweit führend im Instrumentenbau galt. Zu Hoch-Zeiten entstanden hier bis zu 150.000 Geigen im Jahr. Heute sorgen 100 Kleinbetriebe dafür, den guten Ton zu wahren. Nach alter Familienart fertigen sie meisterliche Musikinstrumente in Handarbeit, vom Akkordeon bis zur Zither, vom Taktstock bis zum Tambourin.

 

Instrumentenbau macht ordentlich Krach

Dass Kerstin Voigt ihren Angestellten den Marsch bläst, passiert höchstens mal nach Feierabend. Als Chefin einer Firma für Metallblasinstrumente in Markneukirchen trägt sie Verantwortung für 30 Mitarbeiter. „Seit zehn Generationen arbeitet meine Familie im Instrumentenbau“, sagt sie beim Rundgang durch die Werkhalle. Wobei, eigentlich schreit sie eher. Wer glaubt, Instrumentenbau sei eine leise Angelegenheit, wird in Voigts Blechblasbetrieb Ohren machen. An den Werkbänken stehen Männer und Frauen in ölbeschmierten Schürzen, sie fräsen Ventilstücke und löten Mundrohre, Schlag auf Schlag treiben sie das papierdünne Messingblech, bis der Schalltrichter seinen kegelförmigen Schwung erhält. „Wer die glänzenden Instrumente später im Schaufenster sieht, kann sich kaum vorstellen, wie viel Schweiß, Schmutz und harte Arbeit darin stecken“, sagt Voigt. Perfektion hat ihren Preis, bis zu 9000 Euro kann eine Kontrabassposaune kosten.
Im Moskauer Bolschoi Theater, in der Dresdner Philharmonie, in Max Raabes Palastorchester tönen Trompeten und Posaunen der Firma Voigt. „Wenn ich bei einem Konzertbesuch auf der Bühne eines unserer Instrumente sehe, gehe ich anschließend schon ein wenig stolz nach Hause“, sagt die Firmenchefin. Viele Kunden kommen selbst vorbei, um ihr Instrument zu holen. Und bleiben meist ein paar Tage in der Gegend.

 

Wechselhafte Landschaft

Wer einmal quer durch das Vogtland reist, lernt den wechselhaften Charakter der Region kennen. Im nördlichen Teil dominieren weiche Hügel und saftige Wiesen, durchschnitten von vielen Flussauen. Im Süden und Südosten steigt das Obere Vogtland zum Mittelgebirge an. Über dichten Nadelwäldern erhebt sich hier der Schneehübel (974 Meter), des Vogtlands höchster Berg. Das zentral im Westen der Region gelegene Gebiet um Plauen besticht mit seinen Talsperren und dem Kuppenland.

Auch Plauen selbst, die heimliche Hauptstadt des Vogtlands, lohnt einen Abstecher. Dort gibt es Spitzenkunst zu sehen. Nicht von alten Meistern gemalt, sondern aus feinen Garnen gefertigt: Die Plauener Spitze ist seit 120 Jahren weltbekannt, heute produzieren 40 Stickereien Tischdecken, Taschentücher und sogar Ballkleider. Drei Bundesländer – Sachsen, Bayern und Thüringen – teilen sich das Vogtland. Auch einen Zipfel Tschechien, das westböhmische Egerland, zählen Historiker zum Vogtland. Seine Anfänge führen ins 12. Jahrhundert zurück, als Kaiser Barbarossa die Verwaltung seiner waldreichen Ländereien im Osten den Heinrichingern übertrug. Die wirkten im Streitfall auch als Richter, lateinisch „advocatus“, wovon sich der Titel Vogt ableitet. Ihr Land regierten die Vögte von der Osterburg in Weida aus. Der 54 Meter hohe Bergfried auf einem flussumspülten Felssporn steht bis heute. Viele weitere Burgen und Schlösser schmücken das Land. In Netzschkau steht eines der frühesten Schlösser Sachsens, 1490 im spätgotischen Stil erbaut. Wie lodernde Flammen wirken die roten Staffelgiebel und Bogenfenster an der kreidebleichen Fassade. Innen beeindrucken Stempelstuckdecken und ein Kachelofen aus Meißner Porzellan.

 

Ein Weg folgt dem wilden Lauf der Weißen Elster

Ein Lustwandelpfad führt vom Schlosspark zum wohl bekanntesten Wahrzeichen des Vogtlands. Die Göltzschtalbrücke, aus 26 Millionen Lehmziegeln erbaut, gilt mit 574 Metern Länge und 78 Metern Höhe als größte Backsteinbrücke der Welt. Die Nummer zwei, 68 Meter hoch, steht nur 15 Kilometer südlich davon: die Elstertalbrücke. Am Fuße des Viadukts folgt ein Wanderweg dem wilden Lauf der Weißen Elster: eine urwüchsige Flusslandschaft mit üppig bewaldeten Höhenzügen und schroffen Felsengebilden. Im Frühjahr nisten hier Wasseramsel und Eisvogel.

„Das Vogtland ermöglicht Tourismus im Einklang mit der Natur. Genau das möchte ich auch meinen Gästen bieten“, sagt Britta Lautenschläger. Sie ist Mutter von vier Kindern und führt in Weckersdorf den Berghof, einen alten Vierseitenhof in Fachwerkbauweise, wie er typisch ist das thüringische Vogtland. Im Jahr 1900 kaufte die Ururgroßmutter ihres Mannes den einstigen Viehhof, 1923 nahm sie die ersten Sommergäste auf. Britta Lautenschläger stammt aus Sachsen-Anhalt und hat Agrarwissenschaften studiert. 1998 übernahm Britta Lautenschläger den Berghof von ihrer Schwiegermutter. Der Anfang war gewöhnungsbedürftig, zum Beispiel, was den eigentümlichen Dialekt betrifft. Der Vogtländer sagt „Aamer“, wenn er Eimer meint. „Zuerst wollte ich nicht her, jetzt will ich nicht wieder weg“, gibt sie zu. „Das Vogtland ist waldreich, hügelig und hat viel Wasser. Ich finde es wunderschön hier.“ Der Berghof trägt zu dieser Idylle bei, Lautenschlägers haben ihn in ein Urlaubsparadies verwandelt. An der langen Tafel der Bauernstube bekommen die Gäste Gaumenfreuden aus der Gegend aufgetischt. Im Herbst geht sie mit Besuchern im Kettenwald Pilze sammeln, die Kinder bauen sich Hütten und für Igel Winterquartiere aus Reisig. „Die Menschen brauchen den Wald“, findet Lautenschläger. „Ich könnte selbst stundenlang hindurchlaufen, ohne viel zu sprechen.“ Hier, wo die Bäume rascheln und Hähne krähen, wo Traktoren auf Feldern Staub aufwirbeln und im nahen Güldetal die Mühlen klappern, offenbart das Vogtland seine stille Seite. Wer die andere Seite sucht, muss sich nur eines von Britta Lautenschlägers Leihfahrrädern schnappen. Und einen Ausflug zu den Pauken und Trompeten des Musikwinkels unternehmen.


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