Ein Herz und eine Seele?
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Familie & Leben

Ein Herz und eine Seele?

Ursula hatte sich sehr auf das erste Weihnachtsfest mit ihrer kleinen Tochter gefreut. Obwohl sie zu ihrer Schwiegermutter ein gespanntes Verhältnis hatte, war sie entschlossen, alles zu tun, damit dieser Tag glatt verlief. Sie reservierte einen Tisch in einem der besten Restaurants der australischen Metropole Sydney.

Autor: Louise Waterson

„Ich verschickte an meine Familie und an die meines Mannes Einladungen", erinnert sich die Mutter zweier Kinder. Ursula dachte, dass das Mittagessen im Restaurant sie von dem Druck entlasten würde, ein heimisches Essen zu organisieren, und dass es überdies ihre schwierige Schwiegermutter dazu veranlassen würde, sich zu benehmen.

Doch es kam anders. „Meine Schwiegermutter kam zu spät und ereiferte sich dann zuallererst darüber, wie schlecht meine Handschrift zu lesen sei", berichtet Ursula. „Sie schnauzte mich an, ich nötige sie dazu, den ganzen Weg durch die Stadt mit dem Auto zu fahren. Dann warf sie mir noch vor, ich hätte keine Ahnung, wie ich mein Baby angemessen stillen könne. Als sie schließlich noch versuchte, mir das Baby abzunehmen, wehrte ich mich lautstark – es war mir völlig egal, dass wir in aller Öffentlichkeit so aneinandergerieten."

Solche Geschichten über anmaßende Schwiegermütter gibt es zuhauf. Und doch kommen viele Menschen mit ihren Schwiegermüttern durchaus zurecht. Was also ist ihr Geheimnis? Die folgende Anekdotensammlung soll zum Nachdenken anregen und dazu, ein bisschen besser über die eigene Schwiegermutter zu denken. Zudem gibt sie hilfreiche Tipps, wie Sie Ihre Abneigung besser überwinden können.

Eine besondere Konstellation

Als Tessa frisch verlobt war, besuchte sie zusammen mit ihrem Zukünftigen Neil dessen Eltern. Obwohl sie herzlich empfangen wurde, gab ihr ein Kommentar seiner Mutter einen Stich ins Herz. Als Einzelkind stand der 24-jährige Neil seiner Mutter sehr nahe. Als das Gespräch auf die Hochzeit kam, sagte seine Mutter in einem anklagenden Ton: „Ich hatte meinen Sohn nicht sehr lange, oder?" Für Tessa war das, als ob sie beschuldigt würde, Neil zu stehlen. „Ich hätte am liebsten gesagt: ,Du hast ihn doch aufs Internat geschickt, als er zwölf war!'"

Tessa befürchtete, dass die Ehe davon bestimmt würde, was die Paartherapeutin und Familienpsychologin Anne Hollonds „die Dreieckskonstellation" nennt. Diese bietet stets für eine der drei Personen – meist diejenige, die unbewältigte Konflikte mit sich herumschleppt – einen Anlass, sich ausgeschlossen zu fühlen und deshalb starke Stimmungsschwankungen zu erleben. Diese können extrem sein, denn es sind wichtige Beziehungen, die auf dem Spiel stehen.

„Die Möglichkeit und das Risiko, dass einer sich zu kurz gekommen fühlt, ist immer da", sagt Hollonds. „Wichtig ist, dass das biologische Kind – und das ist normalerweise der Sohn – sich nicht verdrückt und damit bewirkt, dass die beiden Frauen miteinander streiten."

Wenn ein erwachsenes Kind einen Partner fürs Leben findet, kann die Mutter das als Verlust empfinden, was einem problemlosen Wechsel entgegensteht. „Als Schwiegermutter kann es sein, dass Sie sich aufs Abstellgleis manövriert fühlen. Das führt Ihnen den Verlust dann ziemlich schmerzlich vor Augen, sodass Sie die Vorteile der Situation nicht mehr sehen."

Anita und Philip, frisch verlobt, lebten in London und riefen Philips Eltern in Sydney an, um ihnen die frohe Nachricht mitzuteilen. Philip, ein Australier, arbeitete in Großbritannien, wo er die Londonerin Anita kennengelernt hatte. Seine Mutter Esther fragte unverblümt: „Was hast du denn gegen australische Mädchen?"

Aua! Ihr wurde bewusst, dass Anita dem Gespräch am anderen Ende der Leitung zuhörte. Unnötig zu erwähnen, dass das Verhältnis zwischen Anita und Esther bis zu deren Tod frostig blieb.

Expertentipp:

„Eine Mutter ist eine Mutter, und sie hört damit auch nicht auf, nur weil ihr Sohn oder ihre Tochter heiratet. Die Rolle verändert sich. Wer das respektiert und mit den betroffenen Menschen nachsichtig umgeht, hilft allen dabei, sich leichter in ihre neuen Rollen hineinzufinden", sagt Hollonds.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet

Die beste Art, ein gutes Verhältnis zur Schwiegermutter einzugehen, ist, ihr gegenüber Respekt zu zeigen. Bei Helen hat diese Taktik funktioniert. Seit sie vor 13 Jahren Toby geheiratet hat, hat sie konsequent ihren Mund gehalten, wenn sie mit seiner Mutter Margaret zu tun hatte. „Wir kommen gut miteinander zurecht, weil sie ihre Meinung sagt und ich einfach nur zustimmend nicke – egal, ob ich mit ihr übereinstimme oder nicht", sagt Helen. „Wieso soll ich sie korrigieren, wenn sie sich daran erinnert, dass Tobys Bruder (ihr Lieblingssohn) der schnellste Läufer der Schule war, auch wenn das nicht stimmt? Zwar hätte man Lust zu sagen: ‚Nein, Mutter, er war völlig durchschnittlich' – aber sie hat es sich eben anders gemerkt."

Und doch gibt Helen zu, dass Margaret sie einschüchtert. „Ich habe drei Schwägerinnen, und wir wurden alle aufgefordert, sie ‚Mama' zu nennen. Das klingt erst einmal nett, aber ist es das wirklich? Man würde am liebsten sagen: ‚Nein, ich habe nur eine Mutter', aber sie ist eine Frau, die sagt, wo es langgeht."

Für Helen zumindest ist es am einfachsten, nicht aufzubegehren. „Ich könnte mich verteidigen", erklärt Helen. „Aber ich respektiere sie, weil sie Tobys Mutter ist. Und sie denkt, dass ihr dieser Respekt zusteht."

Expertentipp:

„Auch wenn sich Ihre Schwiegermutter schlecht benimmt – versuchen Sie, freundlich und respektvoll mit ihr umzugehen."

Das Kommando übernehmen

Laut Terri Apter, Psychologin an der britischen Universität Cambridge und Autorin von Was willst du von mir? Wie wir lernen, mit Schwiegereltern zurechtzukommen,

liegt die Feindschaft zwischen Schwiegermutter und -tochter darin begründet, dass beide Frauen eine ähnliche Position innehaben. Beide fürchten, durch die andere in ihrem Status geschwächt zu werden.

„Jede ist in ihrer unmittelbaren Familie die ‚Frau Nummer eins'", sagt Apter. „Weil jede versucht, ihren Status zu schützen und auch in der neuen Konstellation zu etablieren, sehen sie sich gegenseitig als Bedrohung an."

Glücklicherweise dauert diese Zeit der Anpassung normalerweise nicht ewig. Für Lauren, die ihre Erfahrungen in einem Blog mit anderen teilt, war der Start nicht angenehm. Sie schrieb: „(Meine Schwiegermutter) schenkte meinem Sohn ein Gewehr und Bonbons, obwohl ich sie darum gebeten hatte, dies nicht zu tun, und sie achtete auf alles, was in meinem Haushalt nicht ganz in Ordnung schien." Doch mit der Zeit erkannte Lauren, dass ihre Reaktionen von ihrer eigenen Unsicherheit herrühren. Mit den Jahren begann sie ihre Schwiegermutter zu schätzen.

Mitbloggerin Leonie gibt sich realistisch über ihre Beziehung zur ihrer Schwiegermutter: „Es wird immer eine gewisse Spannung zwischen uns bestehen, denke ich, im Grunde eine Art Tauziehen um meinen Mann, und ab und zu kocht die Situation eben hoch – aber glücklicherweise haben wir beide Sinn für Humor."

Expertentipp:

„Betrachten Sie den Konflikt eher langfristig."

Wenn Enkel geboren werden

Anders als viele Männer, die ihren Freunden gerne mal einen Schwiegermutterwitz erzählen und dann nicht mehr weiter über sie nachdenken, ist es für Frauen schwerer, dem Benehmen ihrer Schwiegermutter etwas Komisches abzugewinnen. Das ist laut der Psychologin Hollonds deshalb so, weil Frauen die Hauptverantwortung für den Haushalt zugeschrieben wird. „Damit ist die Sache für sie nicht lustig", sagt Hollonds. „Frauen sind verwundbar, wenn die Dinge nicht so laufen, wie sie sollen."

Und dann kommt der Nachwuchs. Am Tag nachdem Sarah ihr erstes Kind Claudia zur Welt gebracht hatte, überfiel ihre Schwiegermutter Sue sie auf der Wöchnerinnenstation und begann Fotos von anderen Babys aus der Familie herumzuzeigen – Babys, von denen sie meinte, sie seien „das genaue Abbild von Claudia". Das wollte Sarah allerdings gar nicht hören: „Es war wie ein Tritt in den Bauch für mich, gesagt zu bekommen, dass mein Baby wie die Kinder des Cousins meines Mannes aussah – die ich noch nie gesehen hatte!"

Die Situation verschlechterte sich weiter, als Sue bei dem Paar einzog, um die junge Mutter zu unterstützen. In der kleinen Zweizimmerwohnung wurde es eng. Dann tat David, Sarahs Ehemann (oder Sues Sohn, je nachdem, welche Perspektive man einnimmt), das Falsche. Anstatt höflich seine Mutter zu bitten, ihnen mehr Raum zu lassen, sagte er nichts und kehrte einfach zurück an seinen Arbeitsplatz.

„Das ist ein vertrautes Szenario", sagt Hollonds. „Wenn der Mann sich überfordert fühlt, ist es für ihn einfacher, sich zurückzuziehen und die Frauen mit dem Konflikt allein zu lassen", sagt sie. „Nach meiner Erfahrung ist das immer ein Fehler."

Streit um die Enkel und deren Erziehung bringt die Feindschaft zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter oft zum Eskalieren. Glücklicherweise kehrte Sue nach zwei Wochen in ihre Wohnung zurück und widmete sich wieder ihrem eigenen Ehemann, den sie herumkommandierte. Aber das passiert längst nicht immer – insbesondere wenn die Betroffenen unter einem Dach leben.

In Italien, der Heimat des „Muttersöhnchens", ergab eine Regierungsstudie, dass Schwiegermütter zwischen 2000 und 2002 rund 30 Prozent aller Ehescheidungen auslösten. In Malaysia belegte eine Gemeinschafts- und Familienstudie aus dem Jahr 2004, dass das Schwiegermutter-Syndrom die häufigste Scheidungsursache bei der malaysisch-indischen Bevölkerung war – sogar häufiger als die Untreue eines Ehepartners.

Unter einem Dach mit der Schwiegermutter zu leben kann für beide Frauen auch ein Gesundheitsrisiko sein. Eine Studie der Universität im japanischen Osaka aus dem Jahr 2008 ergab, dass Stress durch das Leben mit der Schwiegermutter das Risiko einer Frau, am Herzen zu erkranken, steigerte. Aber auch Schwiegertöchter fordern durchaus ihren Tribut. Eine japanische Studie aus dem Jahr 2010 zeigt, dass ältere Frauen, die von ihren Schwiegertöchtern versorgt wurden, schneller starben als die, um die sich ihre biologischen Töchter kümmerten. Im Gegensatz dazu lebten ältere Männer, die von ihren Schwiegertöchtern gepflegt wurden, länger als diejenigen, die von ihrer Ehefrau versorgt wurden.

Sogar in traditionellen Schwiegermutter-„Hochburgen" wie Indien, China und Taiwan beginnt die Macht sich zu verlagern. Dennoch schwingt das Pendel nicht immer zugunsten der Schwiegertochter. Im März 2012 entschied ein Bezirksrichter in Taiwan gegen eine Frau aus Taipeh, die wegen ihrer Schwiegermutter die Scheidung eingereicht hatte. Huang, die Ehefrau, bezichtigte ihre Schwiegermutter, während der Ehe ihre Privatsphäre ständig verletzt zu haben, indem sie nachts die Tür des ehelichen Schlafzimmers aufmachte, um nachzusehen, ob die beiden schliefen.

Trotz wiederholter Aufforderung, dies zu unterlassen, fuhr die Schwiegermutter damit fort. Das Gericht befand allerdings, dass dies kein Scheidungsgrund sei. Die wohlmeinende Schwiegermutter tue nur, was sie für richtig hielte – sie zeige, dass sie sich um das Eheglück kümmere, und wolle ihrer Schwiegertochter damit keineswegs ein Leid zufügen.

Fälle wie dieser sind auf eine merkwürdige Art tröstlich. Sie eröffnen uns ein Gefühl der Erleichterung und einen Grund, unseren Partner anzustoßen und zu kichern: „Sieh mal an, es geht nicht nur mir so!"

 Expertentipp:

„Seien Sie geduldig, und lernen Sie, Kompromisse zu schließen."

Überschreiten Sie nicht die Grenze

Die Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken ist niemals eine gute Idee. Doch Schwiegermütter scheinen das bisweilen zu vergessen. Von kleineren Fauxpas bis zu extremen Beleidigungen haben wir schon vieles gehört. Oder etwa nicht?

Nehmen wir das Beispiel von Tom. Nichts bereitete ihn darauf vor, was sich zusammenbraute, als er und seine Freundin Melanie verkündeten, dass sie gerne heiraten würden. Melanies Mutter Joan kaufte einen Verlobungsring für Tom, damit er ihn ihrer Tochter geben könne. Dieses Maß an Einmischung und Kontrolle war allerdings ganz und gar nicht willkommen, und er befürchtete, es würde mit der Zeit noch schlimmer werden. Das Paar trennte sich schon bald, und Melanie verkaufte den Ring.

Expertentipp:

„Versetzen Sie sich in die andere Person hinein, und akzeptieren Sie die Grenzen, die Ihnen gesetzt werden."

 Zu guter Letzt möchten wir Ursula, Helen, Sarah, Tessa und all den anderen tapferen Schwiegertöchtern danken, die so mutig waren, ihre zum Teil doch recht unerfreulichen Erfahrungen mit uns und anderen zu teilen. Mögen Ihre Schwiegermütter sich in dieser Geschichte niemals wiedererkennen.


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