Vereint geht's leichter
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Familie & Leben

Vereint geht's leichter

Europas Senioren suchen nach neuen Wegen, den Lebensabend gemeinsam zu verbringen.

Ausgabe: November 2014 Autor: Tim Bouquet in Zusammenarbeit mit Lisa Donafee, Barbara Erbe, Paula Herranen, Hans Scholten

In einem Hamburger Vorort setzt Irene Westphalen Kaffee auf, während Wilhelm Gutmann den Tisch deckt. Peter Rohwer wird gerade zur Zielscheibe ihrer Witze, weil er seine Wäsche nie ordentlich faltet. "Immerhin hat er gerade den Müll runtergebracht", verteidigt ihn Gisela Mosner. Eine Studenten-WG? Die fünf Bewohner sind zwischen 74 und 85 Jahre alt und verbringen gemeinsam ihren Lebensabend anstatt allein, nur umgeben von Erinnerungen. Das Senioren-Wohnkonzept "LaVida" (Spanisch: das Leben) ist eine Idee der Sozialpädagogin Karin Hillengaß, einer 60-Jährigen, die sich an der Universität Hamburg über das "Wohnen im Alter" weiterbildete. "Inzwischen weiß ich, dass die meisten alten Menschen davor Angst haben, zu vereinsamen und mit niemandem mehr reden zu können", sagt sie. Deshalb gründete sie vor drei Jahren LaVida.

Immer öfter suchen Senioren nach Alternativen zum Altersheim. Deutschland hat in Europa den höchsten Bevölkerungsanteil an über 80-Jährigen, auch "Hochaltrige" genannt – das sind rund drei Millionen oder 3,6 Prozent. Hillengaß ist überzeugt, dass Senioren selbstbestimmt in unserer Gesellschaft leben können, wenn sie ihren Alltag und ihre Pflege eigenverantwortlich organisieren. Also fragte sie sieben Hamburger Senioren, alle allein lebend, ob sie sich mit ihrem Konzept anfreunden könnten. Sie testeten, ob sie miteinander auskommen können. Sie suchten eine Wohnung und entschieden sich für eine im dritten Stock wegen der guten Anbindung von U-Bahn und Bus sowie der Läden und Supermärkte. Die Wohnung ist mit einem Aufzug erreichbar, hat fünf Schlafzimmer, eine große Küche und ein Wohnzimmer mit überdachtem Südbalkon. Außerdem breite, rollstuhlgerechte Flure und zwei Badezimmer, in denen die Duschen über Sitze, Handläufe und rutschfeste Böden verfügen. Jeder Bewohner hat einen Notrufknopf am Bett und ein eigenes Telefon. Die Miete beträgt zwischen 168 und 480 Euro im Monat, je nach Zimmergröße. "Es gab nur ein Problem", berichtet Hillengaß. "Der Vermieter wollte keine fünf Mietverträge ausstellen. Mit nur einem Mietvertrag hätte es schwierig werden können, wenn ein Bewohner ausziehen oder sterben würde." Die Lösung war ein befreundeter Geschäftsmann, der als "Zwischenvermieter" auftritt. Er unterschrieb den Mietvertrag, und die Bewohner zahlen ihm die Miete.

In der LaVida-WG gibt es einen mobilen Pflegedienst, der eine Rundumbetreuung mit fünf sich abwechselnden Pflegekräften anbietet. So muss niemand ins Altenheim. Sie helfen außerdem beim Einkaufen, Kochen und Putzen. Die Kosten liegen im Monat zwischen 1000 und 2500 Euro und sind zum Großteil von der Pflegeversicherung und staatlicher Hilfe gedeckt. Auch Karin Hillengaß verbringt bis zu 15 Stunden pro Woche mit den Bewohnern. Eine Bewohnerin ist an Demenz erkrankt, kann aber dank des mobilen Pflegedienstes und der liebevolle Betreuung in ihrer WG wohnen bleiben. Die Senioren der LaVida-WG unternehmen Ausflüge an die Nordseeküste oder besuchen gemeinsam Theater- oder Musicalaufführungen. Zu Hause spielen sie gern Karten am großen Küchentisch, reden und lachen viel. Obwohl jeder einen eigenen Fernseher hat, schauen sie viel weniger als früher, als sie noch allein lebten.

Das niederländische Konzept „De Kamp“

Es wird zukünftig immer mehr Alternativen geben, seinen Lebensabend zu verbringen. Wichtig ist, dass man sich zeitig mit dem Gedanken auseinandersetzt – und genau das haben vier niederländische Ehepaare bereits 1985 getan. Bunnik bei Utrecht haben sie die Seniorengemeinschaft "De Kamp" ins Leben gerufen. Sie gründeten einen Verein und kauften eine Parzelle mit einem Bauernhaus. Anschließend baute jedes Ehepaar ein identisches Häuschen – alle Zimmer ebenerdig. Mittelpunkt der Anlage bildet das Bauernhaus. Es gehört allen und wird für Feiern und gemeinsam angeschaffte Geräte wie die Waschmaschine genutzt. "Kennengelernt haben wir uns, als wir um die 40 waren", erzählt Koops, eine 77-jährige Seelsorgerin, die mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann zu den Gründungsmitgliedern gehört. "Wir waren alle ehrenamtlich für die Kirche und in der Friedensbewegung engagiert", erzählt sie. "Wir wurden Freunde und verbrachten gemeinsame Urlaube. Eines Abends bei einem Glas Wein redeten wir über unsere greisen Eltern, die sich nie damit beschäftigt hatten, wie sie einmal alt werden wollten. Bis sie schließlich ins Altersheim zogen. Das wollten wir auf keinen Fall. Einer hatte die Idee, ein Grundstück zu kaufen, auf dem wir zusammenwohnen und uns umeinander kümmern würden."

Bevor sie jedoch ihre Idee in die Tat umsetzten, nahmen sie an einer Schulung teil. "Wir lernten, wie man mit Konflikten umgeht und wie wichtig Toleranz, Strukturen und Regeln sind, wenn man als Gruppe zusammenlebt", berichtet Koops. "Der vielleicht wichtigste Rat war, dass wir für genügend Privatsphäre sorgen müssten. Deshalb entschieden wir uns für einzelne Häuser plus Gemeinschaftshaus."

Finnland: Wohnen wie im Hotel

Manch einer bevorzugt vielleicht das Leben in einer hotelähnlichen Umgebung, in der Wohnung, medizinische Versorgung und Freizeiteinrichtungen unter einem Dach sind. Wie Osmo Lindroos (77), Grundschulrektor in Pension, und seine 76-jährige Frau Anneli, eine ehemalige Englischlehrerin. Sie leben im finnischen Turku in der Seniorenwohnanlage "Saga Kaskenniitty". Sie liegt in einem Park, und es gibt neben dem Restaurant Sauna, Swimmingpool, Frisör, eine Fußpflegerin und auch einen Zimmerservice. Vor mehr als sechs Jahren ist das Ehepaar hierhergezogen. "Wir haben den Umzug nie bereut", sagt Lindroos. "Das Pflegepersonal ist gut ausgebildet, freundlich und kann rund um die Uhr angefordert werden. Anneli und ich können uns noch umeinander kümmern, doch wer allein lebt, braucht im Ernstfall schnell Hilfe."
Das Seniorenwohnheim "Saga Kaskenniitty" ist ein Projekt der gemeinnützigen Stiftung Ruissalo, die noch weitere Heime in Rauma und Helsinki betreibt. Ein Appartement mit 43,5 Quadratmetern kostet 1350 Euro im Monat. Der Betrag schließt Miete, Nebenkosten, Notdienstversorgung, betreute Freizeitaktivitäten, den monatlichen Reinigungsdienst, Mittagessen sowie einen Therapieplan ein. Selbst die Palliativversorgung ist abgedeckt, und man kann bis an sein Lebensende wohnen bleiben.

Die französische Frauen-WG

Frauen haben statistisch gesehen eine höhere Lebenserwartung als Männer. Französinnen etwa leben im Schnitt 6,7 Jahre länger als ihre Landsmänner. Warum also das "vierte Alter" nicht in einer Frauen-WG in angenehmer Gesellschaft verbringen? 1999 träumte Therèse Clerc, damals 72, verwitwet und Mutter von vier Kindern, von einem Ort, an dem gebildete, dynamische Frauen zusammen alt werden können. Clerc begann, bei Kommunalpolitikern für ihre Idee zu werben: ein selbst verwaltetes Wohnprojekt, in dem Frauen in Gemeinschaft leben könnten. Nach neun Jahren wurde "La Maison des Babayagas" (Baba Jaga ist in der slawischen Mythologie eine Art Hexe) eingeweiht: ein vier Millionen Euro teures, fünfstöckiges Gebäude im Zentrum von Montreuil mit 21 separaten, seniorengerecht ausgestatteten Wohneinheiten. "Jede Bewerberin muss ein Aufnahmegespräch absolvieren, damit wir herausfinden, ob sie zu uns passt", erklärt Therèse Clerc. "In einem Ausschuss entscheiden wir das gemeinsam. Die Bewohnerinnen sind zwischen 58 und 88 Jahre alt. Der Altersunterschied macht eine ganze Generation aus, und eben das ist der Grund, weshalb unser Zusammenleben so wunderbar funktioniert." Wer hier wohnt, bezahlt eine Monatsmiete von 420 Euro für 35 Quadratmeter. Es gibt gemeinsame Mahlzeiten sowie organisierte Veranstaltungen. Obwohl von den Seniorinnen die Teilnahme am Gemeinschaftsleben erwünscht ist, werden Privatsphäre und Unabhängigkeit respektiert und unterstützt.

Mittlerweile entstehen ähnliche Babayagas-Projekte an anderen Orten in Frankreich. "Wir möchten die Art und Weise ändern, wie Menschen über den Lebensabend denken", sagt Therèse Clerc, der für ihre Arbeit der französische Verdienstorden "Ehrenlegion" verliehen wurde. "La Maison des Babayagas ist für Frauen gedacht, die bis zu ihrem Tod selbstbestimmt leben möchten. Für alle, die ihr viertes Alter in Würde und freundschaftlicher Verbundenheit verbringen wollen."


 

RD Abbinder
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