Die 1200 Jahre alte Eiche Chêne Chapelle im Ort Allouville-Bellefosse in der Normandie (Frankreich).
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Wenn Bäume sprechen könnten

Stille Zeugen der Zeit: Beeindruckende Bäume erzählen ihre Geschichte.

Ausgabe: Juni 2020 Autor: Diana Thomas

Für unsere Vorfahren, die einst in den Urwäldern lebten, stand fest: Bäume haben eine Seele. Erst heute begreifen wir, dass sie womöglich recht hatten. Denn Bäume, so sagen Wissenschaftler, kommunizieren über chemische Stoffe, Hormone, Duftstoffe und elektrische Signale. Sie können ihre Nachbarbäume mit Wasser und Zucker versorgen, selbst wenn diese gefällt wurden, und den Baumstumpf so am Leben erhalten. Doch was würden uns die Bäume erzählen, wenn wir sie verstehen könnten? 

 

Die Chêne Chapelle (Eichen-Kapelle)

Wo: Allouville-Bellefosse, Normandie, Frankreich

„Von allen französischen Eichen, ja, von allen französischen Bäumen, bin ich der älteste und weiseste. Manche Leute meinen, ich sei vor 1200 Jahren zu Zeiten Karls des Großen gepflanzt worden. Andere datieren mich zurück auf das Jahr 911. Manch unverschämter Wissenschaftler behauptet, ich sei nicht älter als 800 Jahre. Wenn ich ein Keimling von 800 Jahren wäre, könnte ich mich dann an Wilhelm den Eroberer erinnern, den Herzog der Normandie? 1035 war Wilhelm ein großer starker Bursche mit leuchtend roten Haaren. Es wird erzählt, er habe sich unter meinen Ästen zum Gebet niedergekniet. Pah! Der ungehobelte Rotschopf kam von der nahe gelegenen Schenke, den Bauch voll Bier, lehnte sich mit einer Hand an meinen Stamm, nestelte an seinen Beinkleidern … mehr zu sagen, geht gegen meine Ehre.

Eine noch größere Pein musste ich 650 Jahre später erleiden, als ich vom Blitz getroffen wurde. Wie die Axt eines Riesen spaltete mich der Blitz und höhlte meinen Stamm aus. Ich war halb tot. Dorfbewohner wollten mich schon fällen. Doch der Priester du Cerceau und der Abt du Détroit sagten Nein, es sei ein kleines Wunder, dass ich noch lebte. 1696 stellten sie auf meinen Stamm ein Bild der Muttergottes und bauten darüber eine Kapelle. Über eine Treppe, die an meinem Stamm befestigt ist, gelangt man in die Kirche. Diese Konstruktion fand ich, offen gestanden, würdelos und nicht sehr elegant. Zudem hätte sie mich in der Französischen Revolution 1789 fast das Leben gekostet. Eine Bande Aufständischer, die die Kirche hassten, zündete mich an. Doch zum Glück gebot ein Dorfbewohner Einhalt: ,Nein! Dieser Baum soll ein Tempel der Vernunft sein!‘ Das Feuer wurde gelöscht, ich war gerettet. Das Bild der Muttergottes und die Kapelle gibt es heute noch. Nur muss ich gestehen, dass ich inzwischen auf menschliche Hilfe angewiesen bin, denn meine Äste müssen abgestützt werden. Es heißt, ich hätte noch ein paar schöne Jahre vor mir – während alle Menschen, die mir jemals Leid zufügten, längst zu Staub zerfallen sind.“

 

 

Der Olivo del Mouchão (Olivenbaum)

Wo? Mouriscas, Portugal

„Ach, diese Eichen. Wir Olivenbäume sind bescheidener. Kein Kriegsschiff wurde je aus unserem Holz gebaut, kein Dach ruht auf Balken, die aus unseren Stämmen gezimmert sind. Dagegen haben allein unsere Früchte ganze Zivilisationen geprägt. Ich wurde vor mehr als 3350 Jahren gepflanzt, ein Datum, das Professor José Penetra Louzada von der Universität Trás-os-Montes und Alto Douro 2016 wissenschaftlich belegte.

Ihr Menschen, euer Leben dauert für mich nicht länger als das einer Eintagsfliege. In meiner Kindheit wandelte der Prophet Moses auf Erden, und Pharao Ramses II. regierte Ägypten. Ich war 900 Jahre alt, als Platon in Athen seine Studenten Philosophie lehrte, und zählte 1350 Jahre, als Jesus von Nazareth am Kreuz starb. In meiner Jugend waren die Menschen, die meine Früchte pflückten, in Tierhäute gehüllte Wilde. 700 Lenze zählte ich beim Bau der ersten Befestigungsanlage, aus der 125 Kilometer entfernt die Stadt Lissabon entstehen sollte. 500 Jahre später kamen die Römer. Doch ihr Reich ging unter, genauso wie das der Westgoten, die auf die Römer folgten.

Danach kamen die Araber. Die Herrschaft der Mauren währte mehr als 400 Jahre, bis die Christen die Halbinsel zurückeroberten. Doch was bedeuten mir schon die Menschen? Sie kommen und gehen, doch ich bleibe. Mein Stamm mag knorrig sein, meine Äste brüchig, aber ich trage noch Früchte und belohne jeden damit, der sie pflückt.“

 

 

Newtons Apfelbaum

Wo? Woolsthorpe Manor, Lincolnshire, Großbritannien

„Sie werden mir sicher zustimmen, dass die Entdeckung der Schwerkraft ein Meilenstein für unser Verständnis des Universums war. Diese Einsicht verdankt die Welt, wie kann es anders sein, einem Engländer, nämlich Sir Isaac Newton. Und durch welches Erlebnis gelangte er zu dieser Erkenntnis? Durch einen Apfel, der vom Baum fiel.

Meine Damen und Herren, ich kann es nicht leugnen, der besagte Apfelbaum war ich (s. Foto links, © istockfoto.com / TimAwe) . In jenem Augenblick tat ich mehr für den Fortschritt der Wissenschaft als jeder andere Baum. Es mag vor 360 Jahren gewesen sein, was für manche Bäume nur eine kurze Zeitspanne, für einen Apfelbaum aber verdammt lange ist. Isaac kannte ich von klein an, denn Woolsthorpe Manor, wo ich noch immer stehe, war sein Elternhaus. Er war ein außerordentlich schlauer Junge, der 1661 einen Platz an der Universität von Cambridge bekam. Vier Jahre später brach die Beulenpest aus, und alle Studenten wurden nach Hause geschickt. Das erklärt, warum er in meinem Obstgarten über den Kosmos sinnierte, als der schicksalhafte Apfel herunterfiel. So bin ich in die Geschichtsbücher eingegangen, und noch heute kommen Menschen aus aller Welt, um mich zu sehen. Unter den Historikern mag es zwar Pedanten geben, die meinen Anspruch auf Ruhm anzweifeln, aber ich bleibe dabei.“

 

 

Il Castagno dei Cento Cavalli (Kastanienbaum der hundert Pferde)

Wo? Ätna, Sizilien

„Als ich 1780 gemessen wurde – was bei meinem Alter von 4000 Jahren erst gestern war – hatte ich einen Umfang von 57,9 Metern. Das ist genug, um mir mit dem größten Stammumfang aller Zeiten einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde zu sichern. Nun gut, ich muss dazusagen, dass mein Körper eigentlich aus einem Ring von vielen einzelnen Baumstämmen besteht. In der Mitte stand im Laufe meines Lebens schon so manche Hütte. Aber jeder einzelne Stamm wächst aus derselben Wurzel. Sie alle zusammen bin ich - die älteste Kastanie der Welt.

Wie ich zu meinem Namen kam? Das ist eine wunderbare Geschichte, in der Königin Giovanna (Johanna) die Heldin ist. Sie war die Tochter von König Johann II. von Aragon und Gemahlin von Ferdinand I., dem König von Neapel. Zur Hochzeit mit Ferdinand erhielt sie von ihrem Vater eine Aussteuer von 100.000 Goldmünzen. Als Giovanna 1485 eine Reise durch Süditalien und Sizilien antrat, um die Untertanen in ihrer treuen Ergebenheit zu ihrem König zu bestärken, wurde sie von einer Gefolgschaft von 100 Rittern auf stattlichen Pferden begleitet. Die sollte sie beschützen und gleichzeitig die Bevölkerung beeindrucken. Ihr Weg führte sie an die Hänge des Ätna, wo ich wachse.

Königin Giovanna wollte zum Gipfel des Vulkans. Doch auf dem Weg dorthin gab es einen schrecklichen Sturm. Meine vielen Äste sind so ausladend, dass die Königin und alle ihre Ritter darunter Schutz fanden. Hofsänger besangen diesen Tag in Balladen, Dichter verfassten darüber Verse, und so kam ich zu meinem Namen. Doch das war nur einer von mehr als 1.460.000 Tagen.“

 

 

Old Tjikko (Gemeine Fichte)

Wo? Nationalpark Fulufjället, Schweden

9570 Jahre: So lange lebe ich bereits auf Erden. Fast zehn Jahrtausende – und doch kann man mich leicht übersehen. Alles, was ich der oberirdischen Welt zeige, ist ein Klonbäumchen von kaum fünf Metern. Nur einer der Schösslinge, die ich alle 600 Jahre hinaus in die Sonne schicke. In meinen Augen ist das jedoch bereits ein beachtlicher Baum. Mein Freund aus Italien kann auf seinem Vulkan am Meer dicke, hohe Stämme hervorbringen. Hier im kalten Fulugebirge des Nordens war ich bisweilen nicht mehr als ein Busch. Warum erfahren Sie gerade jetzt von mir? Weil mich schwedische Wissenschaftler aus Umeå 2004 entdeckten. Einer von ihnen nannte mich nach seinem Hund Tjikko. Würde ich etwas darauf geben, was Menschen denken, wäre ich beleidigt.

Aber was wisst ihr schon über uns Bäume? Ihr seht unsere Stämme, Äste und Blätter. Doch diese sind ebenso wenig unser eigentliches Wesen wie eure Arme, Beine oder Kleider euer Wesen ausmachen. Unsere Seelen sind in unseren Wurzeln. In meiner Nähe wachsen 20 weitere Fichten, die alle beinahe so alt sind wie ich. Unsere Freundschaften und Rivalitäten begannen, als die Eiszeit sich endlich aus unserem Gebirge zurückzog. Aber jetzt, da ihr Menschen dafür sorgt, dass die Temperaturen so stark ansteigen, wer weiß, wie lange es uns noch gibt? Denkt mal darüber nach.“

 

 


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