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Ein Engel in der Kleidersammlung
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Ein Engel in der Kleidersammlung

Bei Sabine Strobel erhalten Bedürftige Kleidung und erleben Solidarität.

Ausgabe: September 2017 Autor: Isabel Jan-Hess

Die Tramstation Trèfle blanc im Genfer Vor­ort Lancy liegt neben einem Autobahnknotenpunkt mitten in einer Hochhaussiedlung, die wenig Wärme ausstrahlt. Versteckt hinter einer immergrünen Hecke stehen die Ladencontainer der Kleiderhilfe, die vom Hilfswerk Centre Social Protestant (CSP) und der Caritas Genf betrieben wird. Die Welt, die sich hinter der Eingangstür öffnet, ist anders als erwartet. Nichts erinnert an die vollgestopften Fundgruben und muffigen Kleiderstuben der 1970er-Jahre. Alles ist liebevoll arrangiert und präsentiert, fast wie in einer schicken Boutique.

Viele Menschen kommen mehrmals im Jahr vorbei

„Es ist gerade etwas ruhiger, am Donnerstag kommen nicht so viele Leute. Da kann ich Ihnen alles zeigen“, sagt Sabine Strobel, die für die Kinderabteilung verantwortlich ist. „Am Mittwoch kommen viele Familien, dann ist es im Warteraum ziemlich turbulent.“ Viele Bezüger kommen mehrmals im Jahr, um sich mit Kleidung einzudecken. In Genf sind das mehr als 5700 Personen, Schweizer wie Ausländer, die sich vorübergehend oder dauerhaft in einer finanziell schwierigen Situation befinden. Sie alle werden von den Genfer Sozialeinrichtungen an die Kleiderhilfe verwiesen.

„Familien mit Kindern kommen etwa alle drei Monate“, sagt Strobel

Jede Familie darf nur eine beschränkte Zahl an Hosen, Jacken, Pullovern, Socken und so weiter mitnehmen, aber genug, um sich eine Grundgarderobe für eine Saison zusammenzustellen. Die meisten der Textilien werden von der Genfer Bevölkerung gespendet.

Über 40 Tonnen Kleidung kamen letztes Jahr zusammen

Ein Wunder, findet die gebürtige Österreicherin Strobel. „Ich hätte nie gedacht, dass die Menschen hier so grosszügig sind. Ich weiss nicht, ob das auch in anderen Städten so ist, aber hier sind viele Kleidungsstücke, die in die Sammelcontainer geworfen werden, in bestem Zustand. Auch viele Kleiderläden und sogar Luxusmarken geben uns unverkaufte Ware ab. Es ist unglaublich.“ Wir folgen der ehrenamtlichen Mitarbeiterin durch die belebten Gänge zwischen den Regalen. Zwei ihrer Kolleginnen helfen Unentschlossenen bei der Kleiderwahl. Ein junger Asiate, der in der Gastronomie arbeitet, stapelt säuberlich die Kleidungsstücke, die er gefunden hat, aufeinander. „It’s beautiful. Ich könnte mich ohne die Kleiderhilfe gar nicht einkleiden“, sagt er in gebrochenem Französisch.

Hier treffen Leute aufeinander, die schwierige Zeiten durchlebt haben

Man geht behutsam miteinander um. „Die einen haben eine leidvolle Flucht hinter sich, andere haben keine Ausbildung und können nicht für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, doch hier kommt eine solidarische und fröhliche Stimmung auf.“ Im Warteraum sitzt eine 28-jährige Sudanesin mit Babybauch. Sie holt eine Babyausstattung für ihr drittes Kind ab. „Das ist das Paradies“, sagt sie lächelnd, und dabei klingt die Erinnerung an die Hölle mit, durch die sie gehen musste, um zu ihrem Mann in die Schweiz zu reisen.

Intensive Begegnungen

In den 15 Jahren, in denen Sabine Strobel für die Kleiderhilfe arbeitet, hat sie viele intensive Begegnungen erlebt. Sie sehe aber auch, wie sich die Leute entwickeln und den Weg aus der Sozialhilfe schaffen. „Mittwochs kommen oft ein paar Mütter mit Spezialitäten aus ihrer Heimat vorbei. Sie fahren voll beladen mit Kindern und Köstlichkeiten im Tram quer durch die Stadt, nur um uns eine Freude zu machen.“ „Ich lerne mindestens so viel, wie ich weitergebe“, versichert die 48-Jährige, die in Wien Psychologie studiert hat. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit würde sie um nichts in der Welt gegen eine bezahlte Arbeit tauschen.

Sie entdeckte die Kleiderhilfe, die damals noch im Quartier Eaux-Vives stationiert war, per Zufall

Sofort war sie begeistert von der warmherzigen Atmosphäre. „Ich komme aus einem wohlhabenden Umfeld und habe das Glück, kein Geld verdienen zu müssen. Da finde ich es nur selbstverständlich, anderen, die weniger Glück haben, zur Seite zu stehen“, sagt sie, die unter anderem ein glühender Fan des Hockeyclubs Genf-Servette ist. „Ich gehe aber auch viel ins Theater und liebe den Trubel von grossen kulturellen Events.“ Beim Hilfswerk ist man des Lobes voll über die einsatzfreudige Helferin.

„Sabine ist ein Engel“

Das sagt Maguy Julien, die für die fast 30 Mitarbeiter verantwortlich ist, welche die Kleiderhilfe von Montag bis Freitag am Laufen halten. Zwei davon haben eine bezahlte Teilzeitstelle, zwei weitere haben einen von der Sozialhilfe finanzierten Arbeitsplatz, alle anderen sind in einem Wiedereingliederungs-Programm oder freiwillige Helfer.

Entgegen den gängigen Vorurteilen sind in der Schweiz nicht nur Ausländer von Armut betroffen

„Fast die Hälfte aller Sozialhilfebezüger sind Schweizer“, sagt Alain Bolle, Direktor des CSP. „Viele sind verschuldet. Wir begleiten über 1000 Menschen mit insgesamt 15 Millionen Schulden.“ Auch Sabine Strobel versucht die Genfer für die Dinge, die sie täglich sieht, zu sensibilisieren. „Armut ist keine Schande. Jeder kann sich von einem Tag auf den anderen in einer prekären Situation wiederfinden“, betont sie. „Eine Scheidung, eine Kündigung oder gesundheitliche Probleme können ganz schnell zu einer kurzen oder anhaltenden finanziellen Krise führen. Was wir hier tun, indem wir gut erhaltene und zeitgemässe Kleidung anbieten, ist entscheidend für die Würde von bedürftigen Menschen, die sich in einer für sie häufig demütigenden Lebenssituation befinden.“


 

RD Abbinder
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