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Gemeinsam weiterkommen
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Gemeinsam weiterkommen

Studierende der Pädagogischen Hochschule Zug begleiten in der Freizeit Migrantenkinder.

Ausgabe: Juli 2017 Autor: Alexander Vitolić

Integrationsarbeit hat viele Gesichter. Tamara Mastria und Fabian Fässler sind zwei von heuer insgesamt zehn Studentinnen und Studenten, die sich innerhalb ihrer Hochschulausbildung für ein freiwilliges Engagement im Integrationsprojekt Nightingale (deutsch: Nachtigall) entschieden haben. Die Idee dahinter ist so einfach wie einleuchtend: Angehende Lehrpersonen verbringen zwei Semester lang einen Teil ihrer Freizeit mit einer Primarschülerin oder einem Primarschüler mit Migrationshintergrund.

Fokus liegt auf der Freizeitgestaltung

„Der Fokus liegt auf der Freizeitgestaltung“, sagt die Projektleiterin Mireille Gugolz, „es geht nicht darum, mit den Kindern Hausaufgaben zu machen oder ihnen gratis Nachhilfe zu geben. Es geht darum, gemeinsam etwas zu erleben und Einblick in andere Lebenswelten zu bekommen.“ Parallel dazu besuchen die Studierenden ein Modul, in dem sie unter anderem über die Erfolge oder Schwierigkeiten bei den Treffen mit ihren Schützlingen sprechen.

Das Konzept hat seinen Ursprung im schwedischen Malmö, wo es 1997 aus einer Zusammenarbeit der Universität und einiger Schulen der Stadt entstand. Mittlerweile strahlt das Nightingale-Projekt in sechs europäische Länder aus – und seit Neuestem auch nach Uganda.

Sprachliche und soziale Kompetenz von Primarschul-Kindern stärken

Angesprochen werden damit Kinder im Primarschulalter, vor allem aus Familien, die in die Schweiz eingewandert sind. „Die Freizeitgestaltung der Kinder stellt die Eltern oft vor zeitliche und manchmal auch finanzielle Probleme“, erklärt Mireille Gugolz. „Diese erschweren die soziale Integration zusätzlich.“

Das Projekt, das vom kantonalen Integrationsprogramm des Kantons Zug unterstützt wird, soll die sprachliche und soziale Kompetenz der Kinder stärken. Sie sollen ermutigt werden, Neues auszuprobieren und vielleicht sogar eine verborgene Leidenschaft zu entdecken.

Zwei der Mentoren: Fabian und Tamara

Fabian und Tamara sind beide 25 Jahre alt: Er begleitet einen achtjährigen Buben, dessen Eltern aus Indien stammen. Tamara kümmert sich um Hager, ein mittlerweile zehnjähriges Mädchen aus Eritrea, das sie bereits vor eineinhalb Jahren bei einem Freiwilligeneinsatz im Flüchtlingsheim kennengelernt hat. Die Kinder kommen aus dem Schulhaus Guthirt in Zug.
Ansprechperson dort ist die Schulkoordinatorin Margrit Burri. Eltern und Lehrer können Schüler bei ihr für das Projekt anmelden. Danach trifft sie aufgrund der Anzahl der Studierenden, die sich für das Nightingale-Projekt zur Verfügung gestellt haben, eine Auswahl.

Burri nennt keine Zahlen, aber es besteht kein Zweifel, dass die Anzahl der Interessierten deutlich höher ist als die Anzahl verfügbarer Mentoren. Bei einem Fest stehen sich die Mentoren und die Schüler erstmals gegenüber. Die Zuteilungen ergeben sich bei einer spielerischen Aufgabe, bei der die Kinder zum Beispiel einen Becher bekommen und nach dem Mentor mit dem passenden Deckel suchen müssen.

Fabian wusste bis zu diesem Termin nicht, was ihn erwartet. Aber der 25-jährige ehemalige Jungwachtleiter nimmt die Dinge gerne, wie sie kommen. Auch ein Mädchen wäre ihm recht gewesen, gesteht er mit einem Lachen. Aber wahrscheinlich sei schnell klar gewesen, dass die einzigen beiden männlichen Teilnehmer der Veranstaltung zwei Buben zugeteilt würden.

Gemeinsame Aktivitäten während der Freizeit

Die Studierenden und ihre Schützlinge verbringen danach bis Ende Mai jede Woche etwas Zeit zusammen. Sie machen Ausflüge, besuchen Veranstaltungen, treiben Sport oder basteln. Auch Besuche der Schokoladenfabrik in Root stehen hoch im Kurs. Es gibt keine Vorgaben für die Aktivitäten und kein Pflichtenheft.
Über das Programm können die Kinder zusammen mit dem Mentor und natürlich auch in Absprache mit den Eltern selber bestimmen. Tamara geht mit Hager schwimmen oder in den Tierpark, sie malen und kochen manchmal auch zusammen.

Fabian ist mit seinem Schützling gern in der Natur, sie waren aber auch schon im Zirkus. Das Projekt, das sie aktuell zusammen verfolgen, ist ein Baumhaus. Manchmal, und da liegt wohl der Schlüssel der erfolgreichen Beziehung zwischen Mentor und Schüler, muss man die Kinder auch ein bisschen aus sich herauslocken und sie mit der Nase auf ihre Bedürfnisse stossen.

Bewusst Zeit mit den Kindern verbringen

„Hager sagt oft einfach ja und okay, wenn ich etwas vorschlage“, erzählt Tamara. „Da hake ich dann nach. Aber manchmal ist es ihr auch nicht so wichtig und sie freut sich einfach, dass wir zusammen etwas unternehmen.“ Das ist für Tamara ein wesentlicher Punkt: „Es braucht dafür ja eigentlich kein Projekt. Es gibt so viele Kinder, die sich riesig darüber freuen würden, dass sich jemand bewusst Zeit für sie nimmt. Gerade wenn ihnen nicht so viele Möglichkeiten gegeben sind, ihre Freizeit zu gestalten oder sie in einem Asylzentrum leben.“

Das zeige ihr auch die Reaktion von Hagers Mutter: „Auch wenn sie es nicht gut in Worten ausdrücken kann: Wenn ich ihr Fotos zeige von dem, was Hager und ich unternommen haben, dann strahlt sie vor Freude.“ Es gibt keine Blaupause für die Beziehungen, die sie knüpfen, und auch keine Garantie dafür, dass sie so harmonisch verlaufen wie bei Tamara und Fabian und ihren beiden Schützlingen.

Natürlich kommt es manchmal zu Missverständnissen – auch mit den Eltern. Oder ein Kind erscheint nicht zum vereinbarten Termin. Dann sind die Mentoren gefordert“, sagt Projektleiterin Mireille Gugolz. „Aber das gehört dazu, denke ich. Kulturelle Vielfalt hat auch Differenzen zur Folge, und diese Erfahrungen sind für die Studierenden lehrreich, auch wenn sie im ersten Moment unangenehm sind.“

 

Projektleiterin Mireille Gugolz (Mitte, links) und Schul­koordinatorin Margrit Burri (Mitte, rechts) besprechen mit den Studenten das Frühlingsfest. Foto: Kellenbergerkaminski.ch


 

RD Abbinder
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