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Musik aus tiefster Seele
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Musik aus tiefster Seele

Bernhard Furchner heisst als Leiter des Chors der Nationen jede und jeden willkommen

Ausgabe: Oktober 2017 Autor: Anouk Holthuizen

Im Saal unter der Lukaskirche in Luzern stehen rund 100 Frauen und Männer im Halbkreis. Die Mitglieder des Chors der Nationen proben für den Auftritt an der Fête de la musique in Genf in einer Woche. In ihrer Mitte, neben einem schwarzen Flügel, spricht Bernhard Furchner (großes Foto) den Text des madagassischen Lieds Mandihiza Rahitsikitsika vor. Die ausladenden Armbewegungen und übertriebenen Lippenbewegungen des 60-jährigen Chorleiters bringen die Anwesenden immer wieder zum Lachen. Dann legen sie los. Es ist das zweite Lied, das sie an diesem Abend proben, und die Energie des Dirigenten füllt immer mehr den Raum. Eine Brasilianerin wiegt sich schon etwas mehr in den Hüften, eine Russin lässt ihre Hände stets höher kreisen, eine Schweizerin tritt je länger, je kräftiger mit den Füssen auf. Die Männer sind noch zaghaft, doch auch sie ziehen bald nach.

Chor der Nationen

Bernhard Furchner hat den Chor der Nationen 2006 in Solothurn gegründet. Kurz darauf folgten Gruppen in Luzern, Glarus, Bern und Zürich, kürzlich eine in Basel, bald eine in Burgdorf. Mit jedem Chor probt der frühere Musiklehrer einmal pro Woche. Unermüdlich reist er im Zug zwischen seinem Wohnort Grenchen und den Probeorten hin und her, manchmal übernimmt ein Assistent oder eine Assistentin die Leitung. „Die Chöre sind das Resultat einer langen Suche nach einer passenden sozialen und musikalischen Ausdrucksform, bei der Menschen im Zentrum stehen und nicht das Werk eines Komponisten“, sagt der gebürtige Deutsche. So stehen sich heute im Lukassaal Menschen aus über 34 Nationen gegenüber. In einem Buggy schläft ein dreijähriges Mädchen. „Kinder sollen kein Grund sein, nicht zum Singen zu kommen.“

Eingeengt in der konservativen Musikwelt

Schon als angehender Student fühlte sich Bernhard Furchner, der mit neun Jahren Geige zu spielen begann, in der Musikwelt eingeengt. „Als ich am Konservatorium Bern für die Aufnahmeprüfung vorspielte, spürte ich eine enorme Kraft“, erzählt er. „Ich wollte diese Energie in die Wände spielen!“ Doch darauf habe niemand gewartet. Die Studenten sollten die Werke der grossen Komponisten technisch einwandfrei nachspielen, ihre Gefühle aber bitte andernorts ausleben. Furchner: „Ich litt. Im Unterricht, im Chor, im Orchester. Da waren Berufsmusikerleichen, die mit starrer Miene nur darauf warteten, sich zu verbeugen.“

Musikalische Begegnung der Kulturen

Nach seiner Ausbildung studierte Furchner an der Jazzschule in Bern, belegte drei Jahre lang Perkussion und Improvisation an der Musikhochschule Luzern. Als Musiker suchte er die Begegnung mit anderen Kulturen, Musikern aus Brasilien, Indien, Nahost. Er lernte Stücke aus ihren Ländern kennen und arrangierte sie zusammen mit ihnen neu. „Gemeinsam etwas schaffen, das ist Musik!“ Aber das lerne man nicht in der Schweiz, sagt Furchner. „Hier wird Musik verwaltet. Wer die Technik nicht beherrscht, fliegt raus. Warum tanzt ein einjähriges Kind spontan, aber traut sich mit 20 nicht mehr? Lernt es ein Instrument, darf es nicht die Nachbarn stören. Man zieht überall die Handbremse an.“ In Kuba, wo er mehrere Monate im Jahr lebt und auch seine Partnerin wohnt, hätten junge Menschen diese Hemmungen nicht. „Die Fenster dort stehen immer offen, man hört die Menschen, alles, was sie tun.“

Kompositionen aus der Wahlheimat Kuba

In einer Woche fliege er wieder „heim“. In Viñales, zuoberst auf einem Hügel mit Rundumblick aufs Meer, schreibt er die nächsten Kompositionen für den Chor. Wie immer nimmt er auch dieses Mal einige gespendete alte Violinen mit, die er günstig verkauft. „Die Leute spielen dort mit Plastik-Geigen, das geht nicht.“ Im Chor der Nationen soll niemand Angst vor dem Versagen haben. Als die Sopranistinnen beim dritten Lied zaghaft singen, weil ihnen die Tonfolge nicht vertraut ist, ruft Furchner: „Singt! Es darf kreuzfalsch klingen, aber singt!“ Sie probieren es wieder, nun selbstbewusster. Der Chorleiter klatscht freudig in die Hände. Er möchte Menschen in die Musik einladen und nicht ausschliessen.

Was Ausgrenzung anrichten kann, hat er am eigenen Leib erfahren

„Ich kam mit sechs Jahren als Kind deutscher Einwanderer in die Schweiz und wurde wegen meiner Sprache und meiner Kleider ausgelacht und verprügelt.“ Musik sei für ihn ein Ort, wo sich Menschen unabhängig von Herkunft und Einkommen begegnen und Gleiches empfinden. Bernhard Furchner fordert die Mitglieder des Chors immer wieder auf, Lieder aus ihren Ländern mitzubringen. Er macht mehrstimmige Lieder daraus und verbindet so alle Sängerinnen und Sänger mit unsichtbaren Fäden. Punkt 21 Uhr ist die Probe zu Ende. Die Frauen und Männer bleiben plaudernd im Saal stehen, einige gehen hinüber auf ein Glas Bier in den Park. Viele wollen noch etwas vom Chorleiter wissen. Erst als die letzten gegangen sind, tritt er ins Freie und gibt lächelnd zu: „Jetzt bin ich doch auch etwas k. o.“

Alle Fotos © Monique Wittwer.


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