Das Herrenhaus des Landgut Panker, ein großer Gutshof in der Holsteinischen Schweiz in Schleswig-Holstein.
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Holsteinische Schweiz: Hügel und Gutshöfe

Von wegen plattes Land: In der Holsteinischen Schweiz haben Gletscher einst ganze Arbeit geleistet.

Ausgabe: daheim Autor: Johan Kornder
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Gaaaanz ruhig“, sagt der vollbärtige Kutscher mit kaum hörbarer, weicher Stimme. „Ich bin ja bei euch.“ Er streichelt mit der Peitsche sanft über die Pferderücken. Die Hengste Atlas und Dolaron verlangsamen ihre Schritte. Ein Auto überholt die hölzerne Kutsche und ist schon bald nicht mehr zu sehen. Die schmale Landstraße, gesäumt von uralten knorrigen Eichen, gehört nun wieder dem Pferdegespann. Hinten in der Kutsche sitzt der Pferdewirt Ernst Tamm und blickt unter seinem Schlapphut hervor in die Landschaft, die Holsteinische Schweiz, seine Heimat. Der Landstrich im Osten Schleswig-Holsteins zwischen Kieler Förde und Lübecker Bucht ist so wellig wie die nahe Ostsee. Im Frühjahr zeigen sich die Felder und Hügel in hellen Grüntönen. Wenn dann der Raps blüht, im Sommer Weizen und Gerste gedeihen, leuchtet die Landschaft in strahlendem Gelb und Ockerfarben.

Tamm liebt diese weichen Konturen, ihre Anmut und die Schönheit ihrer Farben, seit er denken kann. Wenn er von der Holsteinischen Schweiz spricht, klingt es ein wenig so, als erzähle er von einer Geliebten. Die Geschichte dieser Landschaft beginnt in der Weichseleiszeit vor gut 100.000 Jahren. Gigantische Eismassen kamen aus dem Norden und brachten Geröll mit sich. Sie türmten es zu Hügeln und schürften mit ihren Zungen Vertiefungen aus, in denen das Wasser zurückblieb, als die Gletscher abschmolzen. Ihre End- und Seitenmoränen formten auch die steilen, steinigen Ufer vieler Seen. Mehr als 200 sind es, stattliche wie der Große Plöner See und unzählige kleine. In dieser waldreichen Wasser- und Moorlandschaft fühlen sich Molche, Eisvögel, Seeadler und die Gebänderte Prachtlibelle wohl. Unbestrittener Höhepunkt der Region ist jedoch der Bungsberg, der Mont Blanc Schleswig-Holsteins: Die mit 167 Metern höchste Erhebung des Landes ist mit einem Schlepplift bestückt und markiert Deutschlands nördlichstes Skigebiet.

In den Äckern liegen echte Schätze verborgen.

Tamm selbst hat schon Steinzeitwerkzeug wie Speerspitzen und Beile ausgegraben. Neben diesen kleinen Zeitzeugnissen aus der jüngeren Steinzeit haben die ersten Siedler auch Großes hinterlassen: Hünengräber mit gigantischen Felsbrocken als Grabdeckel – wie jenes, das am Ortsausgang des Kneipp-Heilbads Malente an Diek- und Kellersee freigelegt wurde. Von Malente ist es nicht weit in die Städte Plön und Eutin inmitten dieser vielfältigen Seenlandschaft. Plön ist von Seen geradezu umzingelt. Vom Plöner Wahrzeichen, dem kalkweißen Schloss auf einer Anhöhe, heute Tagungsstätte und Ausbildungszentrum, bietet sich ein fantastischer Blick auf den funkelnden Plöner See mit seinen von alten Bäumen bewachsenen Inselchen in der Flachwasserzone – ein Paradies für Wasservögel aller Art. Die Backsteinarchitektur macht das besondere Flair der beiden Städtchen aus.

Einen Spaziergang durch Eutin – über den Marktplatz mit seinen hübschen Einkaufsläden zur Kirche St. Michaelis samt schiefem Turm und weiter zum Backsteinschloss am Großen Eutiner See – sollte sich kein Besucher entgehen lassen. Ebenso wenig die prächtigen Gutsanlagen mit Nebenhäusern und gepflegten Gärten, auf die die Menschen in der Region stolz sind. Solche Anwesen, meist freistehend und sehr viel größer, sind charakteristisch für die gesamte Holsteinische Schweiz. Im späten Mittelalter errichteten Ritter diese adeligen Herrenhäuser, die noch heute die Landschaft prägen. Sie lassen sich auch mit dem Fahrrad hervorragend erkunden.

Mit anpacken auf dem Gutshof

Auf der knapp 40 Kilometer langen Güter-Tour passiert man zum Beispiel Gut Stendorf in der Nähe des Bungsbergs. Auf der bereits im 13. Jahrhundert erwähnten Gutsanlage wird seit mehr als 800 Jahren Landwirtschaft betrieben. Das nahezu vollständig erhaltene Dorf-Ensemble aus dem 18. Jahrhundert mit Herrenhaus und Wirtschaftsgebäuden, ehemaligen Landarbeiterhäusern sowie der großzügigen Parkanlage steht unter Denkmalschutz. Wer nicht zimperlich ist und anpacken kann, ist eingeladen, sich als Erntehelfer einzuquartieren und gegen Kost und Logis einen Sommer lang das Leben auf einem Großgrundbesitz kennenzulernen.

Unweit davon liegt das weitläufige Gut Sierhagen bei Altenkrempe. Sein klassizistisches Herrenhaus in Zitronengelb hebt sich von der übrigen Backsteinarchitektur ab und sieht besonders schön aus, sobald Sonnenstrahlen die Fassade erhellen. Wenn dann noch die Gänse über die Wiesen vor dem Haus watscheln, vergisst man für einen Moment, dass es sich auch hier um einen modernen Gutsbetrieb handelt. Verbindungen zum letzten deutschen Kaiserhaus bescherte den Gutsbesitzern eine Orangerie für die Überwinterung exotischer Pflanzen. Das Geschenk von Kaiserin Auguste Viktoria ist heute das Palmenhaus Café – vom Magazin „Der Feinschmecker“ als eines der besten Cafés in Deutschland ausgezeichnet.

Wallhecken, genannt Knicke, rastern die Landschaft

Für bessere landwirtschaftliche Erträge wurde ab dem 18. Jahrhundert das zuvor gemeinschaftlich bewirtschaftete Land unter den Bauern aufgeteilt. Durch diese Landreform entstand die sogenannte Knicklandschaft: angelegte Erdwälle, auf denen dichte Hecken (Haselnuss, Heckenrose, Schlehe) und dicke Eichen wachsen. Sie durchziehen die gesamte Holsteinische Schweiz wie Adern, teilen, begrenzen und schützen als lebende Zäune die einzelnen Felder. Ob Laubwälder oder Moore, Seen oder die Kulturlandschaft der Knicke – jeder dieser Naturräume bietet Lebens- und Rückzugsraum für eine artenreiche Tierwelt.

 


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