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Den Ärmsten ein Lächeln schenken
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Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Zahnärztin Claire Aeschimann schenkt den Ärmsten ein strahlendes Lächeln

Claire Aeschimann (81) arbeitet ehrenamtlich als Zahnärztin für die Stiftung Point d’Eau in Lausanne und befreit Bedürftige von Zahnschmerzen.

Ausgabe: Oktober 2016 Autor: Murat Kaarali

Die Stiftung Point d’Eau in Lausanne (PEL) ist im Parterre eines modernen Geschäftshauses untergebracht. Es riecht nach Kaffee, aus der Waschküche dringt das leise Brummen der Maschinen. Auf kleinstem Raum sind Duschen, drei Osteopathie-Räume, ein zahnärztliches Behandlungszimmer und ein Krankenzimmer für Obdachlose und illegale Migranten untergebracht. Neben dem Eingang sitzen ein paar afrikanische Männer schwatzend zusammen. In Bademänteln und Badeschuhen, die ihnen von der Stiftung zur Verfügung gestellt werden, warten sie, bis ihre Wäsche fertig ist. „Das ist ein guter Ort“, sagt Abdul, ein junger Flüchtling aus dem Tschad, der vor der Dusche wartet, bis er an der Reihe ist. „Die Leute hier sind sehr hilfsbereit.“

Nächster Fall: Ein Mann mit entzündetem Weisheitszahn

Neben dem Zahnarztzimmer scharrt ein Nordafrikaner nervös mit den Füssen. Ein Weisheitszahn bereitet ihm höllische Schmerzen. „Entschuldigung, ich muss weitermachen, er wartet schon eine Weile“, sagt Claire Aeschimann (Foto oben). Sie bittet den Patienten, im Zahnarztstuhl Platz zu nehmen. Der Mann hält die bescheidene Gebühr von 40 Franken für die Behandlung schon in der Hand. In einem kleinen Nebenraum brummt ein Sterilisator. „Ein Gerät der neusten Generation“, sagt die Dentalassistentin lächelnd. Die Tür des Behandlungsraums schliesst sich hinter uns. Der beissende Geruch des Desinfektionsmittels verdrängt den Kaffeeduft. Auf einem Computerbildschirm sind zwei Röntgenbilder eingeblendet.

Die Patienten: Menschen, deren Einkommen nicht zum Leben reicht

Während die 81-jährige Zahnärztin den Mund des Patienten untersucht, findet die Assistentin am Bildschirm mit geübtem Blick Karies und einen abgestorbenen Weisheitszahn. Claire Aeschimann nimmt ihren Mundschutz ab: „Meist kommen sie erst im Notfall zu uns. Die meisten sind aus Afrika“, erklärt sie. „Es kommen aber auch viele Einheimische, Working Poor, deren Einkommen nicht zum Leben reicht, Studenten, Lehrlinge oder alleinerziehende Eltern in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Ich ahnte ja nicht, dass es in unserem Land so viel Armut gibt“, sagt sie und schüttelt ärgerlich den Kopf.

Mehr als 1200 zahnärztliche EIngriffe

Über 1200 zahnärztliche Eingriffe sind letztes Jahr bei der PEL durchgeführt worden. Am häufigsten sind Wurzelbehandlungen. „Wir bieten auch Zahnprothesen an. Ein Zahntechniker, mit dem wir zusammenarbeiten, fertigt sie zu sehr moderaten Preisen an. Aber wir machen keine Panorama-Röntgenbilder, keine Kronen, Stiftzähne, Implantate oder kieferorthopädischen Behandlungen“, erklärt Claire Aeschimann. „Komplizierte Fälle verweisen wir an eine Poliklinik, wo die Zahnärzte illegale Einwanderer nicht anzeigen dürfen.“

Keine sanitäre Infrastruktur für Arme

Die Stiftung PEL wurde 1999 von Christine und François Landolt gegründet, nachdem sie erfahren hatten, dass für die Armen in der Schweiz keinerlei sanitäre Infrastruktur zur Verfügung stand. Ein unhaltbarer Zustand, fand das Ehepaar und wurde aktiv. Inzwischen ist die PEL etabliert. Letztes Jahr wurde die in der Schweiz einzigartige Organisation mit dem Rotkreuzpreis ausgezeichnet. „Doch in der Öffentlichkeit sind wir weitgehend unbekannt“, bedauert der Geschäftsleiter der Stiftung, François Chéraz, ein 51-jähriger Elektriker mit einem Abschluss in Politikwissenschaften der Universität Lausanne.

Die Zahl der Hilfsbedürftigen nimmt ständig zu

Die PEL kann längst nicht alle mittellosen Hilfsbedürftigen unterstützen, denn deren Zahl nimmt stetig zu. Schätzungen zufolge sollen im Kanton Waadt beispielsweise 10.000 bis 15.000 Sans-Papiers arbeiten. In der ganzen Schweiz dürften es bis zu 200.000 sein. „Nur schon für deren zahnmedizinische Versorgung müssten bei uns drei Zahnärzte Vollzeit arbeiten“, sagt Claire Aeschimann. Die Stiftung verfolgte zunächst das Ziel, Bedürftigen den Zugang zu grundlegenden sanitären Einrichtungen wie Duschen zu ermöglichen. Später kamen medizinische und zahnmedizinische Angebote hinzu.

Zahnmedizin ist für die Ärmsten in der Schweiz unerschwinglich

„Gerade die zahnmedizinische Versorgung ist für die Ärmsten katastrophal. Aus Geldmangel vernachlässigen sie die Vorsorge und stehen plötzlich mit unbezahlbar hohen Zahnarztrechnungen da“, berichtet Geschäftsleiter Chéraz. „Im medizinischen Bereich behandeln wir die Patienten, bevor sich ihr Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert. Das spart Hunderttausende von Franken, die später die Allgemeinheit berappen müsste.“ Gerade Migranten hätten oft Angst, so Chéraz weiter, ins Spital zu gehen. „Wir beruhigen und begleiten sie und leiten sie dazu an, Selbstverantwortung zu übernehmen.“

Ständig auf der Suche nach Helfern

Mehr als 150 ehrenamtliche Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter sind für die Stiftung im Einsatz: Ärztinnen, Dentalhygieniker, Osteopathinnen, Podologen, medizinische Masseurinnen, Psychologen, Coiffeusen und Empfangsmitarbeiter. Die meisten der ehrenamtlichen Zahnärzte stehen noch im Berufsleben. „Damit sie uns treu bleiben, müssen sie ihre Einsätze flexibel planen können“, so François Chéraz. „Wir sind ständig auf der Suche nach Helfern.“ Wie die meisten ihrer Patienten hat auch Claire Aeschimann einen langen Weg hinter sich: „Mir wurde ein zweites Leben geschenkt. Letztes Jahr hatte ich schwere gesundheitliche Probleme. Aber ich sagte meinem Arzt, dass ich Besseres zu tun hätte als zu sterben.“ Zum Beispiel den Ärmsten ein strahlendes Lächeln zurückgeben.


 

RD Abbinder
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