Sonnenstrahlen fallen auf einen grünen Buchenwald.
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Urlaubsziele

Im Reich der urigen Buchen

Sonnenaufgang im Nationalpark Kellerwald-Edersee zwischen knorrigen, krummen Baumgestalten.

Ausgabe: daheim Autor: Dorothee Fauth
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Der Tag erwacht im Nationalpark Kellerwald-Edersee. Auf halber Strecke zwischen Marburg und Kassel liegt die 27 Kilometer lange Edertalsperre, an deren Südufer sich der Nationalpark Kellerwald-Edersee anschließt. Er schützt einen ganz besonderen Natur- und Lebensraum: einen der letzten alten Buchenwälder Europas. Den dominierenden Baum, die Rotbuche, gibt es nur in Europa, und Deutschland liegt im Zentrum ihres Verbreitungsgebiets. Einst bedeckten ihre Waldgesellschaften unser Land zu mehr als 60 Prozent, davon geblieben sind 4,5 Prozent. 2011 hat die Unesco fünf „Alte Buchenwälder Deutschlands“ zum Welterbe ernannt als Erweiterung der „Buchenurwälder der Karpaten“. Denn dass eine Baumart einen ganzen Kontinent derart prägt, ist weltweit einzigartig. Die Unesco-Zone ist das besonders geschützte Herzstück des Nationalparks, in dem die Natur Natur sein darf und eine Wildnis von morgen entsteht. Dort gibt es noch echte Urwaldrelikte: knorrige, krumme Baumgestalten, die sich an felsige Steilhänge klammern. Auf ausgewiesenen Wegen kann man das Reich der urigen Buchen erkunden.

Der Urwaldsteig, der einmal rund um den Edersee führt und auf Etappen mit dem Kellerwaldsteig identisch ist, gehört zu den schönsten Routen. Mittlerweile schickt die Sonne ihre Strahlen durch das bunte Laubdach, flirtet mit den Blättern und lässt sie mit den grün bemoosten Wurzeln um die Wette leuchten. Ein junger Fuchs erkundet eine Waldlichtung und flieht erschrocken, als er die Wanderer bemerkt. Wer tiefer in die Geheimnisse dieses Ökosystems eintauchen möchte, sollte unbedingt mit einem Ranger oder Nationalparkführer unterwegs sein. Die kennen nicht nur die Wellness-Oasen der Wildschweine, sondern auch die sozialen Wohnungsbauprojekte der Spechte. Joachim Reinhardt zeigt auf einen zur Hälfte abgestorbenen Baum, der von Höhlen regelrecht durchsiebt ist. „Wenn der Specht auszieht, mieten sich dort Fledermäuse oder Wildbienen ein“, erklärt der Ranger. Fällt der Baum, machen sich Heerscharen von Kleinlebewesen darüber her und zerraspeln ihn zu Mulm. „Im Totholz tobt das Leben“, sagt Reinhardt.

 

Die Buche gewinnt immer, denn sie kann warten

Plötzlich rückt ein struppiges Riesenmikado ins Blickfeld: bleiche Stämme ehemaliger Fichtenbestände aus Zeiten der Waldweiden und Köhlerei, die niemand wegräumt. Von unten wächst bereits die Verjüngung des Waldes heran. Langfristig wird die Buche diesen Wettstreit gewinnen. Warum, das kann die Försterin Nicole Backhaus vom Nationalparkamt erklären: „Die Buche gedeiht auf fast allen Böden, das macht sie konkurrenzstark. Und sie kann warten.“ Sie verharrt im Schatten dichter Kronen, bis sie Licht und Platz bekommt. Dann beginnt sie zu wachsen. „Deshalb sieht man Buchen das Alter nicht an“, sagt Nicole Backhaus. Zarte kleine Bäumchen können 30 Jahre auf dem Buckel haben, große noch Buchenbackfische sein.

Eindrucksvoll erleben lässt sich die Dynamik des Waldes am Brückenkopfsteig, einem Abschnitt der Hagensteinroute, die am Nationalparkzentrum mit seiner sehenswerten Ausstellung samt 4-D-Kino beginnt. Sie zählt zu den aufregendsten Wegen im Nationalpark. Hier muss der Wanderer über Bäume kraxeln, die sich quer über den Pfad geworfen haben, Brombeerranken spielen Fußfesseln. Rechterhand das Laubmeer, links zu Mulm zerraspelte Spuren von Baumstämmen und Baumpilze, die aussehen wie riesige Hamburger. Mit jedem Schritt ändert sich das Bild. Dazwischen tauchen immer wieder Magerwiesen auf, auf denen im Sommer Fingerhutkolonien stramm stehen und Heidschnucken grasen – ein Zugeständnis an die frühere Kulturlandschaft, die sich die Wildnis nicht zurückholen soll.

Wildkatze, Luchs und Waschbär leben hier

Joachim Reinhardt ist an einem Felshang und bei seinem Lieblingsbewohner angekommen: der Pfingstnelke. Die Urzeitpflanze gedeiht seit der letzten Eiszeit auf Schutthalden und in Felsritzen – Extremstandorte, an denen die Temperaturen übers Jahr zwischen plus 60 und minus 20 Grad schwanken. Auch andere Bewohner fühlen sich im Kellerwald wohl: Der heimliche Schwarzstorch brütet in den Bäumen, Wildkatzen schleichen durchs Unterholz, auch der Luchs ist wieder hier, und der Wolf wird erwartet. Im Herbst hört man die Hirsche röhren. Und dann sind da noch die Waschbären, die sich, 1934 zu Jagdzwecken ausgesetzt, bis heute munter durch die Wälder räubern.

Im Sommer und Herbst kann man häufig den Geheimnissen der gestauten Eder wortwörtlich auf den Grund gehen. Während die Bäume im Frühjahr nah am Wasser stehen, ändert sich das Bild im Spätsommer und Herbst. Denn die Talsperre sorgt unter anderem dafür, dass die Weser schiffbar bleibt. In regenarmen Sommern wird teilweise so viel Wasser abgelassen, dass man trockenen Fußes zur sogenannten Liebesinsel spazieren kann und das Nationalparkamt Wattwanderungen anbietet. In extremen Jahren (etwa 2003) taucht sogar das Edersee-Atlantis auf: Reste versunkener Dörfer, die an anderer Stelle wiederaufgebaut wurden. Dann kann man die ehemalige Brücke von Asel am Grund des Sees überqueren, die mit Betondeckeln versiegelten Gräber des Friedhofs von Bringhausen sowie ein Modell der Staumauer bei Berich besichtigen. So hat jede Jahreszeit ihre Farben, Stimmungen und Besonderheiten. Die versinken nun langsam in der blauen Stunde der Nacht. Bis zum nächsten Morgen.

 


 

RD Abbinder
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