Ein älteres Ehepaar schaut auf einen Laptop.
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Familie & Leben

So schützen Sie Ihr digitales Erbe

„Hast du ihr Facebook-Passwort gefunden?“ Meine Schwester Louise warf mir über das iPad unserer Mutter einen Blick zu, während ich im Notizbuch mit gekritzelten Telefonnummern, Adressen und dem einen oder anderen Nutzernamen und Passwort blätterte. „Fehlanzeige“, sagte ich. „Da steht nichts.“

Ausgabe: Januar 2022 Autor: Paul Robert

Am Tag zuvor war unsere Mutter Miep mit mehr als 90 Jahren friedlich entschlafen. Noch ganz benommen saßen Louise und ich in ihrer Wohnung und versuchten, uns um Mutters Spuren im Internet zu kümmern. Zahlreich waren diese nicht. Miep hatte sich in der digitalen Welt nie richtig heimisch gefühlt. Einen Facebook-Account, also ein Online-Konto für das Soziale Netzwerk hatte sie nur, um sich über die Familie auf dem Laufenden zu halten. Die Zugangsdaten zu ihren Online-Konten waren in dem Büchlein festgehalten, das unser schon verstorbener Vater vor 20 Jahren angelegt hatte. Doch meine Mutter kannte den Unterschied zwischen URL, Nutzernamen und Passwort nicht, sodass das Heftchen in etwa so aufschlussreich war wie eine Hieroglyphensammlung.

Schließlich versuchten wir, uns über meinen Laptop mit Mamas Nutzernamen auf Facebook einzuloggen und klickten auf „Passwort vergessen“. So konnten wir das Passwort dann über ihr E-Mail-Konto ändern, uns in ihr Facebook-Konto einloggen und dieses dann in mehreren Schritten („Sind Sie sicher?“ – „Sind Sie wirklich sicher?“ – „Sind Sie auch ganz bestimmt sicher?“) dauerhaft löschen. Meiner Schwester und mir war das eine Lehre. „Sobald ich wieder zu Hause bin, mache ich eine Liste mit den Zugangsdaten zu allen Online-Konten“, erklärte sie. „Sollte mir etwas zustoßen, würde meine Tochter sonst niemals alle finden.“
Ein paar Wochen später beschloss ich, meine eigene Passwörter-Liste zu prüfen. Diese verwalte ich in einem Online-Tresor, der über eine App vom Handy aus zugänglich ist und nur ein Masterpasswort erfordert. Ich habe zwar keine Accounts bei Sozialen Medien, aber 140 Online-Kennungen – für Einzelhändler, Fitnessstudio, Web-Hosting-Dienste, E-Mail-Konten, Bank, Ver­sicherungen und so weiter.
Die meisten Menschen haben ihre digitalen Zugangsdaten überhaupt nicht organisiert. „Schon traurig, aber kaum jemand denkt daran, sich um sein digitales Vermächtnis zu kümmern“, sagt Wil-Jan Dona, 75. Der pensionierte Telekom-Projektmanager engagiert sich in der niederländischen Organisation SeniorWeb und hält Seminare zum Thema Online-Erbe. „Viele ältere Menschen haben zumindest ein Facebook- und ein WhatsApp-Konto, aber wenn ich sie frage, wie sie ihre Passwörter verwalten, lautet die Antwort oft: ,Keine Ahnung, mein Enkel hat mir das alles eingerichtet.‘“ Ein iPhone mit vielen Fotos stellt ein größeres Problem dar: Insbesondere auf Apple-Smartphones kann man nicht zugreifen, wenn man weder Passcode noch Fingerabdruck des Eigentümers parat hat. „Nur die Polizei verfügt über die nötige Software“, berichtet Dona. Doch darauf sollte man sich nicht verlassen.

Je aktiver Sie online sind, desto mehr steht auf dem Spiel. Ihre Postings vieler Jahre in Sozialen Medien verschwinden nicht mit Ihnen, und wenn Sie keine Maßnahmen ergreifen – indem Sie Ihren Angehörigen Ihre Passwörter zugänglich machen –, dann bleiben diese Einträge für immer öffentlich. Viele Menschen werden so digital unsterblich – virtuelle Geister, sozusagen. „Sie müssen entscheiden, was mit Ihrer digitalen Präsenz geschehen soll. Das ist nichts anderes, als Ihre finanziellen Angelegenheiten zu regeln“, erklärt Dona. Wer weiß schon, was sich in künftigen Jahren mit unseren Bildern und Stimmen alles anfangen lässt? Ich jedenfalls möchte nicht als virtuelle Person weiterleben.



Was Sie heute tun können

Heute bleibt vieles online verfügbar und kann unter Umständen von anderen verwendet werden. Schlimmstenfalls setzt man Ihre Fotos (auch solche, auf denen Sie selbst abgebildet sind) für Werbezwecke oder politische Botschaften ein, oder Ihre Identität wird für E-Mail-Betrug genutzt. Zumindest aber werden Ihre Freunde und Ihre Familie auch weiterhin mit Überraschungen konfrontiert werden. Das können Sie dagegen tun:

1. Einen Verwalter bestimmen
Geben Sie einem vertrauenswürdigen Freund oder Verwandten Zugriff auf Ihre Accounts und hinterlassen Sie Anweisungen, wie damit zu verfahren ist. Facebook bietet beispielsweise die Option, einen „Erb­kontakt“ anzugeben. Ansonsten ist die einzige Möglichkeit, solche Konten zu löschen, dem betreffenden Unternehmen einen Totenschein und einen Identitätsnachweis zu übermitteln und nachzuweisen, dass Sie tatsächlich befugt sind, im Namen des Accountinhabers zu handeln. Immer mehr Bestattungsunternehmen und Online-Start-ups bieten Dienstleistungen auf diesem Gebiet an, die vom Löschen von Konten bis zur Verwahrung eines
„digitalen Schuhkartons“ mit Fotos, Twitternachrichten oder anderen Erinnerungen reichen.

2. Ein Verzeichnis anlegen
Haben Sie nicht zu viele Online-Accounts, sollten Sie eine Liste mit Ihren Nutzernamen und Passwörtern erstellen und Ihrem Nachlassverwalter oder Ihren Angehörigen sagen, wo diese zu finden ist. „Das ist die einfachste Möglichkeit, den Hinterbliebenen das Leben leichter zu machen“, meint Experte Wil-Jan Dona von SeniorWeb. „Fertigen Sie in einem Notizbuch eine verständliche Liste an. Hinterlegen Sie nicht alle Passwörter auf Ihrem PC.“
Menschen, die Arbeit, Hobbys, Finanzen sowie Kontakte zu Freunden ausschließlich online verwalten und Dutzende von Accounts haben, sollten vielleicht in Erwähung ziehen, einen Online-Passwortmanager wie 1Password oder KeePass zu nutzen. Sie erzeugen für jedes Konto ein kompliziertes Passwort und speichern es in verschlüsselten Online-Tresoren. Sie müssen sich nur noch ein Master-Passwort für die auf Ihren Ge­räten installierte App merken (und Ihrem Nachlassverwalter hinterlassen).

3. Identitätsdiebstahl verhindern
Wichtig: Schützen Sie sich vor Identitätsdiebstahl, indem Sie keine einfachen Passwörter verwenden. „Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Menschen immer noch Passwörter wie 12345 verwenden“, berichtet Wil-Jan Dona. Er rät allen, die keine komplizierten Passwörter mögen, Sätze zu verwenden. „Einfache Passwörter können Hacker problemlos knacken, doch wie man einen Satz hackt, wissen sie nicht.“ Schmunzelnd verrät er: „Ich habe schon mal ‚IchkannmeineSchwieger­mutternichtausstehen‘ als Passwort verwendet.“
Noch sicherer wird Ihr Passwort, wenn Sie Ziffern und Sonderzeichen hinzufügen. „Verwenden Sie aber un­bedingt für jeden Account ein anderes kompliziertes Passwort.“


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