Ein junger Mann sitzt mit hinter dem Kopf verschränkten Armen auf einer Wiese auf einem Stuhl und hat die Füße auf eine riesige Uhr gelegt.
© iStockfoto.com / SIphotography
Aus der
aktuellen
Ausgabe

Familie & Leben

Was tun gegen Aufschieberitis?

Warum wir Unangenehmes gern aufschieben und wie man mit den ewigen Ausreden Schluss macht.

Ausgabe: Juni 2019 Autor: Lisa Fields

Das unnötige Aufschieben eigentlich wichtiger Arbeiten, Pflichten oder Erledigungen wird Prokrastination genannt. Man verdrängt und weicht aus, obwohl man weiß, dass dies negative Konsequenzen haben wird. „Es liegt in der menschlichen Natur“, erklärt der Psychologieprofessor Tim Pychyl von der Carleton University in Ottawa, Kanada. Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen zählt zu unseren Bewältigungsstrategien. „Wir wollen uns im Augenblick wohlfühlen. Um das zu erreichen, schieben wir etwas auf.“

Fehlende Motivation

Man kann fast alles aufschieben. „Welche Dinge jemand auf die lange Bank schiebt, ist individuell verschieden: Die einen verschieben das Putzen, die anderen putzen, um etwas anderes zu verschieben“, so Piers Steel, Professor an der University of Calgary in Kanada. Studien haben gezeigt, dass Saubermachen sowie das Regeln finanzieller Angelegenheiten am häufigsten vertagt werden. Obwohl fast jeder von uns ab und zu etwas auf die lange Bank schiebt, gelingt es den meisten, ihre Aufgaben rechtzeitig zu erledigen. Bei etwa einem Fünftel aller Menschen handelt es sich dagegen um chronische Aufschieber, die sich sowohl privat als auch im Beruf mit dem Erledigen bestimmter Aufgaben zu viel Zeit lassen.

„Prokrastinierer finden immer einen triftigen Grund, warum sie das, was eigentlich zu erledigen wäre, jetzt gerade auf gar keinen Fall tun können“, erklärt Joseph Ferrari, der sich als Professor für Psychologie an der DePaul University in Chicago, USA, mit chronischer Prokrastination beschäftigt. „Sich auf so jemanden zu verlassen ist schwer.“ Auf den ersten Blick scheinen Prokrastinierer vor allem Probleme mit ihrem Zeitmanagement zu haben, tatsächlich aber fehlt es ihnen an Motivation und der Fähigkeit zur sogenannten Selbstregulation. „ Sich zum Loslegen zu motivieren, ist eine ihrer größten Herausforderungen“, erklärt Pychyl. Angst und Unsicherheit können ebenfalls dazu führen, dass jemand eine Sache nur zögerlich anpackt.

Prokrastination ist ungesund: Wer sich immer wieder sagt, morgen sei auch noch Zeit für mehr Bewegung oder eine vernünftige Ernährung, erhöht möglicherweise sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und ein verschleppter Arztbesuch kann dazu führen, dass eine Krankheit schwer behandelbar wird. Fuschia Sirois lehrt Psychologie an der University of Sheffield in Großbritannien und hat die gesundheitlichen Folgen chronischer Aufschieberitis untersucht. „Wenn Sie zum Prokrastinieren neigen, vermeiden Sie bei Symptomen vielleicht den Gang zum Arzt. Die Angst vor der Diagnose führt dazu, dass Sie die Situation verdrängen anstatt sich mit ihr auseinanderzusetzen.“

Auch der Gedanke an Liegengebliebenes kann Stress verursachen. „Aufschieber sind doppelt gestresst. Zum einen, weil sie Dinge erst auf den letzten Drücker erledigen, und zum anderen, weil sie sich deshalb Vorwürfe machen“, sagt Sirois. „Studien weisen darauf hin, dass diese Art von Stress die Anfälligkeit gegenüber Erkältungen erhöht, außerdem Verdauungs- und Schlafstörungen sowie Migräne auslösen kann.“

Prokrastination im Beruf

Falls Sie berufliche Aufgaben oft erst auf den letzten Drücker erledigen, könnte es sein, dass Ihr Job Sie nicht ausfüllt. „Nach unseren Erfahrungen gibt es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Arbeitsumfeld und dem Hang zur Prokrastination, problematisch ist aber die Langeweile“, sagt Baran Metin von der Universität Utrecht. „Jemand, der wenig zu tun hat, fühlt sich schnell unterfordert. Er lässt sich leicht ablenken und seine Leistung sinkt.“

Das Alter spielt eine Rolle

Je älter man ist, desto seltener schiebt man wichtige Dinge auf die lange Bank. „Mit zunehmendem Alter wird den Menschen bewusst, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist. Das Bestreben wird damit größer, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen“, erklärt Professor Steel. Diese Erkenntnis kann dabei helfen, wichtige Ziele zu erreichen. „Es liegt an uns, das Leben zu organisieren und zu gestalten“, sagt Pychyl. „Wem klar ist, dass seine Zeit früher oder später ablaufen wird, neigt weniger dazu, sie zu verbummeln. Das heißt nicht, dass die Leute dann nie etwas aufschieben – aber wenn sie es tun, dann sind es eher Kleinigkeiten.“

Der innere Schweinehund

Mit diesen Tipps können Sie die Aufschieberitis bekämpfen:

Teilen Sie große Aufgaben in kleine auf. Für viele Menschen ist nicht die Tätigkeit an sich das Problem, sondern das Loslegen. Wenn Sie sich überwinden, einen Teil einer Aufgabe anzugehen – etwa Ihre Wanderschuhe anzuziehen oder eine E-Mail Ihres Chefs zu lesen – haben Sie den ersten Schritt geschafft. „Dies kann schon ausreichen, damit Sie den Rest der Aufgabe motiviert erledigen“, erklärt Tim Pychyl.

Ändern Sie Ihre Einstellung. Überlegen Sie, welche positiven Aspekte sich einer schwierigen Aufgabe abgewinnen lassen. Dann ist es leichter, sie in Angriff zu nehmen. In einer Studie neigten die Probanden eher zur Prokrastination, die aufgefordert wurden, eine „kognitive Einschätzung“ vorzunehmen, als jene, die ein „spannendes Rätsel“ lösen sollten.

Denken Sie an Ihr zukünftiges Ich. Haben Sie Angst vor dem Gang zum Arzt oder keine Lust auf Sport? Dann stellen Sie sich Ihr zukünftiges Ich vor, und zwar eines, das gesund und fit ist. „So können Sie Ihr Allgemeinbefinden verbessern und die Vorteile genießen, die damit verbunden sind“, verspricht Sirois.

Gönnen Sie sich eine Belohnung, wenn Sie eine unliebsame Aufgabe erledigt haben – aber nicht vorher. „Sie dürfen Ihre Lieblingsserie beispielsweise erst dann anschauen, wenn Sie das Geschirr in die Spülmaschine eingeräumt haben“, rät Professor Ferrari.

Freuen Sie sich über Teilerfolge. Teilen Sie Projekte in Etappen auf und dokumentieren Sie Ihren Fortschritt. Wenn Sie etwas abgearbeitet haben, dann dürfen Sie es von Ihrer Liste streichen. So verschaffen Sie sich Erfolgserlebnisse und bleiben motiviert.


Mehr zu diesem Thema

Aus der
aktuellen
Ausgabe

schlaf Familie & Leben

Schlafen ist lebensnotwendig. Ohne Schlaf überlebt der Mensch nicht sehr lange. Wer auch Dauer zu wenig schläft, wird schneller krank, altert früher und ist ...

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

schlaf Familie & Leben

Und wieso können sich einige an ihre Träum erinnern und andere nicht?

...mehr
Aus der
aktuellen
Ausgabe

wellness Diät & Ernährung

Ein heißer Tee bei kühlem Wetter erzeugt ein Gefühl von Wärme und Behaglichkeit. Auch nach dem Saunagang ist Tee ein ideales Getränk, um den ...

...mehr

 

RD Abbinder
RD Abbinder
RD Abbinder

Reader's Digest Österreich: Verlag Das Beste Ges.m.b.H. - Landstraßer Hauptstraße 71/2, A-1030 Wien