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Ein Herz für kranke Igel
© Markus Zürcher
Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Ein Herz für kranke Igel

Hannes Fischbacher bringt in seinem Haus im Zürcher Oberland kranke Igel durch den Winter

Ausgabe: Februar 2016 Autor: Andres Eberhard

Im Schneidersitz hockt Hannes Fischbacher da, auf seinem Schoss ein wenige Wochen altes, 300 Gramm leichtes Igeljunges. Er sagt: „Papa muss jetzt eine Operation machen.“ Mit Küchenpapier hält er den Igel fest, zieht mit einer Pinzette eine Zecke aus den Stacheln, dann legt er das Tier zurück. Normalerweise befinden sich Igel um diese Jahreszeit in einem tiefen Winterschlaf. Wenn sie jedoch sehr schwach, verletzt oder krank sind, überleben sie den Winter in der Regel nicht. In solchen Fällen empfehlen Experten, sie vorübergehend in menschliche Obhut zu nehmen.

Hannes Fischbacher hat sich diesen Rat zu Herzen genommen. Seit zehn Jahren umsorgt der Kaminfeger die Tiere in seinem Haus in Weisslingen im Zürcher Oberland liebevoll, bis sie wieder stark genug sind, um alleine in der Natur zu überleben. Junge Igel quartiert er für einige Zeit im Wohnzimmer ein. Den Käfig, ursprünglich für Meerschweinchen gekauft, hat Fischbacher auf Getränkekartons gestellt und mit Zeitungspapier ausgelegt. Eine Infrarotlampe leuchtet schwach. Später wird Fischbacher für die kalte Nacht eine Wärmelampe hineinlegen. Ältere Igel, die verletzt oder krank sind, macht Fischbacher in der Waschküche fit, bevor er sie wieder auswildert. „Faszinierende Tiere“, findet er, „diese runden Äugli.“

Die Tiere seien für ihn wie kleine Kinder, sagt Fischbacher.

„Man muss ihnen gut schauen.“ Er geht in die Küche und spült die vier Aschenbecher, die als Futtertröge für die kleinen Igel dienen, gründlich, dann legt er sie gefüllt mit frischem Wasser und Körnern zurück in den Käfig. Eine Familie hat Hannes Fischbacher, 56 und geschieden, nicht. Als Kind wollte er zwei Berufe lernen: Kaminfeger und Landschaftsgärtner. Mit Ersterem verdient er heute sein Geld. Letzteres ist sein Hobby geworden. Mit 16 bekam er seinen ersten Kaktus geschenkt, der nicht grösser war als sein kleiner Finger. Heute ist die Pflanze über 80 Zentimeter hoch – und dekoriert mit über 500 weiteren Kakteen seinen Wintergarten.

Jeden Morgen steht Fischbacher um halb vier auf.

Seine Tage sind lang. Bevor er die Runde als Zeitungsverteiler macht – sein Nebenjob – und dann oft bis spät abends die Kamine von Kunden fegt, schaut er nach den Igeln. Frühmorgens füttert er sie mit trockenem Katzenfutter, Sultaninen und Baumnüssen. Neben den Igeln leben bei ihm auch eine Katze, sechs Hühner und vier Meerschweinchen. Wenn Fischbacher einen kleinen Igel auf dem Arm hat, ihn hätschelt und sich selber dabei „Papa“ nennt, könnte man ihn als „Tier-Softie“ missverstehen. Doch Fischbacher, der auf einem Bauernhof in Appenzell aufgewachsen ist, hat eine pragmatische Beziehung zu Tieren. In seiner Freizeit züchtet er Kaninchen und schlachtet sie selbst. Er verarbeitet sie zu Ragout, Geschnetzeltem oder Roll­braten, die er verkauft oder seinen Gästen auftischt. „Dazu stehe ich“, sagt er, „Kaninchen sind für mich Nutztiere.“ Igel hingegen seien vom Aussterben bedroht.

Den ersten Igel las Fischbacher vor rund zehn Jahren auf der Strasse auf.

Er rief den Tierarzt an und fragte: „Was muss ich tun? Ich würde mich wahnsinnig gerne um den Igel kümmern.“ Er brachte das Tier vorbei, der Arzt entfernte die Zecken und Fischbacher kaufte einen Sack Igelfutter für 88 Franken – Flocken gemischt mit toten Käfern. Später merkte er, dass die Igel das Katzenfutter aus dem Supermarkt für drei Franken pro Zweikilopackung lieber hatten. Zudem bringen Freunde und Bekannte ab und zu Futter oder verwertbare Essensreste vorbei.

Einladung zum Igel-Pflegekurs

Eines Tages nach vielen Jahren lag ein Schreiben des Kantons in seinem Briefkasten: Eine Einladung zu einem halbtägigen Kurs im kantonalen Igelzentrum. Denn wer sich privat um Igel kümmert, muss betreffend Haltung und Fütterung einiges beachten. Wer die Tiere nicht artgerecht hält oder sie gar „in Gefangenschaft nimmt“, kann sich strafbar machen. Fischbacher fühlte sich erst etwas vor den Kopf gestossen. Schliesslich ging es ihm in all den Jahren immer nur ums Wohl der Tiere – ohne für diese Arbeit entschädigt zu werden, wohlgemerkt. Trotzdem besuchte er den Kurs, gemeinsam mit der Tierärztin aus Turbenthal, die Fischbacher immer wieder Igel vermittelt und den Tieren wenn nötig Parasiten entfernt oder Spritzen gibt.

Vieles, was im Kurs vermittelt wurde, wusste Fischbacher aus Erfahrung bereits. Und doch lernte er einige Dinge dazu. Etwa, wie man den Tieren im Frühling die Krallen schneiden soll oder auch wie zu erkennen ist, ob es sich um ein Männchen oder ein Weibchen handelt (mit Hilfe einer Glasscheibe, auf welche man die Igel legt). Bevor die Nacht anbricht und sich Fischbacher müde vom langen Tag ins Bett legt, schaut er noch einmal nach den kranken Igeln im Keller. Er steigt die Treppe hinunter, dann klopft er mit einem Nussstängeli von aussen an den Käfig, wo sich die Tiere in Zeitungen eingehüllt haben und schlafen. Es geht schnell, bis einer von ihnen zum Käfigrand kommt und an einer Ecke knabbert. Fischbacher zieht das Nussstängeli etwas zurück und schiebt es dann wieder vor, bevor er es ganz fallen lässt. „Sie spielen gern“, sagt er und lacht, „genau wie ich.“

 


 

RD Abbinder
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