Krabbenkutter auf dem Fluss im Sielort Greetsiel an der Nordsee
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Sielorte - die friesischen Deichperlen

Die kleinen Sielorte hinterm Deich setzen auf Hafenromantik, Seemannsflair und frische Krabben.

Ausgabe: daheim Autor: Karin Peters
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Wenn Kapitän Hermann Ricklefs seinen Krabbenkutter auf Hochglanz poliert und vom Bug bis zum Heck mit bunten Fähnchen schmückt, dann ist es wieder so weit: Die jährliche Kutterregatta im ostfriesischen Fischerdorf Neuharlingersiel steht bevor. Seefeste Besucher können dann mit an Bord gehen und sich die Gischt ins Gesicht wehen lassen. Wind und Wasser bestimmen seit jeher das Leben an der Nordseeküste. Im äußersten Nordwesten Niedersachsens ist das Land platt wie ein Pfannkuchen. Gut so, sagen die Ostfriesen. Denn so verstellt kein Berg den Blick auf die Schönheit ihrer Heimat. Einzig kilometerlange Deiche begrenzen das grüne, dem Meer abgerungene Marschenland und trotzen den Stürmen der Zeit.

Nirgends ist Ostfriesland uriger und typischer als in den kleinen Sielorten, die sich entlang der Küste reihen. Manche wie Neßmersiel, Bensersiel, Neuharlingersiel und Harlesiel haben als Fährhäfen sogar eine eigene Insel „an der Angel“. Andere wie Greetsiel pflegen ihr Image als besonders idyllisches Fischerdorf. Wer durch seine alten Gassen schlendert, wähnt sich in einem Bilderbuch: Schmucke Giebelhäuer aus dem 17. und 18. Jahrhundert flankieren den malerischen Kutterhafen. Es gibt Cafés, Galerien und Kunsthandwerksläden. Und natürlich die berühmten Zwillingswindmühlen am Neuen Greetsieler Tief. In der einen kann man Tee trinken, in der anderen dem Müller bei der Arbeit zuschauen.

Aber was sind eigentlich Siele?

Das lässt man sich am besten von Heike Ritter-Eden erklären. Sie leitet das Deutsche Sielhafenmuseum in Carolinensiel. „Früher hieß es: Ersaufen wir nicht im Salzwasser, ersaufen wir im Süßwasser, wenn dieses sich aus den Entwässerungsgräben der Marsch vor den Deichen staute“, erzählt sie. Um das zu verhindern, gebe es Siele. „Das sind Durchlässe im Deich, durch die das Wasser aus dem Binnenland ins Meer abfließen kann. Die Tore und Klappen schließen sich bei Flut und öffnen sich automatisch, wenn das Wasser wieder fällt.“ Oft wurden diese Entwässerungssysteme für die Schifffahrt genutzt und dazu mit einer Schleuse und einem Hafen ausgestattet. Wie in Carolinensiel. Kaum zu glauben, aber der kleine Ort galt einmal als zweitwichtigster Siel- und Handelshafen an der deutschen Nordseeküste. Wie sich früher das Leben im Hafen abspielte, das zeigen die historischen Gebäude rund um den heutigen Museumshafen.

Möwen und Frühaufsteher warten auf Krabbenkutter

Auch acht Kilometer westlich in Neuharlingersiel dreht sich alles um das maritime Schmuckstück, den 300 Jahre alten Hafen. Eine Wolke gieriger Möwen verfolgt die ersten Krabbenkutter, die schon frühmorgens wieder zu ihren Liegeplätzen zurücktuckern – an der Reeling Männer mit Wollmützen und Gummihosen bis unters Kinn. Gut 600 Kilogramm Granat, wie die Nordseegarnelen hier heißen, hat jeder Kutter an Bord. Gesiebt, gekocht und nach Größe sortiert. Die Kühlwagen warten schon. Dazu einige Frühaufsteher, die sich für ein paar Euro direkt vom Kutter eine Tüte brühwarmer Krabben zum Pulen mitnehmen.

Hier gibt es immer was zu gucken, und am schönsten sitzt man dazu an einem sonnigen Plätzchen auf der Hafenmauer oder auf der windgeschützten Dachterrasse vom Café Störmhuus. Nichts anderes machen auch der alte und der junge Fischer, zwei lebensgroße Bronzefiguren am Ende des Hafenbeckens. „Man sagt, der Ältere schaut den Kuttern hinterher und der Jüngere den Mädchen“, sagt Gästeführerin Halke Harms und lacht. Höchste Zeit für „’n Köppke Tee“. Echte Ostfriesen teilen das Leben in Teezeiten ein – mindestens drei Tassen gehören dazu, und das bis zu sechs Mal täglich.

Teezeremonie auf dem herrschaftlichen Anwesen

Auf einer Warft in unmittelbarer Nähe des Hafens liegt der Sielhof. Das herrschaftliche Anwesen beherbergt heute das Haus des Gastes, ein Café und Restaurant sowie – als besonderen Schatz – eine Bibelfliesenwand mit mehr als 600 historischen Kacheln. In diesem stilvollen Ambiente empfängt Ursula Meyer ihre Gäste. Die 78-Jährige weist alle „Außerfriesischen“ in die hohe Kunst der Teezeremonie ein. Es herrscht andächtige Stille, als sie die Tassen mit dem duftenden Ostfriesengold füllt. Nur das leise Knistern der Kluntje, der Kandiszuckerbrocken, ist zu vernehmen. Zum Schluss noch ein Löffel flüssige Sahne, die zu Boden sinkt und als schneeweißes Wölkchen, das Wulkje, wieder aufsteigt. Jetzt bloß nicht umrühren! Kenner, verrät sie, genießen das Teegebilde Schicht für Schicht: erst die samtweiche Sahne, dann das reine, kräftige Teearoma und zum Schluss die Süße des Kandis.

Rustikal durcheinander geht es dagegen im Dattein zu. Die charmante Seemannskneipe am Hafen hat schon mehr als 300 Jahre auf dem Buckel. Im Schummerlicht zwischen einem wilden Sammelsurium aus barbusigen Meerjungfrauen, unzähligen Fotografien und 90 Buddelschiffen kann man original Friesentorte probieren und abends sein Bierchen schlürfen. Am schönstens sei es in lauen Sommernächten, schwärmt die Gästeführerin. „Dann stehen die Leute draußen an der Freilufttheke und sehen zu, wie der kleine Hafen schlafen geht.“


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