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Aus heiterem Himmel
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Aus heiterem Himmel

An einem Sonntagnachmittag attackiert ein Kampfhund zwei Mädchen. Ein Kampf um Leben und Tod beginnt…

Ausgabe: April 2016 Autor: Lisa Fitterman

"Papa, dürfen wir rausgehen und spielen?"

Ahmed Dallali öffnet ein Auge. Vor ihm stehen seine beiden Töchter, pinkfarbene Rollschuhe in der Hand, und schauen ihn erwartungsvoll an. Chayma, 14, ist groß, schlaksig und gleichzeitig anmutig. Siham, drei Jahre jünger, dunkler Pferdeschwanz und verschmitzt grinsend, ist eher zierlich gebaut.

"Bitte, bitte", bettelt Siham.

Es ist Sonntag, der 5. Oktober 2014. Kein Lüftchen weht, es ist heiß. Nicht einmal auf dem Hügel in Mare au Clerc, einem Arbeiterviertel im französischen Le Havre, wo das Haus der Dallalis steht. Drinnen ist es still, nur aus der Küche hört man Dallalis Frau. Sie räumt die Reste des Festmahls weg. Muslime in aller Welt feiern das islamische Opferfest und ehren Abraham, der bereit war, seinen Sohn Isaak für Gott zu opfern. Im oberen Stockwerk sitzt der 17-jährige Sohn Bilal an seinem Computer.

Ahmed Dallali schaut auf die Uhr: Es ist fünf Minuten nach 15 Uhr. "Na los, raus mit euch."

Dann schließt der 59-Jährige wieder die Augen, um sich auszuruhen nach einer langen harten Woche auf dem Bau. Erst vor fünf Monaten ist die Familie aus einer engen Wohnung hierher gezogen: Das zweistöckige Haus mit Garten liegt am Ende einer ruhigen Sackgasse. Die Miete ist zwar höher, aber es gefällt ihnen hier sehr: die verschlafene Straße, die Rosen, die Dächer mit Terrakottaziegeln. Und es ist ein frei stehendes Haus. "Hier können die Kinder ohne Angst spielen", waren sich die Eltern einig.

Lachend laufen die Mädchen zur Vordertür hinaus und setzen sich auf den Asphalt, um die Rollschuhe anzuziehen. Chayma fühlt sich sicherer als ihre Schwester und wackelt nur ein klein wenig, während sie die Straße hinabrollt. Siham ist vorsichtiger und macht erst ein paar kleine Schritte. Ein Mädchen aus einem der Nachbarhäuser schließt sich ihnen an.

"Siham", ruft Chayma ihrer kleinen Schwester zu, "das machst du gut!"

Die Luft ist erfüllt von den Stimmen der Mädchen. Plötzlich durchbricht ein Schrei das Lachen. Dann sieht die Elfjährige etwas auf sich zurasen – einen Hund, ein braunes Muskelpaket mit kräftigen Stummelbeinen. In seinem aufgerissenen Maul kann Siham scharfe Zähne erkennen, die Spitzen rot, wie von Blut verschmiert.

Sie versucht zu wenden, kann aber kaum das Gleichgewicht halten. Ihre Beine gehorchen nicht mehr. Knurrend kauert sich der Hund vor Siham hin. Dann springt er dem Mädchen gegen die Brust und wirft es zu Boden.

"Siham!", kreischt ihre Schwester. "Verschwinde!"

Chayma versucht, den Hund wegzuzerren, aber er ist viel zu stark und schnappt nach ihrem Arm, bevor er sich wieder Siham zuwendet. Der Vierbeiner rammt seine Zähne in ihren Hals, dann in den linken Arm und in den rechten Oberschenkel, immer wieder. Schließlich verdreht Siham die Augen, ihr Kopf kippt zur Seite und ihr Körper erschlafft.

Ein hämmern gegen die Tür lässt Dallali aus dem Schlaf hochschrecken. Er hat höchstens eine Viertelstunde geschlafen. "Was ist denn?", murmelt er. Barfüßig schlurft der 59-Jährige zur Tür. Dort steht das Mädchen aus der Nachbarschaft, mit dem seine Töchter gespielt haben, und weint.

"Monsieur Dallali, die Mädchen ... Sie müssen sofort kommen", bringt es heraus und schnappt nach Luft.

Ohne Schuhe rennt er los, dicht gefolgt von seinem Sohn Bilal, der den Lärm auch gehört hat.

Vor dem Haus auf dem Gehweg sieht Ahmed Dallali seine Tochter Siham auf dem Bauch liegen, blutend und regungslos.

"Siham!", ruft er seine Tochter, aber sie rührt sich nicht. Wut, Furcht und Verzweiflung steigen in ihm hoch. Siham ist doch sein schüchternes kleines Mädchen, dessen dunkle Augen immer so leuchten, wenn sie sich freut. Sie darf nicht tot sein!

Alles scheint wie in Zeitlupe abzulaufen, dennoch spürt der 59-Jährige, dass er schnell handeln muss, also wendet er seinen Blick weg von Siham. Tatsächlich sind erst wenige Sekunden vergangen.

"Papa!", brüllt Bilal.

Dallali sieht den Hund – einen American Staffordshire, wird er später erfahren. Die Haltung dieser Hunderasse unterliegt in Frankreich strengen Auflagen, in anderen europäischen Ländern sind sie sogar verboten. Später erfährt Dallali, dass der Hund an diesem Tag schon einmal auffällig geworden ist: Kurz zuvor war er einige Straßen weiter in einen Garten eingedrungen und hatte ein neunjähriges Mädchen gebissen.

Nachdem der Hund endlich von Siham abgelassen hat, wendet er sich Chayma zu. Sie sollte wegrennen, doch die Angst lähmt sie. Das Haus scheint zu weit entfernt zu sein. Da fällt die Bestie schon über die 14-Jährige her und versenkt ihre scharfen Zähne in Chaymas Unterarm. Sie wehrt sich mit all ihrer Kraft und kämpft um ihr Leben.

"Ich muss ihn abschütteln", denkt sie, dann sieht sie ihren Vater.

Dallalis Welt besteht in diesem Augenblick nur aus drei Lebewesen – seiner Tochter Chayma, ihm selbst und dem American Staffordshire mit den angelegten Ohren.

Ohne nachzudenken stürzt er sich auf den Hund, greift ihn mit bloßen Händen und Füßen an, schlägt ihn, tritt ihn. Seine einziger Gedanke lautet: sein Kind zu retten, ganz gleich, um welchen Preis.

Er registriert nicht, dass sein Nachbar Jean-Luc Fouineau nach draußen gestürzt ist und den Hund anbrüllt. Er bemerkt auch nicht, dass Fouineaus Sohn auf dem Deckel eines Mülleimers herumspringt, um das Tier in die Flucht zu schlagen.

Adrenalin strömt durch den Körper des 59-Jährigen. Dallali hat keine Angst, er ist sogar bereit zu sterben.

Da springt der Hund ihn an, will ihm an die Gurgel gehen. Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Bilal auf. Er hat sich von hinten angeschlichen und packt den Hund am Halsband. Der Hund windet sich und beißt wild um sich. Dann reißt er sich auf einmal los. Vielleicht haben ihn der Lärm, die Schläge und Tritte eingeschüchtert.

Chayma kommt mühsam auf die Füße und schleppt sich in Richtung Zuhause, während sie still weint.

Schwer atmend starren sich Vater und Sohn an. Es sind gerade einmal drei, vier Minuten vergangen. Sie blicken sich um und sehen Blutflecken an der Stelle, wo Siham gelegen hatte. Wo ist sie?

"Bitte, lass sie am Leben sein", hofft der Vater.

Die beiden Männer rufen abwechselnd die Namen der Mädchen, während sie zum Haus rennen.

Während ihr Mann mit dem Hund gekämpft hat, ist Dallalis Frau Sandrine aus dem Haus gerannt. Sie sieht, dass Siham sich bewegt und versucht, auf die Beine zu kommen. Die Mutter rennt über die Straße und achtet darauf, den Hund nicht auf sich aufmerksam zu machen. Sie nimmt ihre Tochter in die Arme und presst den Kopf der Kleinen an ihre Brust.

"Sieh nicht hin", murmelt sie.

Als sie wieder im Haus ist, beginnt Siham zu zittern. Ihre Mutter legt sie auf die Bank im Esszimmer. Fouineaus Frau hat inzwischen den Notruf gewählt. Der Hund hat Siham furchtbar zugerichtet, er hat Bindegewebe und Muskeln in ihrem linken Bizeps und der rechten Hüfte durchbissen, an ihrem Hals klaffen tiefe Wunden.

In diesem Moment kommt Chayma ins Haus getaumelt. Sie hält ihren blutverschmierten Unterarm vor die Brust und sackt auf einem Stuhl zusammen. Sie atmet so heftig, dass sie kein Wort herausbringt. Ihre dunklen Augen sind vom Schrecken erfüllt.

"Der Krankenwagen ist gleich hier", sagt ihre Mutter.

Laut fällt die Tür ins Schloss, als Vater und Sohn hereinkommen. Dallali ist außer sich vor Wut: "Wie kann man nur so einen Hund halten?"

Als die Sanitäter eintreffen, stabilisieren sie zuerst die Mädchen. Anschließend bringen sie die Kinder ins Krankenhaus. Siham muss unter Narkose mit 27 Stichen genäht werden, einige reichen bis tief in die Muskeln. Nachdem man Chaymas Blutungen gestillt hat, muss auch sie operiert und genäht werden.

Inzwischen ist ein Jahr vergangen, aber für Dallalis Töchter ist der Vorfall längst nicht vergessen. Wegen eines unverantwortlichen Hundehalters sind sie ihr Leben lang von Narben gezeichnet. Die Rollschuhe liegen seitdem unbenutzt in der Ecke, und wenn man die beiden Mädchen nach diesen Minuten fragt, kichern sie nervös. Sie haben noch immer Albträume davon und fürchten sich, wenn sie vor die Tür gehen.

Aber sie haben auch etwas gelernt – sie sind ˆberlebenskünstler.

"Wenn ich groß bin, will ich Tierärztin werden", sagt Siham.

Chayma dagegen ist pragmatischer: "Ich habe jetzt Lust auf ein Eis."

Der Hundebesitzer ist im November 2015 zu einer 15-monatigen Bewährungsstrafe sowie einer Geldstrafe von mehreren 1000 Euro verurteilt worden.


 

RD Abbinder
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