Viva Kuba! Wie Havanna zum In-Reiseziel wurde
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Viva Kuba! Wie Havanna zum In-Reiseziel wurde
Kuba gilt unter Reiseveranstaltern als beliebt wie nie. Erleben Sie mit, wie die Insel aus ihrem sozialistischen Dornröschenschlaf erwacht.
Ausgabe: Mai 2016 Autor: Hélène de Billy
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“Sehen Sie?”, fragt mich mein Fahrer, Aurelio Rodriguez Estrada, während wir den Malecon, Havannas sechsspurige Uferpromenade entlangfahren. Ich halte Ausschau nach dem Castillo de los Tres Reyes del Morro, einer zum Schutz vor Piraten im 16. und 17. Jahrhundert errichteten Festung. “Nein, hier”, meint Aurelio, der meinem Blick gefolgt ist. Er zeigt auf die Uhr am Armaturenbrett seines schillernd blauen Chevrolet, Baujahr 1948. “Sehen Sie? Sie geht noch.”

Er klingt überrascht. Für viele Kubaner scheinen die Uhren nach einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf endlich wieder zu ticken. Als Regierungschef Raul Castro und der US-amerikanische Präsident Barack Obama im Dezember 2014 das diplomatische Eis zwischen beiden Ländern brachen, ist Havanna aufgewacht.

Auch wenn die Zeit der Entbehrung und des Kalten Krieges ihre Spuren hinterlassen hat, weht ein neuer Wind durch die Stadt, der nach Freiheit riecht. Dieser Wandel lockt zur Zeit viele Neugierige nach Havanna.

Unter den 2,1 Millionen Einwohnern Havannas, das von spanischen Eroberern 1519 gegründet wurde, gibt es Handwerker, Ingenieure, Beamte, Büroangestellte, Zimmermädchen, Polizisten, Parteifunktionäre, Schriftsteller und Künstler, aber kaum Banker.

Trotz seiner Häuserruinen, holprigen Straßen, unzureichender Internetverbindung und einem Mangel an vielen Dingen des täglichen Bedarfs hat Kubas Hauptstadt viel zu bieten.Das fängt mit ihren Menschen an, die zuvorkommend und gebildet sind und einen gesunden Humor besitzen, “ohne den wir die Mangeljahre niemals überlebt hätten”, wie der junge Fahrer einer Fahrradrikscha feststellt.

Wäsche hängt zum Trocknen auf den Balkonen und vor den Fenstern in La Habana Vieja, dem historischen Stadtkern. Am späten Nachmittag spielen unter den Torbögen Kinder: einige haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Schuluniformen auszuziehen. Unter dem strahlend blauen Himmel schlängeln sich Rikschas, gelbe Taxis, Lkws und Fuhrwerke aneinander vorbei und werden dabei von einem ewigen Hupkonzert begleitet.

Weit und breit ist nicht ein einziges Reklameschild zu sehen, auch keine Einkaufsmeile, kein Fast-Food-Restaurant oder Firmenlogo.

Die zahlreichen politischen Abenteuer ihrer Machthaber und das Elend nach dem Zerfall der Sowjetunion (der das Land in eine schwere Wirtschaftskrise trieb) haben aus den Kubanern Improvisations-Weltmeister gemacht. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 18 Euro blieb ihnen auch gar nichts anderes übrig.

Seit zehn Jahren ist der Strom derer, die den Inselstaat mit seinen mehr als elf Millionen Einwohnern und einer Alphabetisierungsrate von knapp 100 Prozent verlassen, ungebrochen, erst recht, seitdem die Ausreisebestimmungen 2013 deutlich gelockert wurden. Knapp drei Viertel aller kubanischen Emigranten (insgesamt eine bis anderthalb Millionen) haben sich in den USA niedergelassen. Die Daheimgebliebenen machen sich ihren Einfallsreichtum zunutze, um sich über Wasser zu halten.

Alejandro, ein 46-jähriger Junggeselle, der Elektroniker gelernt hat, schloss sich vor fünf Jahren dem Verband selbstständiger Unternehmer an. Er will reisen und sich Kleidung, Turnschuhe und Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt kaufen können.

Für seine Arbeit als Taxifahrer leiht er sich das Auto seiner Mutter, einen 1991 in der Sowjetunion hergestellten Moskwitsch. Er sitzt zwischen zwölf und 15 Stunden am Tag hinterm Steuer. Offizielle Taxis haben bei den Hotels der Stadt Vorrang, was für Streit und Unannehmlichkeiten sorgt. “Ich habe Probleme mit der Konkurrenz”, gesteht Alejandro.

“Ich wäre gern Beamter, aber im Staatsdienst verdient man so wenig.” Deshalb wägt er, wie viele andere auch, bereits die Risiken ab, die mit einem Übergang zur Marktwirtschaft verbunden sind.

Trotz seiner Schwierigkeiten hat Kuba in den letzten Jahrzehnten talentierte Künstler, international beachtete Schriftsteller und gefragte Maler hervorgebracht. Fast jeden Abend finden auf der Plaza de San Francisco de Asis mit ihrer prachtvollen Barockkirche aus dem 18. Jahrhundert klassische Konzerte statt.

In der geschäftigen Hauptstadt erhalten die Bauten, deren Prunk den Revolutionären stets ein Dorn im Auge war, nach einem halben Jahrhundert der Vernachlässigung allmählich ihren Glanz zurück. Havannas Altstadt und die Festungsanlagen zählen zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es gibt viele prächtige Häuser im Art-d«co-Stil und eindrucksvolle Beispiele zeitgenössischer Architektur.

Auf einer Busfahrt lerne ich einige Akademiker kennen und erfahre mehr über das architektonische Erbe von Westhavanna. Zur Zukunftsvision, die der Architekturprofessor Julio C«sar P«rez-HernÜndez für seine Stadt hat, gehören zahlreiche neue Grünflächen, ein wiederbelebtes Hafenviertel und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Das wachsende Interesse an Immobilien wird nicht von allen gutgeheißen. “Dann bestimmen die USA wieder unseren Lebensstil”, warnt ein kubanischer Geschichtsprofessor.

Dieses Misstrauen ist in der kubanischen Psyche tief verwurzelt. Kuba ist eines von wenigen Ländern, das der führenden Industrienation bis heute die kalte Schulter zeigt. Seine Bewohner bleiben den Grundprinzipien von Fidel Castros sozialistischem System treu. So glaubt Havannas Erzbischof Kardinal Jaime Ortega nicht, dass seine Landsleute jemals freiwillig auf die allen zustehende kostenlose Bildung oder medizinische Versorgung verzichten werden.

“Die Kubaner lieben Nordamerika trotzdem”, versichert der kanadische Immobilienkaufmann Guy Chartier, der zwischen Montreal und Havanna hin- und herpendelt. In Kooperation mit der kubanischen Regierung überwacht Chartier die Vorbereitungen zum Bau einer Hotelanlage und eines Geschäftskomplexes, deren Fertigstellung für 2018/19 geplant ist.

“Diese beiden Nationen haben so viel mehr gemeinsam als ihre Leidenschaft für Baseball, und ich bin überzeugt, sie werden sich ganz von allein annähern”, sagt Chartier.

etwa 20 Kilometer entfernt feiert der Reisebusfahrer TomÜs Marti an einem der Strände im Osten von Havanna mit seiner Familie den Geburtstag seiner Frau. Der Mittfünfziger lehrte früher Jura an der Universität von Havanna. Er ist zum dritten Mal verheiratet, und um seine große Familie zu ernähren, gab er seine Professorenstelle auf. Als Busfahrer verdient er wesentlich mehr.

Marti möchte gern Italienisch lernen, aber er weiß nicht, wie. Auf meinen Vorschlag hin, CDs des italienischen Liedermachers und Komponisten Paolo Conte zu hören, erwidert er, dass diese in Kuba nicht zu bekommen seien.

Allgemein ist das Interesse an Fremdsprachen unter Kubanern groß. Eine Frau sagt mir, sie liebe Französisch, und Pablo FernÜndez, den ich zufällig kennenlerne, will sich unbedingt mit mir auf Englisch unterhalten, um seinen Wortschatz zu verbessern. FernÜndez erzählt, dass er EDV-Kurse besucht hat, die ihm allerdings nicht viel gebracht haben, da es in diesem Bereich in Kuba immer noch kaum Berufschancen gibt.

Fernündez macht auf mich einen intelligenten, zugänglichen und humorvollen Eindruck. Als ich ihn frage, ob ich ihn in meinem Artikel mit Namen nennen darf, wird er jedoch ernst. Ich begreife, dass das Gefühl der neuen Freiheit, das ich auf meinen Streifzügen durch Havanna wahrgenommen habe, bislang nur oberflächlich ist. Denn auch wenn viele Leute gern bereit sind, sich mit mir zu unterhalten, herrscht in Kuba leider noch lange keine echte Meinungsfreiheit.

Und doch gibt es Anzeichen für einen Umbruch und es geschehen Dinge, die vor Kurzem noch undenkbar gewesen wären. Seit der Annäherung zwischen den USA und Kuba gibt es an jeder Straßenecke T-Shirts in den Farben der US-Flagge zu kaufen, und im März 2016 war Obama der erste US-Präsident seit fast 90 Jahren, der Kuba besuchte.

Havanna und Kuba insgesamt steht ein großer Wandel bevor. Deshalb ist jetzt der ideale Zeitpunkt, die Stadt und die Insel kennenzulernen – denn wie oft bekommt man Gelegenheit, hautnah mitzuerleben, wie ein ganzes Land neu erwacht?

Die Namen aller interviewten Kubaner wurden auf ihren Wunsch hin geändert.

Reisetipps

Anreise Von Europa aus gibt es diverse Linienflugverbindungen, zum Beispiel mit Air France, Iberia oder KLM. Auch Charterfluglinien wie Condor oder Air Berlin fliegen Havanna direkt an.

Übernachten

In Havanna sind Hotelzimmer eher rar, man kann jedoch prima in casas particulares (Privatunterkünften) übernachten. Unter www.casaparticularcuba.org (Englisch) finden Sie Angebote für Doppelzimmer ab etwa 20 Euro. Der gebotene Komfort kann sehr unterschiedlich ausfallen.

Essen

Paladar Vistamar mit schöner Aussicht: bekannt für leckere Meeresfrüchte. Telefon (0053) 7 203 8328.

Nazdarovie! in der Altstadt von Havanna: russische Spezialitäten. Telefon (0053) 7 860 2947.

El Floridita in der Nähe des Museo Nacional de Bellas Artes. Telefon (0053) 7 867 1300.

Sehenswert

Museo de la Revolución. In den Räumlichkeiten des ehemaligen Präsidentenpalasts wird die Geschichte der kubanischen Revolution dargestellt. Vor dem Gebäude liegt das Boot Granma, das Fidel Castro und seine Kameraden (unter anderem Che Guevara) 1956 von Mexiko nach Kuba brachte.


 

RD Abbinder
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