Ein Mann geht mit nackten Füßen am Strand spazieren.
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Familie & Leben

Dem Zeitgeist auf der Spur

5 Ideen, die heute aberwitzig erscheinen, aber schon morgen alltäglich werden könnten.

Ausgabe: September 2020 Autor: Diana Thomas

Die moderne Welt kann verwirrend sein. Manche Menschen erschließen sie sich über die Politik, andere mithilfe der Religion und wieder andere fühlen sich von unkonventionellen Bewegungen angezogen. Ideen, die heute aberwitzig erscheinen, können morgen schon zur Regel werden.


Barfuss gehen

Alessio Angeleri, ein 39-jähriger ehemaliger Ingenieur aus Italien, der heute einen Gesundheitsblog betreibt, spaziert durch die Straßen seiner Heimatstadt in der Region Piemont – ohne Schuhe. Er  gehört zu den mehr als 100. 000 Menschen weltweit, die Mitglied in der Society for Barefoot Living (Gesellschaft der Barfüßigen) sind. Ihr Motto lautet: Free Your Feet and Your Mind Will Follow (Befreie deine Füße, und dein Geist wird folgen). Diese Gesellschaft will die Menschen dazu ermuntern, barfuß zu gehen, weil es gesund und bequem sei, und weil man dabei „die stoff­liche Beschaffenheit der Welt erfahren und genießen“ könne. „Anfangs ging ich nur auf dem Land barfuß und hatte Angst, dass mich jemand sehen könnte. Mit der Zeit wurde ich jedoch selbstbewusster, und nach einigen Monaten spazierte ich überall barfuß herum“, erzählt Angeleri. „Die Füße gehören zu den empfindsamsten Körperteilen, und genau das macht die Sinneserfahrung so angenehm“, erklärt Angeleri. „Diese Empfindungen halten die Erinnerung an alle Orte lebendig, an denen man war: Gehsteige, Rasen, Fußböden, Beton, Marmor ... Jeder Ort vermittelt eine eigene Sinneserfahrung, die dauerhaft und hochaufgelöst im Gedächtnis gespeichert bleibt. Wenn man sich einmal an diese erweiterte Wahrnehmung der Welt gewöhnt hat, will man sie nicht mehr missen.“
Viele Tausend Kilometer weiter östlich, im sibirischen Tomsk, lebt ein anderer überzeugter Barfußläufer. Der 49-jährige Systemadministrator Viktor Sudakow ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied der Society for Barefoot Living. Nur im tiefen sibirischen Winter streift er ein Paar warme Stiefel über. Doch sobald der Schnee taut, verschwinden auch die Stiefel. „Hier in Tomsk dauert die Barfuß-Saison von Mitte Mai bis Mitte September, manchmal auch ein wenig länger“, sagt Sudakow. „In dieser Zeit gehe ich stets barfuß – außer bei der Arbeit, denn dort haben wir eine Kleidervorschrift. Ich bin also barfuß, wenn ich allein oder mit meiner Familie spazieren gehe, wenn ich einkaufe, Auto fahre, zum Essen ausgehe, Freunde besuche oder reise.“


Die Menschheit abschaffen?

Eines Tages werden Historiker vielleicht darüber schreiben, dass im Frühjahr 2020 die Menschen eingesperrt wurden, während sich die Tiere frei bewegen durften. Die Coronavirus-Pandemie führte dazu, dass Schwäne unbehelligt in klaren venezianischen Kanälen schwammen. Man konnte beobachten, wie Wildschweine durch Barcelona liefen. In den Hafenanlagen der sardischen Hauptstadt Cagliari tummelten sich Delfine. Für Les U. Knight, einen 72-jährigen Lehrer aus Portland im US-Bundesstaat Oregon, bestätigten diese Bilder seine Überzeugung. Als Gründer des Voluntary Human Extinction Movement (Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit) ist er der Ansicht, dass es unserer Erde ohne Menschen besser gehen würde. Die Bewegung fordert dazu auf, keine Kinder mehr in die Welt zu setzen, damit die Menschheit langsam ausstirbt.
„Wenn es uns nicht mehr gäbe, hätte die übrige Biosphäre eine Chance, sich zu erholen. Die Vorstellung von einer Erde ohne Menschen mag im ersten Moment seltsam erscheinen, obwohl wir die Ausrottung Zehntausender anderer Arten offensichtlich ziemlich unbesorgt hinnehmen. Aber wenn die Menschen erst einmal verschwunden sind, wird keines unserer großartigen Werke für die verbleibenden Lebensformen auch nur den geringsten Wert haben.“ Knight, der selbst keine Kinder hat, hegt keineswegs den Wunsch, die Menschheit zu vernichten. Er möchte nur, dass die Menschen sich bewusst nicht weiter fortpflanzen. Knight beharrt darauf, dass eine bedeutende Veränderung bevorstehe. „Viele junge Menschen sehen heute eine Welt voraus, die bereits zu ihren Lebzeiten kaum noch bewohnbar sein wird. Das macht sie wütend und verängstigt sie. Vielleicht werden wir unsere Einstellungen überdenken. Nur weil wir bisher noch nie [auf Fortpflanzung verzichtet haben], bedeutet das nicht, dass wir das nie in Betracht ziehen werden.“



Entschleunigung des Lebens

Schriftsteller Carl Honoré wurde 2004 durch sein Buch 'Slow Life: Warum wir mit Gelassenheit schneller ans Ziel kommen' berühmt. Es handelt von der globalen Slow-Bewegung, die er leidenschaftlich unterstützt. „Wir leben in einer Welt, die vom Geschwindigkeitsrausch besessen ist. Jeder Tag fühlt sich an wie ein Wettlauf gegen die Zeit“, sagt Honoré. „Wir wollen alles beschleunigen, aber letztlich scheitern wir.“ Er schlägt stattdessen vor, dass wir langsamer werden: „Schenken Sie jedem Augenblick die verdiente Aufmerksamkeit. Versuchen Sie nicht, fünf Dinge gleichzeitig zu erledigen. Machen Sie lieber eine Sache gut, und gehen Sie dann zur nächsten über. Oder tun Sie einfach einmal gar nichts. Leeren Sie Ihren Geist und lassen Sie die Gedanken schweifen. So setzen Sie neue Kreativität frei.“
Die Slow-Bewegung entstand im Jahr 1986 in Italien, als sich der politische Aktivist Carlo Petrini über die Eröffnung einer McDonalds-Filiale an der Spanischen Treppe in Rom erregte. Seine Reaktion auf die Invasion der Fast-Food-Kette war eine Kampagne für Slow Food. Er setzte sich für regionale Lebensmittel, gesunde Zutaten, eine sorgfältige Zubereitung ein. Heute zählt Slow Food etwa 60. 000 eingetragene Mitglieder. Aus der Organisation gingen weitere Bewegungen hervor, die die Vorzüge von Slow Cities, Slow Cinema und Slow Fashion preisen. Gemeinsam ist allen der Wunsch nach Entschleunigung. Menschen sollen sich wieder Zeit nehmen, um ihre Umgebung und Empfindungen wertzuschätzen. Der fieberhafte Drang nach mehr Verdienst, Aktivität und Konsum wird abgelehnt.
Honoré sieht die Finanzkrise von 2008 und die diesjährige Coronavirus-Pandemie als Warnsignale für die moderne Zivilisation. „Ich glaube, dies könnte durchaus ein Wendepunkt in der Geschichte sein, wenn wir aufwachen und den Irrsinn unserer Lebensweise erkennen. Dieses ungesunde und unhaltbare Leben wird uns alle in eine gemeinsame Erschöpfung treiben.“


Sexuelle Enthaltsamkeit

In Deutschland sind in der jährlich durchgeführten Studie Freizeit-Monitor unter anderem auch immer wieder die sexuellen Aktivitäten der Bürger des Landes Thema. Kürzlich enthüllte der Monitor Folgendes: Die Deutschen praktizieren im Zeitalter der Online-Pornografie und der Smartphone-Apps, die mit einem Wischen über den Bildschirm einen Partner versprechen, weniger Geschlechtsverkehr. Besonders junge Singles waren sexuell weniger aktiv als alle anderen Gruppen, abgesehen von Personen im Rentenalter. Nur 27 Prozent der Singles hatten mindestens einmal pro Woche Sex und 49 Prozent einmal im Monat. Das Phänomen spiegelt sich weltweit wider.
Mittlerweile gibt es eine Bezeichnung für Anhänger dieses Trends. Volcels ist die Abkürzung für Voluntary celibates (freiwillig Enthaltsame). „Ich entschied mich im Alter von 24 Jahren, enthaltsam zu leben“, berichtet Courtney Thompson aus Australien. „Ich erkannte, dass mir sexuelle Begegnungen meist das Gefühl gaben, Männer würden mich vor allem als Quelle ihres Vergnügens betrachten und weniger als Mensch.“
Der deutsche Psychotherapeut Bernd Leygraf hat viele junge Patienten, die nach 1980 geboren wurden und aus freien Stücken enthaltsam leben. „Was hier als eigener Grundsatz dargestellt wird, dient oft dazu, andere Probleme zu verbergen – die Angst Bindungen einzugehen und die Angst vor Verpflichtungen sowie mangelnde Beziehungs- und Konfliktlösungsfähigkeiten. Manchmal ist Enthaltsamkeit auch die Reaktion auf eine freizügige Lebensweise der Eltern“, erklärt Leygraf.


„Intelligente“ Drogen

Bei Smart Drugs oder Nootropika handelt es sich um Substanzen, die angeblich die Konzentration, Aufmerksamkeit und geistige Leistungsfähigkeit steigern. Eine Studie der Universität Mainz aus dem Jahr 2013 zeigte, dass ein Fünftel aller deutschen Studenten schon mal Mittel zur Leistungssteigerung eingenommen hatten. Dazu gehören koffeinhaltige Nahrungsergänzungsmittel, aber auch verschreibungspflichtige Medikamente wie Ritalin und Modafinil, die ursprünglich zur Behandlung von Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen entwickelt wurden, sowie Amphetamine. Eine weitere deutsche Studie zeigte, dass 5 Prozent der Büroangestellten verschreibungspflichtige Medikamente zur „geistigen Leistungssteigerung“ verwenden. „Es gibt etliche Hinweise, dass solche Smart Drugs tatsächlich wirken“, sagt Professor Carl Cederström von der Universität Stockholm in Schweden, der das Buch 'Auf der Suche nach dem perfekten Ich' verfasste.
Doch nicht jeder hat eine so positive Einstellung zu Smart Drugs. Der australische Journalist Sam Nichols probierte fünf Nootropika, darunter Modafinil. Nach jeder Substanz testete er seinen IQ und notierte die Nebenwirkungen. Seine Schlussfolgerung: „Die Kombination aus Manie, Angst, Übererregung, Appetitverlust und Schlafmangel forderten ihren Tribut. Ich profitierte kaum davon. Mein IQ blieb immer in etwa auf dem gleichen Niveau. Deshalb werde ich wohl einfach bei Kaffee bleiben.“


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