Stocherkahnfahrer auf dem Neckar in Tübingen. Im Hintergrund historische Häuser am Neckarufer.
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Tübingen: Urschwäbisch

Die urgemütlich-trubelige Universitätsstadt am Neckar zieht Studenten und Touristen gleichermaßen an.

Autor: Tobias Oellig
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Blickt man vom Tübinger Schloss hinab auf die kleine Stadt am Neckar, wirkt sie wie ein Meer aus Dächern. Dicht an dicht ragen die rot und braun gedeckten Spitzgiebel der Fachwerkhäuser in den Himmel. Als gäbe es keine Straßen. Und die findet man in der Altstadt tatsächlich kaum. Stattdessen winden sich steile Treppen und enge Gassen durch den mittelalterlichen Stadtkern. Setzt man sich auf die Schlossmauer, hat man das ganze Städtchen im Blick: Auf dem gegenüberliegenden Österberg lugen zwischen Laubbäumen die Villen der Studentenverbindungen hervor, unterhalb der Altstadt fließt der Neckar, und am Horizont schimmert der Albtrauf. Vor allem die mehr als 500 Jahre alte Universität hat das am nördlichen Rand der Schwäbischen Alb gelegene Tübingen bekannt gemacht. Gut ein Drittel der 86.000 Einwohner sind Studenten. Manche sagen: „Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine.“ Die Fakultäten liegen über die ganze Stadt verteilt. Studenten aus aller Welt hauchen der Kleinstadt Leben ein und sorgen für ihr ganz besonderes Flair: eine Mischung aus Weltoffenheit und Gemütlichkeit.

Plauschen und Flirten

Auch hier oben im Schloss, das im 11. Jahrhundert erbaut wurde und in seiner heutigen Form eine Mischung aus mittelalterlicher Burg, neuzeitlicher Residenz und württembergischer Landesfestung darstellt, wird studiert. Hinter dem Schlossportal residieren unter anderem die Archäologen, Altorientalisten und Ägyptologen. Vom Schloss aus führt die Burgsteige hinunter zum Marktplatz. Hier lehnen sich Bürgerhäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert aneinander. Manche zeigen ihr Fachwerk, andere stehen mit in Pastelltönen verputzten Fassaden da. An jeder Ecke haben Cafés ihre Tische aufgestellt. Das Rathaus prahlt mit seiner aufwendigen Bemalung und der astronomischen Uhr, die seit einem halben Jahrtausend Sonnen- und Mondfinsternisse anzeigt. Nur ein paar Schritte entfernt liegt der Holzmarkt. An Sommerabenden versammeln sich hier Studenten, zum Trinken, Plauschen und Flirten.
Tagsüber sitzen hier Schüler mit Eistüten und Passanten. Setzt man sich dazu, fällt der Blick aufs Heckenhauer Antiquariat, wo Ende des 19. Jahrhunderts Hermann Hesse eine Buchhändlerlehre absolvierte. Vor allem Goethe und Schiller las der damals 18-Jährige. Die Werke der beiden Dichter wurden schräg gegenüber, auf der anderen Seite des Holzmarkts, von Johann Friedrich Cotta verlegt. An fast jeder Ecke verströmt Tübingen den Geist alter Dichter und Denker. Vom Holzmarkt sind es nur wenige Meter zum Geburtshaus des Schriftstellers Ludwig Uhland, ein paar mehr bis zum Neckar, wo 1843 die Geschichte eines der bedeutendsten deutschen Lyriker tragisch zu Ende ging – die von Friedrich Hölderlin. Eine unglückliche Liebschaft – so sagt man – habe Hölderlin in den Wahn getrieben. Die letzten 36 Jahre seines Lebens dichtete er geistig verwirrt in einem Türmchen am Neckarufer. Im Innern des Turms kann man heute Hölderlins Lebens- und Leidensgeschichte nacherleben.

Eine Fahrt mit dem Stocherkahn

Draußen hingegen wartet eine der größten Vergnügungen der Stadt. An der Anlegestelle Hölderlinturm dümpeln unter Trauerweiden jene schmalen Stocherkähne, für die Tübingen weithin bekannt ist. Die hölzernen Flachboote sind gut zehn Meter lang und 1,50 Meter breit. Etwa 20 Passagiere finden auf jedem Platz. Der Stocherer bewegt seinen Kahn mit einer langen Holzstange, die er vom Grund abstößt. „Anfänger landen schnell in der Uferböschung“, erklärt Simone Gärtner vor dem Ablegen. „Geradeaus fahren muss man üben.“ Für Gärtner, einzige professionelle Stocherkahnfahrerin in Tübingen, kein Problem. Seit Jahren stakt sie Touristen um die langgezogene Neckarinsel, die südlich vom Hölderlinturm im Fluss liegt. Über Jahrhunderte waren Stocherkähne Transportmittel für Fischer und Fährmänner. Als Anfang des 20. Jahrhunderts der Neckar gestaut und dadurch beruhigt wurde, kultivierten Tübinger Studentenverbindungen das Kahnfahren als Zeitvertreib. Heute ist es Volkssport. Mehr als 100 Kähne liegen von März bis November an fünf Anlegestellen. Die Tübinger entspannen, grillen, musizieren und heiraten sogar auf dem Kahn. „Auch eine Taufe hatten wir schon“, erzählt Gärtner und steuert den Kahn an der Neckarfront, dem beliebtesten Fotomotiv der Stadt, entlang. Entspannt gleitet der Kahn durch die Szenerie. Es breitet sich eine ganz eigene Stimmung aus, die einfängt, was Tübingen eigentlich ist: ein urgemütlicher Trubel.

 


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