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Boyan Slatic, Gründer von The Ocean Cleanup
© The Ocean Cleanup
Aus der
aktuellen
Ausgabe

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Europäer des Jahres - Retter der Meere

Plastik verschmutzt die Weltmeere und tötet Meerestiere. Boyan Slat, Readers's Digest Europäer des Jahres 2017, fischt Plastikmüll aus den Ozeanen der Welt.

Ausgabe: Februar 2017 Autor: David Thomas

Mit 22 Jahren ist Boyan Slat so jung, dass er noch bei seiner Mutter lebt. Bis er vor vier Jahren sein Leben völlig umkrempelte, war der schlaksigen Mann mit Dreitagebart und Wuschelkopf Student der Technischen Universität im nieder­ländischen Delft. Tatsächlich ist er der Gründer einer gemeinnützigen Organisation: The Ocean Cleanup (etwa: Säuberung der Meere, www.theoceancleanup.com). „Wir können das Meer wieder sauber kriegen“, erklärt Slat überzeugt. Das Ziel von Ocean Cleanup ist es, das Meer mit innovativer Technik von Kunststoffabfällen zu befreien, die derzeit im sogenannten großen pazifischen Müllwirbel und in anderen Regionen der Weltmeere treiben (siehe Video unten).

Jedes Jahr gelangen etwa fünf bis 14 Millionen Tonnen Plastik ins Meer.

Die Herausforderung ist groß. Die Meeresschutz-Organisation Ocean Conservancy warnt, dass schon im nächsten Jahrzehnt auf drei Kilo Fisch in den Weltmeeren ein Kilo Kunststoffabfälle kommen könnte. Plastik nimmt Giftstoffe aus dem Wasser auf. Wird es von Tieren gefressen, können diese erkranken und sterben. In winzige Partikel zersetzt, kann das Plastik in die Mägen von Fischen geraten, die vielleicht später auf unseren Tellern landen. 267 verschiedene Tierarten leiden nachweislich unter dem Müll im Meer, weil sie sich darin verheddern oder ihn fressen – darunter Seevögel, Schildkröten, Seehunde und Wale.

Ocean Cleanup will große, V-förmig angeordnete schwimmende Fangarme zu Wasser lassen, die in Tiefen bis zu 4000 Metern im Meeresboden verankert werden. Diese 100 Kilometer langen Barrieren sollen Plastikmüll abfangen, wenn er von Meeresströmungen angetrieben wird, und ihn an die Spitze des „V“ leiten, wo er in schwimmenden Türmen gelagert wird. Dort kann er von Schiffen auf­genommen und zur Wiederverwertung an Land gebracht werden.

Das recycelte Plastik dient als Rohmaterial für neue Produkte

Slat zieht eine Tüte voll blauer Plastikpellets hervor, die er als Rohmaterial für neue Produkte an Hersteller verkaufen möchte. „Plastik ist nicht das Problem“, stellt er klar. „Es ist ein tolles Material, das wir immer verwenden werden. Wir sollten es bloß nicht wegwerfen.“ Slats Projekt wurde von der Zeitschrift Time zu den 25 besten Erfindungen des Jahres 2015 gezählt. Die niederländische Regierung fand es ebenfalls gut und sagte einen Zuschuss von 500.000 Euro für ein Versuchsprojekt in der Nordsee zu.

Ocean Cleanup will seine ersten großen Projekte Ende 2018 in Betrieb haben

Die Zentrale von Ocean Cleanup liegt im 18. Stock eines Delfter Bürogebäudes. In dem lichtdurchfluteten Großraumbüro sind rund 40 der insgesamt 60 Mitarbeiter der Organisation tätig. Arbeitssprache ist Englisch. Die meisten Mitarbeiter sind Niederländer, doch es kommen auch einige aus Frankreich, Dänemark, Deutschland, Italien, Brasilien und anderen Ländern. Das Altersspektrum reicht von 18 bis 55 Jahre.

Slat hat kein eigenes Büro, sondern setzt sich einfach an einen freien Arbeitsplatz, wenn er einen Computer braucht. Er spielt mit einem Kugelschreiber, während er eifrig die Mission seines Unternehmens schildert. „Es wird uns nie gelingen, auch das letzte Kilo Müll aus dem Meer zu fischen, doch wir wollen möglichst schnell möglichst viel davon entfernen“, sagt Slat. „Unser technischer Maßstab sind 50 Prozent innerhalb von zehn Jahren, aber wir möchten viel mehr schaffen. Irgendwann erreichen wir 90 Prozent. Das sind Hunderttausende Tonnen.“ Ocean Cleanup will seine ersten großen Projekte Ende 2018 in Betrieb haben. Zur Finanzierung wurden bisher mehrere Millionen Euro eingeworben, anvisiert werden 15 Millionen Euro.

Wie wurde Slat zum Chef eines so ehrgeizigen Unterfangens?

Er wurde im Juli 1994 in Delft geboren. Seine Eltern leben mittlerweile getrennt. Sein kroatischer Vater ist Künstler und lebt heute an der Adria. „Früher habe ich ihn besucht, doch jetzt habe ich dafür keine Zeit mehr“, sagt Boyan Slat. Seine Mutter, halb Engländerin, halb Niederländerin, berät die Mitarbeiter multinationaler Unternehmen beim Standortwechsel nach Holland. „Sie hat uns geholfen, Mitarbeiter für Ocean Cleanup anzuwerben“, berichtet ihr Sohn stolz.
Boyan Slat hat keinen Hochschulabschluss – aber nicht, weil er nicht intelligent genug wäre. Während seine Schulkameraden Disneyfilme anschauten, habe er sich „mehr für die Grundrechenarten interessiert“, sagt Slat. „Mit zwei Jahren habe ich mir einen Stuhl gebaut. Später bastelte ich drei Baumhäuser mit Seilbahn. Ich hatte immer irgendein Projekt, und bis heute gibt es für mich nichts Schöneres, als eine Idee zu haben und zu sehen, wie sie umgesetzt wird.“

Der Anstoss für sein Projekt: Beim Tauchen sah Slat enorme Mengen Müll im Meer

Mit 16 fuhr Slat mit seiner Familie nach Griechenland in den Urlaub und absolvierte dort einen Tauchkurs. „Ich hatte erwartet, im Wasser herr­liche Dinge zu sehen, doch ich sah nur eine Müllhalde auf dem Meeresboden. Ich dachte: ‚Wieso räumt hier keiner auf?‘“ Zusammen mit einem Klassenkameraden befasste er sich auf dem Gymnasium im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Projekts mit dieser Frage. „Ich las immer wieder, das sei unmöglich. Dieses Dogma führte dazu, dass niemand sonst das Problem anpacken wollte. Doch mich motivierte es.“

Der Ozean soll uns den Abfall einfach zutreiben

Während seines Studiums der Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität musste er immer daran denken. „Ich saß in einer Vorlesung, lernte etwas über Metall­ermüdung in Flugzeugbauteilen und dachte: ‚Wie kann ich das anwenden, um das Meer sauber zu kriegen?‘“, sagt Slat. Ausgerechnet einer derjenigen, die das Vorhaben grundsätzlich für unmöglich hielten, lieferte schließlich den entscheidenden Anstoß. „Ich sah ein Video über einen Ozeanografen, der das Wechselspiel der Kräfte im Meer erklärte. Er zeigte in einer Animation, wie sich das ganze Plastik bewegte, und erklärte, das sei ein weiterer Grund, weshalb wir es nicht entfernen könnten. Ich fragte mich, ob man das nicht eher nutzen könnte. Warum die Ozeane durchstreifen, wenn sie uns den Abfall sozusagen zutreiben? Das war die Grundidee.“

Ein Video von Slats Vortrag über Plastikmüll verbreitet sich plötzlich rasend schnell im Netz

Im Oktober 2012 hielt der damals 18-jährige Slat einen Vortrag an der Universität in Delft. Der Vortrag war eine Mischung aus handfesten Informationen über die Verschmutzung durch Plastik­abfälle sowie Slats Ausführungen zu seiner Idee und ihren wissenschaftlichen Grundlagen. Eine Videoaufnahme von seiner Präsentation erschien auf YouTube – zunächst ohne größere Wirkung. Anfang 2013 wurde sein Vortrag dann von Nachrichten-Blogs aus den USA aufgegriffen und praktisch über Nacht verbreitete sich das Video viral.
„Plötzlich erhielt ich 1500 E-Mails am Tag. Ich rief ein paar Freunde zusammen, und wir setzten uns mit unseren Laptops auf mein Bett und sondierten sie.“ Er wurde von mehr als 400 Medienanfragen überschwemmt, und es kamen auch Geldangebote. Menschen aus aller Welt boten ihre Hilfe an. Über eine Crowdfunding-Website warb Slat zunächst 90.000 US-Dollar ein und erstellte 2014 eine Machbarkeits­studie.

Einige Wissenschaftler und Aktivisten sehen Slats Vorhaben kritisch

Im Juli 2013 stellte Stiv Wilson, damals stellvertretender Leiter der Meeres­schutzgruppe „5 Gyres Institute“, fest: „Die Hindernisse für die Säuberung von Wirbeln sind so groß, dass die Idee in der wissenschaftlichen Welt mehrheitlich nicht ernst genommen wird – das Meer ist riesig, das Plastik, das abgesammelt werden würde, nahezu wertlos, und das Meeresleben würde leiden.“
Die US-amerikanischen Forscherinnen Dr. Miriam Goldstein und Dr. Kim Martini veröffentlichten eine ausführliche Kritik an der Machbarkeitsstudie von 2014. Sie gelangten zu dem Schluss, dass das Projekt in seiner „aktuellen Darstellung“ keine praktikable Lösung sei. 2016 setzte Dr. Martini hinzu, sie hätten weiterhin „schwerwiegende Vorbehalte“ wegen der „beträchtlichen Fehlinterpretation der Ozeanografie, Ökologie, Technik und Ver­teilung des im Meer treibenden Abfalls“ durch Ocean Cleanup. Slat sagt dazu nur: „Es ist nicht meine Aufgabe, diese Leute zu überzeugen. Wenn in einem Jahr die erste Anlage im Meer ist, werden wir ja sehen.“

Boyan Slat ist jüngster Gewinner des Champions of the Earth Award

Währenddessen beschafft Ocean Cleanup sich weiteres Kapital. Als jüngster Gewinner des globalen Umweltpreises der Vereinten Nationen, des Champions of the Earth Award, wirbt Slat Führungskräfte an, die seine Väter sein könnten. Sie steigen ein, weil sie an ihn und seine Ideen glauben. So wie der 47-jährige Allard van Hoeken, der zu Ocean Cleanup kam, nachdem er zwei Jahrzehnte lang in der Offshore-Technik tätig war.
„Ich verstehe, warum Außen­stehende sagen, das [Ocean Cleanup-]System wird nicht funktionieren‘“, räumt van Hoeken ein. „Der Ozean zerstört mit der Zeit alles. Die Herausforderungen sind enorm. Doch ich bin überzeugt, dass das System funktioniert.“ Und über Boyan Slat sagt er: „Ich bin seinetwegen hier. Es ist so inspirierend, mit ihm zu arbeiten.”

Vor rund 18 Monaten schickte Ocean Cleanup 30 Segeljachten aus, die im Pazifik 30 Tage lange mit Netzen nach Plastik fischten. „In diesem einen Monat sammelten wir mehr Plastik als bei allen ähnlichen Expeditionen seit 1972 zu­sammen“, berichtet Slat. Außerdem führte Cleanup eine Luftbildvermessung durch, die bis zu 80 Meter tief ins Wasser vordrang, sodass man die Umrisse von Abfällen erkennen konnte.
2016 testeten sie das Reinigungssystem mit einem Prototypen in der Nordsee. Dabei gab es Probleme mit den Draht­seilen, die die schwimmenden Barrieren zusammenhalten: Probleme, die damals gelöst wurden, wie Slat betont. Sie haben auch nachgewiesen, dass es möglich ist, Plastikabfälle aus dem Meer zu recyceln und zu neuen Produkten zu verarbeiten. „Der Knackpunkt kommt, wenn die erste komplette Anlage im Meer in Betrieb geht“, erklärt Slat. „Das bereiten wir gerade vor. Es wird irgendwo im Pazifik stattfinden. Wir denken an einen Standort in Japan.“


Was treibt Slat an?

„Es geht mir bestimmt nicht ums Geld“, sagt er. „Ich will einfach ein Problem gelöst sehen, und niemand sonst kümmerte sich darum.“ Boyan Slat hat sich ganz und gar Ocean Cleanup verschrieben. „Sobald ich aufwache, fange ich an, daran zu arbeiten – und wenn ich wach werde, merke ich, dass ich mich sogar im Schlaf damit beschäftigt habe. Wenn es jemand anderem gelingt, das Meer zu säubern – schön. Hauptsache, es wird überhaupt gemacht. Wenn das jemand schafft, könnte ich mich nach einer Freundin umsehen, mehr Bücher lesen ... und mir ein neues Problem suchen.“

 

 

Reader’s Digest Europäer des Jahres


Jedes Jahr zeichnen die Chefredakteure der europäischen Ausgaben von Reader’s Digest Menschen aus, die Vorbildliches leisten, um unsere Welt besser zu machen.

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