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Große Welt ganz klein
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Große Welt ganz klein

Michael Paul Smith baut maßstabsgetreu seine Kindheitserinnerungen nach.

Ausgabe: Februar 2015 Autor: Markus Ward

Kinder würden nur das wirklich begreifen, was sie selbst erfunden haben, sagte der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget. Vielleicht ist das der Grund, warum der junge Michael Paul Smith die Welt um sich herum entdeckte, indem er sie im Miniaturmaßstab neu erfand. Inzwischen schließt sich der Kreis, denn nun baut Smith seine eigenen Kindheitserinnerungen nach.

Smith hat eine schöne und liebevolle Kindheit erlebt, wie er sagt. Er wuchs als zweites von fünf Kindern einer Arbeiterfamilie bei Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania auf – dort, wo der Ohio River entspringt und wo das Herz des Rust Belt (Rostgürtel) schlägt, der traditionellen Industrieregion Amerikas.

Als Kind war er extrem schüchtern und verbrachte viel Zeit mit seinem Skizzenheft oder damit, Dinge, die er gefunden hatte, maßstabsgetreu nachzubauen. Dieser Zeitvertreib sollte wesentlichen Einfluss auf sein späteres Leben haben und ihn davor bewahren, die Empfehlung seines Berufsberaters anzunehmen. Dieser hatte ihm zu dem geraten, was damals praktisch alle jungen Männer dort machten: "Such dir Arbeit im Stahlwerk!"

Seine Kreativität, seine Neugier und sein Vergnügen daran, mit den Händen zu arbeiten, führten ihn zu verschiedenen Jobs. Smith arbeitete als Tapezierer, als Maler, als Briefträger, als Illustrator bei einer Zeitung und als Grafiker für Bücher. "Am besten gefiel mir, Teil eines Teams zu sein, das für Museen wie das Smithsonian Institute und Harvards Naturkundemuseum Auslagen entwarf", sagt er.

Doch es war sein Job als Art Director bei einer Werbeagentur, der ihn zu seiner wahren Berufung zurückführte – dem Modellbau. "Herzinfarkt mit 33. Für mich das klare Signal, dass ich mir etwas anderes suchen muss."

Kurz darauf fand er in Boston eine Anstellung und produzierte von da an Modelle für ein Architekturbüro. Eines Abends starrte er auf die Modelle auf seinem Schreibtisch, und es kam ihm eine Idee: Er war Modellbauer, besaß eine riesige Sammlung von Modellautos und hatte viel Wissen über das 20. Jahrhundert angehäuft – warum nicht all das kombinieren und eine Miniaturstadt erschaffen?

Smiths Stadt Elgin Park basiert auf Sewickley in Pennsylvania, wo Smith mit vier Jahren hinzog. "Elgin Park hat es nie gegeben, aber es ist dennoch ein optisches Schatzkästchen an Emotionen und Erinnerungen, die Quintessenz des Vergangenen. Es ist kein wahrheitsgetreuer Nachbau, aber es fängt die Stimmung von damals ein", sagt Smith.

"Wenn ich Ideen suche, schaue ich mir zunächst an, welche Modelle von Autos und Lastern ich habe. Welche Zeit und welche Jahreszeit passt am besten dazu? Und vor allem – was für eine Geschichte will ich erzählen? Jede Szene beginnt als Serie grober Skizzen. Ist das Gebäude zu ungewöhnlich, dominiert es das Foto zu stark. Deshalb wähle ich den prototypischen Stil einer bestimmten Ära."

Er hat kein teures Werkzeug und keinen Bastelkeller, sondern nur seinen Küchentisch aus den 1930er-Jahren. Als Fotoausrüstung dient eine für 150 Dollar gebraucht gekaufte Kamera, und überraschenderweise bearbeitet er seine Bilder nicht digital nach. Diese Schlichtheit macht seine Arbeit so erfolgreich. "Wenn man es nicht überzeugend machen kann, lässt man es besser gleich ganz."

Er platziert seine Szenen auf einem Tisch vor einem sorgfältig gewählten echten Hintergrund. Die seien immer schwerer zu finden, weil die meisten älteren Gebäude abgerissen werden, erzählt Smith. Dann bringt er die Horizonte von Vorder- und Hintergrund in Einklang und drückt ab: "Zum Fotografieren brauche ich selten länger als eine Stunde."

Seit einigen Jahren werden seine Arbeiten endlich als das anerkannt, was sie sind – Kunst. Man bat ihn, für eine Ausstellung in New York etwas beizusteuern. "Ich beschloss, das Haus zu bauen, in dem ich aufgewachsen bin. Das ist für mich die beste Therapie, die man sich wünschen kann. Die Erinnerungen beginnen völlig ungefiltert zu strömen. Vier Monate habe ich an dem Projekt gesessen. Danach hatte ich das Gefühl, eine ganze Reihe von bis dahin unbewältigten Problemen verarbeitet zu haben."

Und so schließt sich für Smith ein weiterer Kreis. Um noch einmal Piaget zu bemühen: "Sehen verändert unser Wissen. Wissen verändert unser Sehen."


 

RD Abbinder
RD Abbinder
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