Unterwegs auf der Weinstraße im Alentejo
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Unterwegs auf der Weinstraße im Alentejo

Im Alentejo, einem Mekka des Weintourismus, genießt Autor Eli Gottlieb kulinarische Höhepunkte. Der Alentejo ist das größte Weinbaugebiet Portugals und das Zentrum der portugiesischen Kork-Produktion.

Ausgabe: August 2015 Autor: Eli Gottlieb

Es ist ein milder Oktobermorgen, als ich am Flughafen in Lissabon ankomme. Martin Earl, ein alter Freund, holt mich mit dem Auto ab. Wir überqueren die Tejo-Mündung auf der Ponte Vasco da Gama, die mit ihren mehr als 16 Kilometern Spannweite die längste Brücke Europas ist. Kurz danach verlassen wir die Autobahn und fahren in gemächlicherem Tempo Richtung Südosten. Hier beginnt der Alentejo (Land jenseits des Tejo) mit seinen ursprünglichen Landschaften.

Der Alentejo ist heute ein beliebtes Ziel für Wein-Touristen

Fünf Tage lang geht es durch mittelalterliche Dörfer, über sanfte Hügel, vorbei an Kastellen und hochmodernen Weingütern. Von einem Reiseziel für Urlauber mit knappem Geldbeutel hat sich der Alentejo in kurzer Zeit zu einem Top-Standort des Weintourismus gewandelt. Mit Martin als Reiseleiter will ich Land und Leute kennenlernen. Wir sind alte Studienkollegen aus den USA. Damals gehörten wir einer Gruppe fünf junger Männer an, die der Traum vom Schriftstellertum verband. Wir haben nicht aufgehört zu träumen. Martin, der Dichter unter uns, ist einen anderen Weg gegangen. Er hat in Portugal geheiratet und sich – auf unbestimmte Zeit – einer anderen Sprachgemeinschaft angeschlossen. Ich bin neugierig darauf zu erfahren, wie 30 Jahre freiwilliges Exil einen Menschen verändern.

Korkeichen säumen die Straßen

Wir fahren über schmale Straßen, an denen rechts und links Platanen wachsen. Dahinter stehen Korkeichen­ in unregelmäßigen Reihen. „Ich nenne­ diese Gegend auch Korktugal“, scherzt Martin. Alle zehn Jahre wird die Rinde der Bäume von Hand geerntet. 60 Prozent der weltweiten Korkproduktion stammen aus Portugal. Im verschlafen wirkenden Städtchen Montemor-o-Novo halten wir an, um einen Kaffee zu trinken.

Der Barista ist guter Dinge, denn heute gibt es etwas Besonderes zu feiern. Der traditionelle Cante Alentejano, ein mehrstimmiger Chorgesang, der für die Region charakteristisch ist, wurde von der UNESCO in die Liste des Immateriellen Weltkultur­erbes aufgenommen. Besser noch: Einer der Sänger ist hier, und das heutige Fest ist ihm gewidmet. Wir schauen zu, wie der Kellner dem Sänger auf einem Tablett einen weißen Würfel von der Größe eines kleinen Ziegelsteins reicht. „Speck“, sagt Martin. In Rom habe ich die Einheimischen oft Speckstreifen essen sehen, aber das hier ist pures Schweinefett. Ich staune nicht schlecht, als der Mann sich eine Serviette umbindet und schmatzend zu essen beginnt.

Nachdem wir den herrlich bitteren Kaffee ausgetrunken haben, fahren wir über malerische Nebenstraßen weiter auf die spanische Grenze zu. Durch die offenen Fenster dringt der würzige Duft der die Straße säumenden Eukalyptusbäume. Mehrmals zuckeln wir hinter dreirädrigen Gefährten mit winzigem Führerhäuschen und offener Ladefläche hinterher. Für diese knatternden Fahrzeuge ist kein Führerschein nötig, weshalb sie meist von alten Leuten gefahren werden und nicht selten in Verkehrsunfälle verwickelt sind – daher auch ihr Spitzname Mata-velhos (wörtlich übersetzt: Rentnertod).

 

Wir machen Mittagspause in der kleinen Stadt Redondo, wo wir im Restaurant Porfírio’s einkehren.

Auf einem Tablett serviert man uns im Handumdrehen leckere Entradas: mit Kräutern und Essig angemachte Oliven, Brot, Wurst und Käse. Der erste Gang ist eine Fischsuppe mit Katzenhai, die köstlich schmeckt. Darauf folgt Arroz de Pato (Entenreis). Eine Reihe wichtiger Zutaten und die frische Zubereitung der Speisen bilden die Grundpfeiler der portugiesischen Küche. Arroz de Pato ist ein Paradebeispiel für diese Kochkunst, bei der das Ganze mehr als nur die Summe seiner Teile ist. Das gebackene Ei auf dem Bett aus Reis ist mit knusprig gebratenen Schinken- und Chouriço-Würfeln bestreut, die vorzüglich munden. Sowohl der Schinken als auch die Chouriço, eine Paprikawurst, stammen von Schweinen aus der Region. Das Entenfilet unter dem Reis ist zart und saftig.

Eine wichtige Zutat der regionalen Küche: Schweinefleisch aus dem Alentejo

Ich möchte noch einmal auf das Schwein zurückkommen, das im Alentejo ganz oben auf dem Speiseplan steht und von dem nahezu alle Bestandteile verwertet werden. Das Porco Preto wird zu Koteletts, Schinken und Würsten ver­arbeitet und verleiht Eintöpfen Würze. Verantwortlich für den vollen Geschmack des Fleisches sind die Korkeicheln, welche die Tiere verspeisen. Die darin enthaltene Ölsäure, die auch im Olivenöl vorkommt und sich in den Muskeln der Schweine anreichert, ist gut fürs Herz.

Die nächsten beiden Tage bestehen aus Besichtigungstouren und Verkostungen der preiswerten regionalen Weine. Wir übernachten in Monsaraz (siehe Foto) und Marvão, deren Befestigungsanlagen eine Invasion aus dem nahen Spanien abwehren sollten und die sich wie terrakottafarbene Hauben über den Tälern erheben. Wir müssen mehrere Kilometer Serpentinenstraße zurücklegen, ehe wir die Festungsmauern erreichen. Dahinter warten steile Kopfsteinpflastergassen, eine Burg, Geschäfte, Restaurants und schöne Aussichten auf uns. Doch gerade in diesen Vorzeigestädtchen stelle ich mit Bedauern fest, dass der ursprüngliche Charakter durch die Touristenscharen ein wenig verloren gegangen ist. In den kleinen Ateliers und Läden, die sich in den Gassen aneinanderreihen, wird vor allem Kitsch feilgeboten.

Weiter geht es auf der Weinroute

Nach zwei Tagen kehren wir in die Ebene zurück und folgen den Hinweisschildern zur Rota dos Vinhos (Weinroute). Diese führt uns zuerst zu der auf einem Hügel gelegenen Adega Mayor, einem modernen Komplex aus Würfeln. Wir besichtigen das Fabrikgebäude, das der portugiesische Star­architekt Álvaro Siza entworfen hat, und probieren einige der auserlesenen Weine.

Besuch auf dem Weingut Herdade dos Grous

Am nächsten Tag steht uns ein Ess- und Trinkerlebnis der absoluten Spitzenklasse bevor. Von Beja, wo wir übernachtet haben, brechen wir auf Richtung Süden. Hier liegt am Rande eines Dorfes das riesige Weingut Herdade dos Grous. Der Speisesaal hat hohe Decken und bietet einen Blick auf die Weinberge sowie einen Stausee. Wir bestellen das Degustationsmenü mit dazu passenden Weinen. Unser Festmahl beginnt mit einer Luxusversion der typischen Entradas – Aufschnitt, Käse und Gemüse, wobei der Geschmack jeder einzelnen Vorspeise klar zu erkennen ist. Auf eine leichte Haifischsuppe folgen Kalbsmedaillons an Senfsoße mit Fingerlingkartoffeln und einer Beilage aus Radieschensprossen sowie gerösteten Kichererbsen.
Der von Gang zu Gang zunehmenden Intensität und Vielschichtigkeit der Speisen entsprechen die dazu gereichten Weine: am Anfang ein neutraler, frischer Weißwein und als krönender Abschluss ein roter Grous Reserva von 2011. Es ist eine der besten kulinarischen Erfahrungen meines Lebens.

Nach dem Festmahl: Fachsimpeln mit Weinbauer Luís Duarte über die Vorzüge portugiesischer Weine aus dem Alentejo

Nach dem Essen unterhalte ich mich mit Luís Duarte, der die außergewöhnlichen Weine, die ich soeben getrunken habe, gekeltert hat. Der 48-Jährige ist der einzige Weinbauer Portugals, der bereits zweimal zum Winzer des Jahres gekürt wurde. „Ich gehöre zur ersten Generation von Winzern, die zum Erlernen der Weinherstellung die Schulbank gedrückt haben“, erzählt er. „Statt ins Douro, Portugals ältestes Weinbaugebiet im Norden, zog es mich in das weniger beachtete Alentejo. Es war mein Glück, dass ich im richtigen Moment ins Weingeschäft eingestiegen bin und von dem weltweiten Boom profitieren konnte.“

Nach dem Unterschied zwischen portugiesischen und internationalen Weinen gefragt, überlegt Duarte nicht lange: „Die Weine aus Chile und Argentinien sind zu süß. Bei Spanien denkt man an Tempranillo. Wir arbeiten dagegen mit anderen Rebsorten; 315 sind es ins­gesamt, und viele davon gibt es nur bei uns.“ Auf unsere Gläser deutend, fährt er fort: „Wenn Sie einen samtigen und ausgewogenen Wein zu einem guten Preis suchen, dann sollten Sie an Portugal denken.“

Abschied von Martin

Am späten Nachmittag spazieren wir im Schein der tief stehenden Sonne durch die Weingärten. Die Luft ist durchdrungen vom Duft nach Erde und frisch gemähtem Gras. Als wir wieder kurz vor dem Haupthaus sind, sehen wir einen Golden Retriever, der auf uns zugetrottet kommt, um uns zu begrüßen. Da läuft ihm plötzlich eine Katze in den Weg, doch statt sich anzufeinden, geben die beiden sich Nasenstüber. „Bei uns sind alle so glücklich; selbst Tiere, die sich sonst nicht vertragen, gehen friedlich miteinander um“, freut sich Martin lachend. Am Flughafen in Lissabon verabschiede ich mich von meinem alten Freund. Es freut mich, dass es ihm in seiner neuen Heimat gut geht. Ich nehme von meiner Reise zwei Dinge mit: das beruhigende Wissen um die Anpassungsfähigkeit des Menschen und die Erinnerung an den Alentejo mit seinen Bergen, seinem Zauber und seinen kulinarischen Hochgenüssen.

 

 

 


 

RD Abbinder
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