Der Frankenjura wie hier in Pottenstein ist bei Klettersporlern sehr beliebt.
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Oberfranken ist eine Reise wert

Mitten in Oberfranken liegt die fränkische Schweiz, ein Mekka für alle Kletterfans und Natururlauber.

Ausgabe: daheim Autor: Julius Schophoff
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Matthias Stöcker hat seinen Campingbus am Waldrand von Würgau geparkt. Nun läuft er einen Hang mit mächtigen Ahornbäumen hinab. Nach ein paar Schritten lichtet sich der Wald, Stöcker steigt auf einen Vorsprung und blickt auf den freistehenden Felsen: ein Turm aus Stein, dreißig Meter hoch, mit Rissen und Überhängen – ein Szenario, wie Kletterer es lieben. Wegen der Felsen ist Stöcker hierhergezogen: in die Fränkische Schweiz, ins Herzen von Oberfranken, einem urtümlichen Landstrich im Norden Bayerns, der oberhalb von Nürnberg beginnt und an den Grenzen von Sachsen, Thüringen und Tschechien endet.
„Hier treffen sich Kletterer aus der ganzen Welt“, berichtet Stöcker. Er hat den halben Erdball bereist, ist die Dolomiten und die Rocky Mountains hinaufgekraxelt, aber so viele schwierige Routen auf so engem Raum hat er nirgends gesehen. An den 600 Massiven der Fränkischen Schweiz, schätzt er, gibt es ungefähr 17.000 Kletterrouten. Die Felsen seien nicht hoch, aber anspruchsvoll. Und schnell erreichbar. Am Fels blitzen silberne Haken, an einer Stelle ist der hohe Schwierigkeitsgrad als Warnung für andere Kletterfreunde ans Gestein gekritzelt: 8+/9-. Manche Routen hat Stöcker selbst erschlossen: Mit Schlagbohrer und Zweikomponentenkleber ist er hinaufgestiegen und hat Haken in den Fels getrieben. Manchmal, erzählt er, gibt der Bohrer aber plötzlich nach und rutscht durch. Hohlräume im Fels, Zeichen einer langsamen Zersetzung des Kalksteins. Entstanden auf dem Grund des urzeitlichen Jurameeres, wird der Muschelkalk seit Jahrmillionen abgetragen; erst die weicheren Massive, dann die härteren, die zeitweise als Felstürme stehen bleiben. Regenwasser, das in die Ritzen dringt, höhlt das Gestein von innen aus.

Tropfsteinhöhlen und Naturtourismus

An einem Massiv führt eine schmale Höhle in den Fels. Stöcker tappt in die Dunkelheit. Dann bleibt er stehen und leuchtet mit seiner Handytaschenlampe auf den Grund. Unversehens fällt der Boden steil ab in eine Spalte, kaum breiter als ein Brustkorb. „Die ganze Gegend“, weiß der Kletterfan, „ist so durchlöchert wie ein Schweizer Käse!“ Anfang des 19. Jahrhunderts wurde Oberfranken zu einer der ersten Urlaubsregionen Deutschlands. Die größte Anziehungskraft hatten seinerzeit die Tropfsteinhöhlen. Noch heute strömen zahllose Besucher aus dem ganzen Bundesgebiet in die Teufelshöhle in Pottenstein, die Sophienhöhle in Ahorntal oder die Binghöhle bei Streitberg. Längst haben Natururlauber auch das Land über Tage entdeckt. Von der Industrialisierung weitgehend vergessen, konnten in der Region viele kaum berührte Biotope überleben: alte Buchenwälder, in denen Steinpilze sprießen; romantische Talgründe, in denen Orchideen blühen; klare Gebirgsbäche, in denen sich Forellen tummeln. Wanderer erklimmen auf dem Fränkischen Gebirgsweg die höchsten Gipfel, Skifahrer gleiten die Pisten des Fichtelgebirges hinab. Mountainbiker rasen durch den Frankenwald, Radwanderer nehmen den Main-Radweg, wobei sie sich beim Startpunkt zwischen den beiden Quellen des Flusses entscheiden müssen: Der wasserreichere, aber kürzere Weiße Main entspringt bei Bischofsgrün, der Rote bei Creußen. Kanufahrer finden am Obermain und an der Wiesent Paddel-Paradiese, und auf der Wilden Rodach rauschen kreischende Touristen auf Flößen, auf denen früher Holz transportiert wurde, Stromschnellen hinab.
Die beiden größten Städte Oberfrankens sind Besucherattraktionen. In Bayreuth gibt es gleich zwei schillernde Musiktheater: das Festspielhaus, weltbekannt durch die Richard-Wagner-Festspiele, und das Markgräfliche Opernhaus, eines der schönsten Barocktheater Europas. Bamberg, die Domstadt auf sieben Hügeln, wird von den Gästen geradezu überrannt: Über sechs Millionen Tagestouristen strömen jährlich in die Altstadt, die seit 1993 zum UNESCO-Welterbe gehört – als größter unversehrt erhaltener, historischer Stadtkern Deutschlands.

Einkehren im Brauhaus

Das Wichtigste in Oberfranken aber ist die Einkehr – in der Stadt wie auf dem Land. „Die meisten Leute kommen in die Gegend, um zu genießen“, sagt Frank Stübinger. Er sitzt an einem der urigen Holztische seiner Braugaststätte, dem Kommunbräu in Kulmbach. Vor dem Fenster plätschert der Weiße Main, er fließt direkt unter dem Haus hindurch, das früher eine Wassermühle war. Hinter Stübinger blitzt ein kupferner Sudkessel; vor ihm glänzt bernsteinfarben das Lebenselixier der Oberfranken: Bier. Nirgendwo auf der Welt gibt es eine höhere Brauereidichte als in „Bierfranken“: 200 Braustätten im Umkreis von 50 Kilometern. Früher, lange vor der Erfindung künstlicher Kühlung, fand man hier perfekte Bedingungen zur Lagerung des Gerstensafts: Hügel aus weichem Sandstein, die sich leicht zu Bierkellern aushöhlen ließen. Schön zu sehen ist das noch heute im Kellerwald von Forchheim, wo in den alten Kühlhöhlen Bier ausgeschenkt wird. Doch auch im Land der vielen Brauereien begannen irgendwann die Großen, die Kleinen zu fressen.

Als in Kulmbach Anfang der 1990er-Jahre nur noch ein Brauereiriese übrig zu bleiben drohte, fassten die Bürger den Entschluss, ihr eigenes Bier zu brauen. Sie gründeten die Genossenschaftsbrauerei Kommunbräu, benannt nach der alten Tradition der Kommunbrauhäuser, in denen einst Bürger zusammenkamen, die ein Braurecht besaßen. Fast 500 Bier-Genossen zählt die Vereinigung mittlerweile. Die Tonkrüge der ersten 192 Anteilseigner stehen aufgereiht in einem Schrank – gleich neben dem Tresen. Der verschlossene Franke ist für Stübinger lediglich ein Klischee. „Unsere Stammtische sind offen für jeden. Und nach zwei Stunden werden aus Fremden die besten Freunde!“ Tatsächlich ist in der Braustube kaum ein Platz frei. Deftig muss das Essen sein – und reichlich. „Die Oberfranken werden immer nervös, sobald die Hälfte des Gekochten aufgegessen ist“, schmunzelt Stübinger. Der Gast soll satt werden und sich wohlfühlen. Schon seine Großeltern, die nicht viel besaßen, rührten für Besucher immer Unmengen an Butter und Sahne in die Soßen. „Das Gastgeben liegt uns im Blut“, glaubt Stübinger. „Genauso wie das Feiern!“ Die Kirchweihfeste gelten als Höhepunkte des Dorflebens. Mancherorts, wie in Limmersdorf, schwingt sich die Dorfgesellschaft wie einst durch die Kronen knorriger Tanzlinden: Dort wird zwischen den ausladenden Ästen in vier Metern Höhe getanzt. Inzwischen ist das bernsteinfarbene Bier leer. Genauso wie ein Helles und ein dunkles Kerwa. „Welches als Nächstes?“, fragt Stübinger, als sei es keine Option, aufzuhören. Vier noch – dann hätten wir eine Mahlzeit. So steht’s zumindest im „Kulturführer“ der Speisekarte: „Siem Bier sinn a’a Schnitz’l – und do host nuch nix getrunk’n.“

 


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