Luftbild von Riga in Lettland
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Zeitreise nach Riga

Bei einem Gang durch das historische Viertel der Stadt mit unserer Autorin werden vergangene Jahrhunderte lebendig.

Ausgabe: Mai 2019 Autor: Nora Medvedeva
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Mein Mann und ich fanden unser Traumhaus unweit von Césis, einer Stadt aus dem 13. Jahrhundert, etwa 90 Kilometer von Lettlands Hauptstadt Riga entfernt. Noch bevor wir fünf Jahre später endgültig von Moskau nach Lettland zogen, hatte mich das reiche und allgegenwärtige Erbe des Landes in seinen Bann gezogen. Dies galt vor allem für die im Jahr 1201 gegründete Stadt Riga. Alt-Riga, am rechten Ufer der Düna, bildet den historischen Kern der Stadt. Hier zeugen rund 500 sorgfältig restaurierte Gebäude von acht Jahrhunderten Stadtgeschichte. Ein Spaziergang durch die Altstadt ist wie eine Zeitreise. In Riga ist die Vergangenheit so gegenwärtig, dass ich begann, mich in das Leben der Bürger vergangener Jahrhunderte hineinzuversetzen. Einige meiner Geschichten um historische Persönlichkeiten möchte ich Ihnen hier vorstellen.

Ein Wunder in der Nacht

Auf dem alten Rathausplatz ist eine achteckige Tafel in das Kopfsteinpflaster eingelassen, die man leicht für einen Kanaldeckel halten könnte. Sie trägt die schlichte Aufschrift: „Der erste Weihnachtsbaum in Riga 1510.“ Hier soll zum allerersten Mal ein geschmückter Weihnachtsbaum auf einem öffentlichen Platz gestanden haben. Von Anfang Dezember und Mitte Januar ist daher auch heute zum Weihnachtsbaum-Festival ganz Riga festlich geschmückt.

Der Brauch, Weihnachtsbäume zu schmücken, soll mit der Bruderschaft der Schwarzhäupter begonnen haben, einem Zusammenschluss von Kaufleuten und Händlern im 14. Jahrhundert. Im Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz gingen die Kaufleute tagsüber ihren Geschäften nach, nachts feierten sie wilde Feste. 1939 wurde die Bruderschaft aufgelöst, das Gebäude im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. Zur 800-Jahr-Feier von Riga wurde es wieder aufgebaut.

Das rekonstruierte Haus gehört nach wie vor zu den auffälligsten und sehenswertesten Gebäuden der Stadt. Ich stand im kunstvoll verzierten Festsaal und malte mir aus, wie hier anno 1510 Weihnachten gefeiert wurde: Die Feier ist in vollem Gang. Ein langer Tisch in der Mitte des Saals biegt sich unter festlichen Speisen und Weinflaschen, angeregte Gespräche betrunkener Händler, Schreiber und Kapitäne füllen den Raum. Durch die Fenster sieht man den Schnee auf den Rathausplatz fallen. Dort steht auch eine riesige Tanne, die einige Stunden zuvor aus dem Wald geholt worden war. Schon bald soll sie als Teil eines alten Brauchs angezündet werden, um den kürzesten Tag des Jahres zu feiern. Die Zecher diskutieren lebhaft, wo die Tanne verbrannt werden soll. Denn das Feuer könnte schnell auf die Holzhäuser Rigas übergreifen.

Als das Fest zu Ende ist, strömen die Kaufleute mit Fackeln auf den Platz. Im Mondlicht erwartet sie im glitzernden Schnee ein Wunder: Die Kinder der Stadt haben den Baum mit getrockneten Blumen, Beeren, Süßigkeiten und bunten Schleifen geschmückt. Schweigend starren die erstaunten Schwarzhäupter auf die märchenhafte Szenerie. In jener Nacht verbrannten sie den Baum, wie es Brauch war. Doch im Jahr darauf beschlossen die Schwarzhäupter, die Tanne solle geschmückt werden und stehen bleiben. Seither gibt es diese weihnachtliche Tradition auf der ganzen Welt.

 

Magie in alten Zeiten

Ein spannendes Thema des Mittel­alters sind die Alchemie und die Arzneien, die damals Krankheiten heilten. Die erste Rigaer Apotheke – ihr genauer Standort ist nicht bekannt – soll bereits 1357 eröffnet worden sein. Eine Urkunde aus dem Jahr 1409 bestätigt, dass die Stadt einem Mann namens Gherlacus (wahrscheinlich der Apothekenbesitzer) ein Gehalt zahlte.

Wieder gehe ich auf eine Zeitreise. Dieses Mal führt sie mich in eine der ersten Apotheken Europas.Es ist kurz vor Mitternacht. Eine Kaufmannsfrau, in einen schwarzen Umhang gehüllt, betritt eine Apotheke am Marktplatz. Ihre Augen sind gerötet; seit zwei Nächten wacht sie am Bett ihrer kranken Tochter. Das Kerzenlicht wirft gespenstische Schatten auf Regale voller Gläser, Tiegel und Töpfchen. Die Besucherin ruft nach Gherlacus. Er kommt aus einem Hinterzimmer. „Meine Tochter hat hohes Fieber. Sie hustet und ringt nach Luft. Ich fürchte, sie stirbt“, sagt sie verzweifelt. Gherlacus kennt Mittel gegen alle möglichen Krankheiten, mischt Pülver­chen und Tropfen aus getrockneten Tierteilen und Kräutern. Er gibt der Frau einen Trunk aus getrockneten Holunderblüten, Himbeeren und Kamille. „Gebt ihr davon zu trinken und kocht ihr eine Hühnerbrühe“, sagt er. Schnell macht sich die Mutter auf den Heimweg. Am nächsten Morgen ist das Mädchen wieder völlig gesund.

Im Museum für Pharmazie in Riga bekommt man eine Vorstellung davon, wie Medizin in jenen Tagen praktiziert wurde. Unter anderem sieht man Keramikflaschen mit der Beschriftung Rigas Melnais Balzams – Rigaer Schwarzer Balsam, der im 18. Jahrhundert erfunden wurde. Das Mittel sollte „in fünf Tagen jedes Fieber, Bauchweh, Zahn- und Kopfschmerzen, Verbrennungen, steife Glieder und selbst Verrenkungen heilen“. Zu den Inhaltsstoffen gehörten Wasser, Branntwein, 24 Kräuter, Gewürze und karamellisierter Zucker, der dem Getränk die dunkle Farbe verlieh. Heute ist Schwarzer Balsam ein alkoholisches Getränk, das pur, in Cocktails, Kaffee oder Tee getrunken wird. Die Originalrezeptur enthielt 16 Prozent Alkohol, doch modernere Varianten der Schnapsbrennerei Latvija Balzams enthalten bis zu 45 Prozent.

Meine Zeitreise endet im Black Magic nahe am Rathausplatz, einer Bar im Stil des 18. Jahrhunderts. Ich nippe am Schwarzen Balsam und sinniere über die Geschichte Rigas. Einer Geschichte, die nicht nur in meiner Vorstellung, sondern auch im Leben der Menschen lebendig ist.


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