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Lebendig begraben
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Lebendig begraben

Nach tagelangen Regenfällen zerstört ein Erdrutsch ein Haus. Zwei Familien kämpfen ums Überleben.

Ausgabe: Juli 2014 Autor: Nick Heil

An einem Mittwochabend im vergangenen September standen Michelle Grainger und ihr Mann Steve Le Goff im strömenden Regen vor ihrem Haus. Das zweistöckige viktorianische Gebäude war eines der wenigen historischen Bauwerke im Örtchen Salina im US-Bundesstaat Colorado. Sie fragten sich, ob der Sturm wohl noch schlimmer werden würde. Seit drei Tagen regnete es unablässig, und der Gold Run Creek hatte sich in einen reißenden Strom verwandelt..

"Ich glaube, das Wasser wird in die Garage fließen", sagte Le Goff, 51. Dennoch ging das Paar davon aus, dass es auf den steigenden Wasserpegel gut vorbereitet war. Seit 2010 bei einem Waldbrand im Four Mile Canyon die meisten Bäume und ein Großteil der Vegetation in den Gebirgsausläufern rund um Salina den Flammen zum Opfer gefallen waren, hatten die Behörden vor einer möglichen ˆberschwemmung mit katastrophalen Ausmaßen gewarnt.

Le Goff und Grainger, 52, hatten sich die Warnungen zu Herzen genommen und 2000 Sandsäcke um ihr Grundstück herum aufgestapelt. Außerdem hatten sie Notleinen entlang des Wanderpfades gespannt, der sich den steilen Hügel direkt hinter ihrem Haus hinaufwand, für den Fall, dass sie ihr Zuhause nachts verlassen mussten. Ihre Rucksäcke waren gefüllt mit Vorräten. Im Notfall bräuchten sie nur ihren beiden Hunden Lucy und Kayla das Geschirr anzulegen und ihre beiden Katzen, Izzie und Sophie, in Tragetaschen zu setzen, und schon könnten sie höher gelegenes Gelände erklimmen.

Am Mittwochabend forderten die Behörden die Einwohner auf, genau das zu tun. Einige Abschnitte der einzigen Straße in der schmalen Schlucht standen bereits unter Wasser. Für Einwohner, die mit dem Auto entkommen wollten, wäre dies vermutlich die letzte Gelegenheit.

Doch Le Goff und Grainger beschlossen zu bleiben. Sie hatten schon früher ˆberschwemmungen im Tal miterlebt und dachten, sie würden auch diesen Sturm heil überstehen. Es war eine Sache, alles für eine Evakuierung vorzubereiten, aber eine ganze andere, ihr gesamtes Hab und Gut zurückzulassen.

Gleichwohl sorgten sie sich wegen ihrer Nachbarn. Direkt gegenüber wollte Russell Brockway, ein 87-jähriger Rentner, ebenfalls in seiner knapp 30 Quadratmeter großen Holzhütte bleiben. Das galt auch für Kay Cook und Doug Burger, zwei Dozenten im Ruhestand. Die beiden waren Mitte 70 und wohnten ein Stück die Straße hinauf. Gleich nebenan lebten Eric Stevens, 48, und Michelle Wieber, 50, mit ihren Söhnen Colton und Caleb. Jahrelang hatten sie ihr Holzhaus aus dem Jahr 1875 restauriert und wollten es nun nicht ohne Weiteres verlassen.

Am frühen Nachmittag stand der Damm aus Sandsäcken unter Wasser. Die Flut riss Baumstämme und kühlschrankgroße Felsbrocken mit sich, die die Ablaufkanäle verstopften. Über den tosenden Lärm hinweg konnten sich Le Goff und Grainger kaum verständigen. Einmal gingen sie nach draußen und versuchten, den Hügel hinauf zum Haus von Cook zu gelangen, doch die Strömung schnitt ihnen den Weg ab.

Nur knapp 800 Meter die Straße hinauf saß Brett Gibson, Leiter der Feuerwehr der Region Four Mile, in der kleinen Feuerwache von Salina und telefonierte mit der Notfallzentrale in Boulder. Im Laufe des Tages war Gibson klar geworden, dass dies kein normaler Sturm war. ˆberschwemmungen waren nichts Ungewöhnliches in der Bergkette der Colorado Front Range, doch schlechtes Wetter zog meist innerhalb weniger Stunden vorüber. Diese Front hielt sich aber hartnäckig direkt über der Region.

Gegen 22 Uhr erhielt Gibson einen Anruf von der Notfallzentrale. "Das ist ein echter Sch...", erklärte der Angestellte. "Heute Nacht wird es richtig, richtig mies.".

"Meistens läuft die Kommunikation mit der Zentrale sehr förmlich ab", erläuterte Gibson später. "Wenn sie dort also anfangen, Schimpfwörter zu gebrauchen, dann weiß ich, dass uns ernsthafte Schwierigkeiten ins Haus stehen." Sofort gab Gibson die höchste Warnstufe an die Anwohner aus: "Begeben Sie sich umgehend auf höheres Terrain. Es besteht Gefahr für Leben und Eigentum. Alle Einwohner sollten ihre Häuser räumen.".

Dennoch blieben Le Goff und Grainger, wo sie waren. Als sie am frühen Donnerstagmorgen aus dem Haus traten, schien der Sturm nachzulassen. Der Wasserpegel des tosenden Bachs war leicht zurückgegangen. Erleichtert stellten sie fest, dass ihre Garage unversehrt geblieben war, obwohl Ablaufkanäle und Brücken zerstört worden waren.

Der Strom war ausgefallen, und über den ohrenbetäubenden Lärm hinweg war eine Verständigung immer noch schwierig. Le Goff und Grainger gingen zu Stevens und Wieber, wo die Familien gemeinsam einen Plan schmiedeten. Im schlimmsten Fall würden sie alle sechs im Gästehaus Schutz suchen, das im Wald rund sechs Meter oberhalb des Haupthauses stand. Keiner glaubte, dass die Flut bis in diese Höhe vordringen würde.

Beruhigt kehrten Le Goff und Grainger nach Hause zurück und machten es sich mit ihren Hunden und Katzen gemütlich. Draußen prasselte der Regen unablässig herab.

In der Feuerwache bekam Gibson gegen 8.30 Uhr bei einem Telefonat mit der Zentrale die Information, dass die Wetterbesserung nur vorübergehend sei. "Alle Daten wiesen darauf hin, dass es am Donnerstag noch schlimmer werden würde", so Gibson. Selbst der amtliche Wetterdienst, der in seinen Ansagen kaum je von nüchternen Fakten abwich, beschrieb die Regenfälle als "biblisch".

Gibson arbeitete fieberhaft daran, die Rettungsmaßnahmen zu koordinieren. Doch inzwischen war das ganze Ausmaß der Katastrophe klar: Die ˆberschwemmung erstreckte sich über 14 Bezirke. Im Boulder County, dem am schlimmsten betroffenen Bezirk, rief Sheriff Joe Pelle den Notstand aus. Er richtete eine Notfallzentrale am Flughafen ein und forderte Hilfe an: zwei Helikopter, Wildwasser-Rettungsmannschaften sowie Suchkräfte.

Russell Brockway, der rüstige Nachbar von Le Goff und Grainger, hatte die Nacht in einem kleinen Klohäuschen ausgeharrt, das rund zehn Meter oberhalb seiner Hütte auf dem Hügel thronte. Am Morgen trafen Rettungskräfte ein, um einige der Einwohner von Salina zu evakuieren, darunter auch den Rentner.

Am späten Donnerstagvormittag wurde der Regen wieder heftiger, und der Gold Run Creek schwoll noch stärker an. Eine Wand aus Wasser, Schlamm und Treibgut wälzte sich durch die Schlucht und riss Propangastanks aus ihren Verankerungen. Die Behälter wirbelten mit ohrenbetäubendem Zischen umher und füllten die Schlucht mit übelriechendem weißen Dampf. Hundertjährige Bäume knickten um wie Zahnstocher.

Weiter flussabwärts setzten Le Goff und Grainger sowie Stevens, Wieber und die Jungs ihren Notfallplan in die Tat um: Sie suchten Zuflucht im Gästehaus. Die beiden Familien drängten sich an jenem Abend mit einer weiteren Nachbarin, Gurpreet Gil, und ihrer Kaund Wieber kletterten in das schmiedeeiserne Bett auf der Rückseite des Bungalows. Die Kinder gingen nach oben auf den kleinen ausgebauten Dachboden. Am nächsten Morgen wollte sich die Gruppe über den langen, steilen Pfad hinauf zum Berggrat aufmachen, um Hilfe zu suchen.

Le Goff und Grainger machten es sich auf dem Fußboden bequem, ihre Tiere neben sich. Grainger behielt zum Schlafen vorsichtshalber ihre Wanderschuhe und ihren Parka an. Gil war zu ängstlich, um zu schlafen. Sie blieb in der Tür zwischen der Küche und dem Wohnzimmer stehen und beobachtete das Wetter.

Etwa um Mitternacht hörte Le Goff "dreimal lautes Krachen" und schreckte hoch. Eine gewaltige Schlammlawine hatte die Rückwand des Bungalows eingedrückt und wälzte sich in das Schlafzimmer, in dem Stevens und seine Frau schliefen. Le Goff hörte Schreie, doch er konnte nicht feststellen, woher sie kamen.

Der Schlamm und das Wasser stießen eine Innenwand um. Die Masse riss Le Goff mit sich und spülte ihn zur Vorderseite des Hauses. Er presste seine Füße zu beiden Seiten gegen den Rahmen der Eingangstür und hielt sich fest, während sich unter ihm Schlamm, Wasser, Geröll und Holzstücke auftürmten. Dann schob die Schlammlawine Grainger und Gil mit den fünf Tieren quer durch das Wohnzimmer. Geröll und Treibgut stauten sich im Raum, bis sie schließlich durch die vordere Hauswand barsten. Die Tiere waren verschwunden. Offenbar unverletzt stand Gil in der Küche. Die Jungs waren die Treppe vom Dachboden heruntergerannt und riefen nach ihren Eltern.

Noch immer strömten Wasser und Schlamm in das Haus. Le Goff wurde klar, dass es keine Abflussmöglichkeit gab. Er trat gegen die Vordertür, bis sie aufbrach und sich ein Teil des Schlamms einen Weg ins Freie bahnen konnte. Er begann, mit den Händen den Dreck wegzuschaufeln, in dem seine Frau feststeckte. Sie war bis zur Brust im Schlamm begraben. "Ich will so nicht sterben!", schrie Grainger.

"Du wirst nicht sterben", schrie Le Goff zurück. Doch Schlamm und Geröll lagen wie nasser Zement um die Felsbrocken. Schließlich gelang es ihm, den Oberkörper seiner Frau zu befreien. Da bemerkte er das Bein eines Hundes, das aus dem Schlamm ragte. Er grub und befreite Kayla, dann gab er den Hund seiner Frau und grub weiter, um sie zu befreien. Spontan legte sie ihren Mund auf Kaylas Schnauze und blies Luft in die Lungen des Tiers. Noch einmal, immer wieder. Kayla öffnete die Augen. "Sie lebt!", schrie Grainger.

"O.k. Hilf mir graben", erwiderte Le Goff. Grainger legte Kayla ab und begann, den Schlamm um ihre Beine wegzuschaufeln. Als sie endlich frei war, sah sie sich nach Kayla um, aber der Hund war verschwunden.

Im Schlafzimmer war Stevens bis zum Hals im Schlamm eingeschlossen. Wasser floss über ihn hinweg. Wieber hielt seinen Kopf hoch, damit er nicht ertrank, und rief nach den anderen. Diese eilten herbei und versuchten, den Mann aus seiner Lage zu befreien, was ihnen jedoch mangels geeignetem Werkzeug nicht gelang.

Weil sie fürchtete, dass das Gebäude komplett einstürzen könnte, brachte Grainger die Söhne von Stevens und Wieber zum Haus von Gil. Sie musste ein Fenster einschlagen, um hineinzukommen. Gil gelang es, die Notrufnummer anzurufen. Doch ihr wurde gesagt, dass sie vor Tagesanbruch niemanden erreichen konnte.

In der Einsatzzentrale von Gold Hill erhielt Brett Gibson Informationen über die Schlammlawine, aber er konnte nichts tun. "Das war eine der schlimmsten Nächte, die ich je erlebt habe", erinnert er sich. "Diese Leute sind meine Freunde. Aber es wäre Selbstmord gewesen, ein Rettungsteam diesen Bedingungen auszusetzen.".

Michelle Grainger rannte den Weg hinter ihrem Haus hinauf zum Haus eines Nachbarn, in dem andere Einwohner von Salina Zuflucht gesucht hatten. Unterwegs tauchte plötzlich Kayla wieder auf und dann, wunderbarerweise, Lucy, zwar schlammbedeckt, aber lebendig.

Grainger berichtete ihren Nachbarn von der verzweifelten Lage weiter unten. Ein Mann ging mit ihr zurück zum Bungalow, um Stevens aus dem Schlamm zu graben. Drei Stunden später gelang es den Rettern endlich, ihn zu befreien. Schließlich humpelten die Überlebenden zum Haus der Nachbarn. Später erfuhr Grainger, dass sie sich zwei Rippen gebrochen und eine Quetschfraktur im Rücken zugezogen hatte.

Zwischen Mittwoch und Donnerstagnacht fielen in und um Salina knapp 23 Zentimeter Regen – das Doppelte des bisherigen Rekordwerts. Insgesamt verursachten die Überschwemmungen und Schlammlawinen Schäden in Milliardenhöhe und forderten acht Todesopfer, erstaunlicherweise aber keines in Salina. Am Freitagmorgen, als der Sturm endlich nachließ, rückten die Rettungskräfte aus.

Le Goff und Grainger gingen zurück zu ihrem Haus, das das Schlimmste überstanden hatte. Dreck und Schlick bedeckten ihre Garage, aber ihre Vorkehrungen hatten sich ausgezahlt. Als sie das Gästehaus in Augenschein nahmen, in dem sie in der Nacht zuvor beinahe ihr Leben verloren hatten, fanden sie Sophie mit gebrochenem Bein unter einem Haufen Gartenmöbel. Nur Izzie war noch verschwunden.

Am nächsten Tag sollten sie zusammen mit den anderen Einwohnern von Salina nach Boulder geflogen werden. Vor der Abreise unternahmen Grainger und Le Goff noch einen letzten Versuch, Izzie zu finden. Als sie durch den Wald hinter dem Gästehaus streiften, hörten sie ein leisen Miauen. Sie riefen nach Izzie, und das Miauen wurde lauter. Schließlich schoss die Katze aus dem Wald und sprang in Graingers Arme.

Ein paar Stunden später ging das Paar zu einer Lichtung, auf der ein Hubschrauber der Armee wartete. Als alle an Bord waren, hob der Helikopter ab. Zwischen Wolkenfetzen war zum ersten Mal seit über einer Woche wieder blauer Himmel zu sehen.


 

RD Abbinder
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