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Abdulrazak Hamid und André Oswald
© Guillaume Perret/lundi 13
Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Eine Lektion fürs Leben

André Oswald macht einen jungen Mann aus Eritrea fit für den Berufsalltag

Ausgabe: Januar 2016 Autor: Angela Cadruvi

„Was ist eine Abgabeeinheit?“, will André Oswald von seinem Lehrling Abdulrazak Hamid wissen. Die beiden Männer stehen im Materialraum der Wöchnerinnenabteilung des Spitalzentrums Biel. Heute testet der Projektleiter seinen Lehrling vor Ort – nämlich dort, wo die Logistik im Spital einwandfrei funktionieren muss. Ob Operationsbesteck, Urinbecher, Brechtüten oder Stilleinlagen: Das Lager muss immer einwandfrei bewirtschaftet sein.

André Oswald ist Logistikfachmann im Spitalzentrum Biel. Der 30-jährige Abdulrazak Hamid absolviert bei ihm eine Lehre als Logistiker EBA. Er ist vor sieben Jahren als Flüchtling aus Eritrea in die Schweiz gekommen. Seit Mitte 2013 arbeitet er hier im Spital. Bei der Frage nach der Abgabeeinheit legt sich seine Stirn in Falten, er zögert, schaut hilfesuchend zu seinem Chef. Dieser gibt ein paar Stichworte – dann erinnert sich Hamid und formuliert: „Das ist die kleinste Einheit, die durch das Zentrallager an die Mitarbeiter ausgegeben werden kann, das können zehn, 25 oder auch 100 Stück sein.“Oswald lächelt und nickt: „Sehr gut, Herr Hamid!“

„Herr Hamid zeigt mir tagtäglich, was man erreichen kann, wenn man wirklich will.“

Es ist ein nicht ganz typisches Bild von einem Lehrmeister und seinem Lehrling, denn beide sind fast gleich alt: Oswald ist 31, Hamid 30 Jahre. Der Umgang ist herzlich, sie stehen nebeneinander wie Kollegen. Nur das Siezen verrät, dass hier auch eine Hierarchie gewahrt wird: „Herr Oswald ist wie ein Freund, aber er ist auch mein Chef“, sagt Hamid.„Obwohl er eine schwere Zeit durchgemacht hat, kommt Herr Hamid jeden Tag gut gelaunt zur Arbeit“, erzählt André Oswald. „Er ist zuverlässig und pünktlich. Und was ich vor allem schätze: Er ist motiviert und wissensdurstig.“ Deshalb könne er viel von ihm lernen. „Er zeigt mir tagtäglich, was man erreichen kann, wenn man wirklich will.“ Als Abdulrazak Hamid dies hört, schaut er – fast etwas beschämt – zur Seite.

Solch freundliche Worte ist Hamid nicht gewohnt.

In seiner Heimat drohte ihm das Gefängnis, weil er sein Leben nicht in der Armee verbringen wollte. Seine Flucht führte ihn über den Sudan nach Libyen und übers Mittelmeer nach Italien: „Wenn ich heute im Fernsehen diese Bilder sehe, leide ich mit. Das war eine schreckliche Zeit. Aber ich will in die Zukunft schauen.“ Und André Oswald setzt alles daran, dass Hamid eine gute Zukunft vor sich hat.

Sie gehen durch einen unterirdischen Gang in einen anderen Trakt und setzen sich in ein kleines Büro. Nach der Praxis im Materialraum folgt jetzt die Theorie. Auf dem Tisch liegt eine schematische Darstellung mit dem Titel „Reifelager“. Hamid kann sich unter dem Begriff nichts vorstellen. Oswald erklärt: „In ein Reifelager kommen Produkte wie Bananen, die unreif aus dem Ausland in die Schweiz importiert werden. In diesem Lager reifen sie nach, bis sie gut sind für den Verkauf.“ Abdulrazak Hamid schüttelt den Kopf und lacht. Sowas hat er noch nie gehört: „Bei uns in Eritrea kauft man die Früchte auf dem Markt oder hat sie im Garten.“ Das genau ist der Punkt. „Es geht hier nicht nur um reines Wissen, sondern um eine Kultur, die Herr Hamid verstehen lernen muss“, sagt Oswald nach der Lektion. Klar, er müsse viel mehr Zeit investieren als in einen Lehrling, der sich im hiesigen Sprachraum auskenne. Aber das zwinge ihn auch, sein eigenes Wissen zu überprüfen und präzise wiederzugeben.

Den Austausch empfindet der Berufsbildner als Win-win-Situation

Wenn Hamid in der Schule gute Noten schreibe, so sei das letztlich für ihn ebenso eine Genugtuung. Eine weitere Bestätigung erfuhr ihre Zusammenarbeit durch die Schweizerische Flüchtlingshilfe, die Abdulrazak Hamid und André Oswald in einem Wettbewerb letztes Jahr den Titel „Dream-Team“ verlieh. Die Arbeit steht aber nicht immer im Vordergrund, so unternehmen die beiden Männer auch in ihrer Freizeit manchmal etwas zusammen.

Der frühere Hobbyspieler Oswald hat Hamid kürzlich zu einem Eishockeymatch mitgenommen. „Ich wollte ihm das Spiel und die Atmosphäre im Eisstadion zeigen“, sagt er. Hamid sei zuerst überrascht gewesen, dass es in der Halle nicht eiskalt sei – er kannte die Sportart ja nur aus dem Fernsehen. Dann habe er sich aber von der Stimmung mitreissen lassen. „Wir haben sogar zusammen gesungen“, erinnert sich Oswald berührt. Er nimmt die Mehrarbeit für den jungen Mann aus Eritrea gerne auf sich. „Ich habe selbst viel Glück im Leben“, sagt er. „Ich konnte in der sicheren Schweiz aufwachsen und eine Lehre machen.“

Als sich Hamid um eine Lehrstelle bewarb, erkannte Oswald darin eine Chance, seinen Teil zur Integration von Menschen zu leisten, die weniger Glück hatten als er. Und so zögerte er nicht, als sein Vorgesetzter ihn fragte, ob sie diese Herausforderung annehmen sollten: „Die Flüchtlinge brauchen uns.“ Als Held versteht der bescheidene Glarner sich deshalb nicht, eher als „Menschenfreund“. Auch hängt er sein Engagement nicht an die grosse Glocke: „Meine Partnerin findet es toll, dass wir Herrn Hamid unterstützen. Aber in meiner Familie wissen viele das gar nicht oder sie können es sich nicht richtig vorstellen“, verrät er mit einem Lächeln.

 

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RD Abbinder
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