Ansicht vom vieux port in Marseille aus auf die Basilika Notre-Dame de la Garde oben auf dem Hügel.
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Marseille: Meer und mehr

Ein Besuch in der pulsierenden Metropole am Mittelmeer und ältesten Stadt Frankreichs.

Ausgabe: April 2022 Autor: Paul Robert
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Ein junger Mann in T-Shirt und Jeans wechselt einige Worte auf Arabisch mit der Frau, die in einer winzigen Bäckerei über offener Flamme Fladenbrote backt. Sie schneidet eins davon auf und reicht ihm ein Stück. Es ist mein zweiter Tag in Marseille, neugierig beobachte ich die Szene. Kleine Geschäfte wie diese kenne ich aus dem Nahen Osten, hatte aber nicht erwartet, sie in der südfranzösischen Metropole zu finden. Der Kunde dreht sich mit einem freundlichen Lächeln zu mir um und fragt: „Tourist?“ Er legt eine Münze auf die Theke, beißt ein Stück Brot ab und geht durch die schmale Gasse davon, ohne meine Antwort abzuwarten.

 

Marseille – Stadt der Einwanderer

Ich bin in der Rue Rodolphe Pollak in Noailles, einem Viertel der zweitgrößten und ältesten Stadt Frankreichs mit dem wichtigsten Handelshafen des Landes. Das Labyrinth aus kleinen Gassen liegt nur wenige Gehminuten vom Vieux-Port, dem alten Hafen, entfernt. Dieser ist das touristische Zentrum der Stadt. In den kleinen offenen Ladenlokalen gibt es Gemüse, Fleisch, Reinigungsmittel, Rattanmöbel und wohl alle Gewürze des Orients zu kaufen. In den geschäftigen Straßen hört man neben Französisch auch Arabisch und afrikanisches Französisch. Die Bäckerei von der Größe einer kleinen Küche wird von Yasmina Ayab und ihrem Sohn Mohammed geführt. Als ich stolz ein paar Worte auf Arabisch hervorbringe, lädt Yasmina mich mit einem breiten Lächeln ein, mich zu ihr zu setzen. Sie erzählt mir von Algerien und wie sie mit ihren Kindern vor zehn Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Marseille gekommen ist.

Ihre Geschichte ist typisch – es ist die Geschichte von Marseille. Migration und Invasion haben diese sonnenverwöhnte Stadt am Mittelmeer geprägt, seit griechische Händler vor 2600 Jahren an ihrem Ufer an Land gingen. Sie bauten einen Hafen und mischten sich mit den ansässigen Kelten. Es folgten Römer, Juden, Westgoten, Burgunder und Franken. Während der Bourbonen-Dynastie im 17. und 18. Jahrhundert diente der Hafen als Werft. Im 20. Jahrhundert kamen Armenier, Westafrikaner, Bewohner der Komoren und arabischsprachige Einwanderer aus Nordafrika. In kaum einer anderen Stadt Europas gibt es eine solche ethnische Vielfalt.

Noailles liegt nur einen Steinwurf von der Hauptgeschäftsstraße La Canebière entfernt. Das lebhafte Viertel ist laut und farbenprächtig, Graffiti bedeckt die Wände. An einem kleinen Platz, der die griechischen Wurzeln Marseilles mit einem Springbrunnen ehrt, der Homer gewidmet ist, entdecke ich eine improvisierte Gedenkstätte: Acht verblassende Porträts erinnern an die acht Bewohner, die 2018 beim Einsturz von zwei baufälligen Häusern ums Leben kamen. Das Viertel ist ausgesprochen gastfreundlich und hat Seele. Nicht weit von Yasmina Ayabs Bäckerei entdecke ich in der Rue du Musée ein algerisches Restaurant, „Le Fémina“. „Mein Urgroßvater hat es gegründet“, erzählt mir der Besitzer Mustapha Kachetel und zeigt auf verblichene Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand: „Mein Urgroßvater, mein Großvater, mein Vater“. Das Restaurant befindet sich seit 1921 in diesem Gebäude. Mustapha feierte das 100-jährige Jubiläum im letzten Jahr mit einem riesigen Couscous-Festival. Seine Spezialität kocht er nicht wie oft üblich mit Weizen, sondern mit Gerste, nach einem Rezept aus den 1920er-Jahren. Es kommt aus einer Gegend in Algerien, wo sein Urgroßvater herstammte. „Würden Sie sich, nach vier Generationen in Frankreich, als Franzose oder als Algerier bezeichnen?“, frage ich. Mustapha zögert nicht: „Algerier“, relativiert es aber: „Algerier oder Franzosen sind nur Nationalitäten. Ich bin also Marseillais!“

Couscous und Bouillabaisse

Couscous gehört zur Kultur der Stadt, darauf besteht Mustapha. Er war Mitglied der algerischen Abordnung, die sich für die Aufnahme von Couscous in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes einsetzte. Mit Erfolg: 2020 wurde das Gericht aufgenommen. Couscous zählte nicht zu den Gerichten, die mir vor meiner Reise nach Marseille in den Sinn kamen. Vielmehr dachte ich an Bouillabaisse, die reichhaltige Suppe mit Olivenöl, Knoblauch, Fenchel und Safran, die Fischersfrauen kochten, um den Fang zu verwerten, den sie nicht an Restaurants verkaufen konnten. Auf der Zugfahrt von meiner Heimatstadt Amsterdam in den Süden Frankreichs schickte mir ein Freund eine Nachricht mit einer Frage. Ich schrieb ihm zurück: „Ich werde bei einem Teller Bouillabaisse darüber nachdenken.“ Ich sah mich in einem kleinen Hafencafé sitzen, mit einem Pastis de Marseille, einem Aperitif mit Anisgeschmack, umgeben von Einheimischen, die in unverständlichem Dialekt die Weltgeschehnisse kommentierten. Diese romantische Vorstellung rührte von früheren Reisen in abgelegene Dörfer Frankreichs her. Marseille hat allerdings nichts mit diesen Orten gemein. Es gibt nämlich am historischen alten Hafen keine kleinen Cafés. Der Vieux-Port ist heute ein riesiger, beeindruckender Jachthafen mit Hotels, einem Seifenmuseum – Olivenölseife zählt neben Pastis zur Spezialität von Marseille – und Festungsanlagen aus dem 17. Jahrhundert.
Natürlich haben die Restaurants Bouillabaisse auf ihrer Speisekarte. Doch als ich den Preis sehe, trifft mich beinahe der Schlag: 69 Euro! Ein Teller Suppe sollte niemals so viel kosten, selbst wenn Fische mit Goldschuppen darin wären. Also entscheide ich mich für ein Restaurant, das zwei Straßen vom alten Hafen entfernt liegt und bei einheimischen Feinschmeckern beliebt ist. Im Ourea serviert Chefkoch Matthieu Roche ein 3-Gänge-Menü für 28 Euro mit dem köstlichsten Thunfischsteak, das ich je gegessen habe.

 

Bohémiens in Le Panier

Immer mehr junge, talentierte Leute entdecken Marseille als Ort, um ihre Träume zu verwirklichen. Dazu gehören Einheimische wie Roche, jedes Jahr lassen sich aber auch immer mehr Leute aus Paris hier nieder. Franzosen, die der Hauptstadt den Rücken kehren, ziehen Marseille jeder anderen Stadt in Frankreich vor. Neuankömmlinge – hier Bourgeois-Bohemiens oder kurz „Bobos“ genannt – haben die Hektik und hohen Lebenshaltungskosten in Großstädten satt. Sie sehnen sich nach der entspannten mediterranen Lebensweise. „Ich habe in London im Finanzbereich gearbeitet“, erzählt Claire Lombard, die 34-jährige Miteigentümerin von Maison des Nines, einem kleinen Restaurant mit Boutique und Galerie am Rand von Noailles. „Nach dem Brexit musste ich London verlassen, mochte aber nicht zurück nach Paris. In Marseille ist es einfacher, etwas Neues anzufangen. Das Leben ist günstiger, und im schlimmsten Fall kann man es sich leisten zu scheitern.“ Sie gründete Maison des Nines zusammen mit zwei anderen Frauen. Eine der beiden, Estelle Billet, 29, war in Paris im Marketing und Einzelhandel tätig. Jetzt kümmert sie sich um die Boutique, in der die drei Freundinnen handgemachte Seifen, Parfums und Schmuck anbieten.

Der massive Zuzug der Bobos führt zu einer allmählichen Gentrifizierung der ärmeren Viertel des Stadtkerns. Eins davon ist Le Panier, ein Stadtteil mit Dorfcharakter nördlich des Vieux-Port. Zwischen den alten Häusern locken heute in den engen Gassen Boutiquen, Restaurants und unterschiedliche kulturelle Angebote. Meine Stadtführerin Corinne Ferrand hat die Liebe zu ihrer Heimatstadt zum Beruf gemacht. Ich bitte sie, bei ihrer Führung die touristischen Highlights auszulassen. Denn die Kathedrale von Marseille und die prächtige Basilika Notre-Dame-de-la-Garde, die auf einem Hügel thront, sind leicht zu finden. Bei unserem Streifzug durch Le Panier kommen wir an einem Pétanque-Platz vorbei, wo die lokale Variante von Boule, dem beliebten Kugelspiel der Franzosen, gespielt wird. „Der Platz wird von der Gemeinde betrieben, man kann ihn aber auch für Firmenveranstaltungen mieten“, erklärt Ferrand.

 

Seite-an-Seite der Kulturen

Während ich durch die gegensätzlichen Viertel von Marseille schlendere und die Bezirke mit hoher Kriminalität im Norden der Stadt meide, überlege ich, ob die Mischung der vielen Kulturen gelegentlich zu Problemen führt. Am Abend frage ich Fabien Chabord, den Besitzer einer Bar am Place Jean-Jaurès in einem Szeneviertel nicht weit von Noailles. Die Bars auf dem Platz sind gut besucht. Einheimische aller Ethnien starren auf Fernsehbildschirme: Die Fußballmannschaft Olympique Marseille (OM) spielt gegen Lokomotive Moskau. OM liegt in Führung, die Stimmung ist ausgelassen. „Sie sehen, dass die verschiedenen Gruppen unter sich bleiben“, sagt Fabien, „doch zu später Stunde kann es zu Spannungen kommen. Marseille ist ein raues Pflaster.“ Er lacht und fügt hinzu: „Deshalb schließe ich immer um zwei Uhr morgens. Das ist eine gute Zeit.“ Als ich später durch die Gassen von Noailles zu meinem Hotel zurückgehe, denke ich über die verschiedenen Kulturen nach, die in Marseille in denselben Vierteln leben – Seite an Seite, aber nicht durchmischt. Es gibt tunesische Bäckereien, algerische Metzgereien, armenische Lebensmittelläden, syrische Restaurants und Vintage-Kleiderläden von Bobos. Wie Mustapha fühlen sich ihre Besitzer vielleicht in erster Linie als Marseillais.

„Ganz richtig“, bestätigt Adrien Joly, am folgenden Tag. Joly ist Direktor des Museums der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (Mucem). Gegründet 2013 ist es heute Frankreichs größtes Nationalmuseum außerhalb von Paris. Es zeigt Dauerausstellungen über Anthropologie, Geschichte, Archäologie und Kunst. Joly führt mich durch die Sammlung, in der die Geschichte von Marseille erzählt und erklärt wird, warum die Stadt stärker auf den Mittelmeerraum ausgerichtet ist als auf den europäischen Kontinent im Norden. Es ist ein großartiges Museum, doch die Einheimischen tun sich damit noch schwer. Allem, was von der Regierung in Paris kommt, so der Direktor, „wird misstraut. Aber wenn sie die Ausstellung sehen, sind sie begeistert. Ich glaube, Marseille ist inzwischen stolz darauf.“ Wie so viele Neuankömmlinge, die sich über die Jahrhunderte in dieser ehrwürdigen alten Stadt niedergelassen haben, muss sich auch das Museum einen Platz im Herzen der Menschen erobern. Und dann wird vielleicht auch das Mucem ein echter Marseillais sein.

 

Schon gewußt?

La Marseillaise - die Geburt der französischen Nationalhymne

„Auf, auf, Kinder des Vaterlandes! Der Tag des Ruhmes, der ist da“, so beginnt ein Lied, das 1792 im Elsass, etwa 600 Kilometer von Marseille entfernt, komponiert wurde, um die französischen Truppen im Krieg gegen Österreich zu sammeln. Damals hieß es Kriegslied für die Armee. Im selben Jahr marschierte eine Gruppe Freiwilliger von Marseille nach Paris, um beim Sturz der Monarchie mitzuwirken. Sie sangen das Lied in den Straßen der Hauptstadt. Daraufhin wurde es in "La Marseillaise" umbenannt – und am 14. Juli 1795 zur Nationalhymne Frankreichs erklärt.

 

Fotos: © istockfoto.com/Javier García Blanco (Straße in Le Panier) und © istockfoto.com/Noppasin Wongchum (Mucem)


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