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Benedikt Obertreis
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Ohne Benedikts Hilfe wäre der Junge (2) erstickt
Tödlicher Rauch in einer brennenden Wohnung. Darin eingeschlossen ein Kind (2) und seine Mutter.
Ausgabe: März 2016 Autor: Ariane Heimbach

Eigentlich sollte Benedikt Obertreis (27) an diesem kalten Dezembermorgen 2013 überhaupt nicht zu Hause sein, sondern als Matrose auf See. Doch zwei Tage zuvor starb sein Vater. Deshalb ist Obertreis in Meldorf, einer Kleinstadt nördlich von Hamburg. Die Familie hat das Wochenende am Totenbett verbracht. Am Montag um neun Uhr soll der Bestatter kommen, um den Vater abzuholen.

Um 8.30 Uhr sitzt Obertreis auf dem Sofa in der Diele. Er ist bedrückt, der Abschied vom Vater fällt ihm schwer. Plötzlich hört er seine Schwester rufen: "Es brennt!"

Ein Brand im Nachbarhaus - ein Kind ist noch drin!

"Ich dachte natürlich, dass es im Zimmer meines Vaters brennt, wir hatten ja Kerzen um sein Bett gestellt", sagt der 27-Jährige. Doch dann sieht er, dass seine Schwester nach draußen gelaufen ist. Er eilt ihr nach, über die gepflasterte Gasse in den Hinterhof eines der gegenüberliegenden Häuser.

Obertreis bietet sich ein erschreckendes Bild: Eine junge Frau steht im geöffneten Dachfenster, hinter ihr quillt dichter Rauch ins Freie. Laut ruft sie um Hilfe. Als sie die Geschwister sieht, beginnt sie zu schreien: "Mein Kind ist noch unten!" Immer wieder, erinnert sich Obertreis, ruft sie diesen einen Satz.

Benedikt Obertreis hört die Schreie des zweijährigen Jungen

"Da habe ich auch schon die Schreie des Jungen aus dem Erdgeschoss gehört", erzählt Obertreis. Er kann das Feuer nicht sehen. Aber er spürt die Hitze. Wie der Brand entstand, ist bis heute nicht geklärt. Auf jeden Fall befand sich die Mutter oben im Schlafzimmer, als das Feuer ausbrach, ihr zweijähriger Sohn war allein im Erdgeschoss. Obertreis rüttelt an der Tür, die auf den Hinterhof hinausgeht. Sie ist verschlossen. Durch das Fenster der Tür ist nichts zu erkennen, so dicht ist der schwarze Rauch.

Der gelernte Schiffsmechaniker weiß, was das bedeutet. Bei seiner Ausbildung hat er auch an einem Brandschutztraining teilgenommen. Er weiß, dass der Rauch im Moment die größte Gefahr für das Kind ist. Wenige Atemzüge von dem hochgiftigen Gemisch genügen, damit ein Mensch das Bewusstsein verliert – und bald darauf stirbt. "Da der Junge jedoch schrie, musste er noch genug Sauerstoff haben", erzählt Obertreis. "Ich nahm an, dass er auf dem Boden unterhalb der Rauchgrenze saß."

Benedikt schlägt mit einem Ziegelstein das Türglas ein

Der 27-Jährige greift nach einem Ziegelstein, der im Hof liegt, und schlägt ihn mit beiden Händen gegen das Türfenster. "Ich hatte Angst, dass mir der Stein aus der Hand fliegt und womöglich den Jungen trifft", erinnert er sich. Doch das Glas gibt nicht nach. Mehrmals muss Obertreis mit voller Wucht zuschlagen, bis es endlich zersplittert. Den Stein kann er dabei nicht festhalten, er fliegt durch die Scheibe hinein.

Der Junge sitzt auf dem Boden - er trägt nur einen Schlafanzug

Zum Glück steckt der Schlüssel von innen im Schloss. Obertreis greift durch das Loch und dreht ihn um. Dann duckt er sich und öffnet vorsichtig die Tür. Er weiß, durch die plötzliche Sauerstoffzufuhr kann eine Stichflamme entstehen. "Der Junge saß nur einen Meter von der Tür entfernt. Der Stein war über ihn hinweggeflogen. Er hatte lediglich einen kleinen Kratzer von einem Glassplitter auf der Stirn", erzählt der Retter. "Der herabsinkende Rauch war nur noch etwa zehn Zentimeter von seinem Kopf entfernt." Obertreis beugt sich vor und hebt das Kind, das nur einen Schlafanzug trägt, auf seinen Arm und ins Freie. Seine Schwester bringt den Jungen zu sich nach Hause.

Nun bringt Benedikt die schockstarre Mutter des Jungen ins Freie

Das alles hat höchstens zwei Minuten gedauert. Die freiwillige Feuerwehr ist benachrichtigt, aber noch ist nichts von ihr zu sehen. Obertreis wendet sich der Mutter im Dachfenster zu. "Kletter raus und rutsch das Dach hinunter. Ich fang dich auf", ruft er ihr zu. Die Dachkante ist keine drei Meter vom Boden entfernt. Doch die junge Frau traut sich nicht. "Sie war ganz starr und stand wohl unter Schock", erinnert sich Obertreis. Selbst als eine eilig herbeigeholte Leiter bis zum Dachfenster reicht, rührt sie sich nicht. "Ich musste zu ihr hinaufklettern", sagt Obertreis. In diesem Moment ruft eine Nachbarin: "Ben, pass auf, da ist eine Gasheizung in der Wohnung."

"Kurz hatte ich Bilder von einer Explosion im Kopf und wie mir alles um die Ohren fliegt", beschreibt Obertreis die Angst, die in ihm aufflackert. "Doch dann habe ich nur noch gedacht: jetzt aber schnell."

Kaum sind beide wieder im Hof, explodiert die Gasheizung

Oben angekommen zieht er die Frau aus dem Fenster auf die Leiter. Die Leiter hinunter schafft sie es allein. Kaum sind die beiden im Hof angekommen, knallt es auf der anderen Seite der Wohnung laut. "Die Fenster waren geplatzt. Flammen loderten heraus bis über das Dach", erzählt Obertreis.

Der Feuerwehrmann sagt zu ihm: Nur eine Minute später und der Junge wäre erstickt

Feuerwehr, Polizei und Rettungssanitäter treffen ein. Die junge Frau und ihr Kind sind zwar verstört, haben jedoch keinen körperlichen Schaden erlitten. Einer der Polizisten lobt Obertreis: "Das war eine gute Aktion, aber gefährlich." Später wird ein Feuerwehrmann ihm sagen, dass der Junge, den er gerettet hat, wohl nur noch eine Minute gehabt hätte, dann wäre er im Rauch erstickt.

 

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