Hör mir zu, Schatz!
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Familie & Leben

Hör mir zu, Schatz!
Genau hinhören und dem Partner das Gefühl geben, man akzeptiert ihn, ist gar nicht so schwer. So funktioniert's:
Ausgabe: Mai 2016 Autor: Lisa Fields

"Ständig beklagte ich mich, weil ich mich nicht verstanden fühlte, und mein Mann Bernard warf mir vor, ich sei so aggressiv", berichtet die 58-jährige Catherine Faidix aus Aix-en-Provence, Frankreich. Es wär höchste Zeit, etwas zu ändern. Vor vier Jahren holte sich das Paar Hilfe – und hat seither viel über Kommunikation gelernt. Heute sind beide beherrschter, hören besser zu und bringen mehr Verständnis füreinander auf. Und sie sind sich wieder nähergekommen. "Ich wurde geduldiger, mein Mann traute sich, über seine Gefühle zu sprechen, weil eine dritte Person anwesend war", erzählt Catherine Faidix. "Wir lernten, über das zu reden, was uns bewegt – außerdem wollten wir etwas ändern. Das funktioniert auch in langjährigen Beziehungen." Hat man etwas Wichtiges mitzuteilen, will man, dass das Gegenüber jedes Wort versteht. Leider schaltet der andere oft ab – besonders dann, wenn man jahrelang nur Belanglosigkeiten ausgetauscht hat.

Helen Ralston, Vorsitzende der "International Listening Association" (Internationale Gesellschaft des Zuhörens) und Forscherin im englischen Oxford, sagt: "Die meisten Menschen verfügen eigentlich über alles, was man braucht: zwei Ohren, Verstand und Herz. Dass die Sehnsucht, richtig verstanden zu werden, dennoch so groß ist, weist darauf hin, dass echtes Zuhören selten ist. Wir passen vielmehr den Moment ab, unseren eigenen Standpunkt anzubringen." Im Durchschnitt verbringen Menschen zwischen 45 und 70 Prozent ihres Tages damit, anderen zuzuhören. Trotzdem findet man während der 24 Stunden kaum Gelegenheit, intensiv Zeit mit seinem Partner zu verbringen. Im Schnitt bringen es die meisten Paare pro Tag nur auf neun Minuten intensive Gesprächszeit. Wer dabei nicht konzentriert zuhört, dem entgehen Einzelheiten wie beispielsweise Hinweise auf die Gemütslage des Partners, die mehr Nähe entstehen ließen. Traurigerweise passiert das viel zu oft.

"Im Gegensatz zum Lesen wird uns das richtige Zuhören nicht beigebracht, obwohl wir diese Form der Kommunikation am häufigsten praktizieren", sagt der Schriftsteller Kent Adelmann, der als außerordentlicher Professor im schwedischen Malmö über das Zuhören forscht. Genauer hinzuhören, dem Partner das Gefühl zu geben, man nimmt ihn wahr und akzeptiert ihn, ist gar nicht so schwer. So funktioniert's:

Achtsam bleiben

Es ist normal, dass sich die Gedanken während eines Gesprächs schon mal verselbstständigen. Wer achtsam ist, kann das leichter abstellen. "Im Gegensatz zum Lesen wird uns das richtige Zuhören nicht beigebracht", sagt Kent Adelmann "In der Regel liegt das Sprechtempo zwischen 125 und 180 Wörtern pro Minute, Gehörtes hingegen verarbeiten wir mit einer Geschwindigkeit von rund 400 bis 500 Wörtern pro Minute", erklärt Professor Adelmann. "Das heißt, der Zuhörer ist dem Sprecher immer überlegen. Deshalb ist er in der Lage, über das Menü fürs Abendessen nachzudenken und gleichzeitig der Person zu lauschen, die redet."

Mit einfachen Botschaften zeigen Sie Ihrem Partner, dass er oder sie Ihre volle Aufmerksamkeit hat. Wenn Sie also merken, dass Sie sich gerade nicht auf das Gespräch konzentrieren können, seien Sie ehrlich und verabreden Sie sich für einen späteren Zeitpunkt. Schalten Sie dann das Fernsehgerät und Ihr Smartphone aus. "Im Erwachsenenalter ist der Partner oder die Partnerin die wichtigste Bezugsperson", weiß Annette Kreuz, klinische Psychologin, Paartherapeutin und Sprecherin der Europäischen Vereinigung für Psychotherapie. "Der Partner steht für Sicherheit und Geborgenheit." Als Paar muss man Gelegenheiten schaffen, einander zuzuhören. Empfindet man die Anwesenheit des Partners nach Jahren des Zusammenlebens als selbstverständlich, leidet oft die Gesprächskultur darunter. Dann ist sich das Paar nicht mehr so aufmerksam zugewandt wie früher.

"Wie wir am Anfang einer Beziehung miteinander reden, sollte der Normalfall sein", führt Annette Kreuz aus. "Lernt man jemanden kennen, ist man neugierig und will wissen: Was mag der andere, was nicht. In langjährigen Beziehungen glauben Paare, sie würden ihren Partner so gut kennen, dass sie wüssten, was der andere sagen wird."

Ausreden lassen

Haben Sie schon einmal den Satz Ihres Partners oder Ihrer Partnerin beendet? Egal, ob Sie dabei richtig oder falsch lagen, Sie sind Ihrem Gegenüber über den Mund gefahren. Das erschwert den Dialog. "Jemanden zu unterbrechen ist ein Zeichen von Ungeduld", sagt der US-amerikanische Schriftsteller Michael Nichols. "In der Regel wollen wir gar nicht hören, was der andere zu sagen hat. Wir warten nur auf eine Gelegenheit, das zu sagen, was uns beschäftigt. Wir fallen dem anderen ins Wort mit 'Ja, das kenne ich.' Dann erzählen wir unsere Geschichte, anstatt den anderen reden zu lassen."

Bittet Sie Ihr Partner oder Ihre Partnerin zuzuhören, achten Sie darauf, was Sie wann sagen. "Häufig unterbricht man sein Gegenüber unabsichtlich", weiß Ralston. "Im Rahmen meiner Forschung nehme ich Gespräche auf, die ich anschließend mit den Teilnehmern anhöre. Dann sind sie nicht selten entsetzt, wie oft sie ihr Gegenüber unterbrochen haben – unbewusst."

Einfach zuhören

Wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin Ihnen etwas Wichtiges mitteilen möchte, hören Sie zu. Halten Sie sich mit Ratschlägen, Ihrer eigenen Meinung oder Anekdoten zurück. "Die meisten Menschen hören mit der Absicht zu, sich selbst einzubringen, anstatt den anderen zu verstehen", weiß der Schriftsteller Nichols. "Dabei signalisiert man seinem Gegenüber nicht, man habe verstanden, sondern wirft sich nur Standpunkte um die Ohren. So entwickelt sich ein Schlagabtausch, und letztendlich fühlt sich keiner wirklich verstanden." Ratschläge sollte man nur geben, wenn der Partner ausdrücklich darum bittet. "Manchmal unterstellen wir, dass unser Gegenüber unseren Rat sucht, obwohl dieser 'nur' einen Zuhörer braucht", sagt Helen Ralston. "Treffen wir auf jemanden, der sehr gut zuhören kann, erkennen wir, dass wir dadurch selbst besser verstehen."

Fair bleiben

Während eines Streits fällt es den meisten extrem schwer, zuzuhören. "Beide Partner sind der Auffassung, dass ihr Standpunkt, ihre Bedürfnisse und ihre Sicht der Dinge richtig sind und wollen den anderen überzeugen", erläutert Guy Bodenmann, Professor für klinische Psychologie an der Universität Zürich. "Konflikte sind für Beziehungen, was das Salz in der Suppe ist. Es ist wichtig, dass Paare sich streiten, aber angemessen und respektvoll. Wer jedoch emotional sehr aufgewühlt ist, schafft es nicht, ein konstruktives Gespräch zu führen", so Bodenmann. Und wenn es Streit gibt, weil einer dem anderen nicht zuhört? "Der Grund ist häufig das Gefühl der fehlenden Verbundenheit zum Partner", erklärt Jette Simon, Psychologin und Leiterin des Instituts für Emotionsfokussierte Therapie im dänischen Kopenhagen.
Über seine Gefühle zu reden kann das gegenseitige Zuhören fördern. "Für Paare ist das oftmals eine neue Erkenntnis: Dass hinter der Wut und der Frustration oftmals Verletzlichkeit steckt, und Sie haben Ihr Gegenüber noch nie als verletzlich wahrgenommen", weiß Simon. "Wenn man das verstanden hat, fällt es viel leichter, seinen Ärger und die Erregung abzubauen und besser zuzuhören."

Empathie zeigen

Wenn man seinem Partner begeistert oder entrüstet von etwas erzählt, aber damit auf Desinteresse oder Gleichgültigkeit stößt, fühlt man sich schnell missachtet und unwichtig. Versetzen Sie sich deshalb in die Lage Ihres Gegenübers und hören Sie genau zu, damit Ihre eigene Reaktion angemessener ausfällt. "Es ist wichtig, dass Paare sich streiten, aber angemessen und respektvoll", sagt Professor Guy Bodenmann. "Je mehr Ihnen der Sprechende Einblicke in seine innere Welt gewährt (warum etwas schwierig oder schmerzhaft ist), desto leichter fällt es Ihnen, Empathie zu empfinden", so Professor Bodenmann. Dabei ist Ihre nonverbale Kommunikation mindestens so wichtig wie die verbale. "Es reicht nicht aus, jemandem zu sagen, dass man ihn versteht. Man muss auch die Gefühlsebene einbeziehen", erläutert Adelmann. "Tränen zu zeigen oder eine Hand auf die Schulter zu legen drückt manchmal mehr aus, als Worte es können."

Eine Pause für das Ego

Möchten Sie ein besserer Zuhörer werden? Dann bitten Sie um Hilfe. "Fragen Sie Ihren Partner, was Sie verändern sollen", rät Annette Kreuz. "Eine Antwort könnte sein: "Es kränkt mich, wenn du XYZ sagst' oder 'Wenn du mir gegenüber sitzt, schaust du mich nicht an'." Reden Sie selbst gern, kommt Ihr Partner womöglich kaum zu Wort. Dann ermutigen Sie ihn, das Wort zu ergreifen. "Geben Sie Ihrem Gesprächspartner Rückmeldung, was Sie verstanden haben, und ermuntern Sie ihn, weiterzureden", empfiehlt Michael Nichols. "Viele Leute sagen: 'Ach, das wolltest du damit sagen', und machen dahinter gefühlt einen Punkt. Das klingt dann wie: 'Verstanden!' Sie sollten den anderen lieber auffordern, mehr mitzuteilen." Die Reaktion darauf ist mitunter verblüffend. "Ist man in seinem Verhalten festgefahren, kann eine andere Person zeigen, wie man es beheben kann", hat Catherine Faidix erfahren. "Mittlerweile betrachte ich bestimmte Dinge anders – und auch mein Mann ist bereit, sich zu ändern."

Fällt es Ihnen auch schwer, anderen zuzuhören? Schreiben Sie an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 


 

RD Abbinder
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