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Demokratie ist keine Wellnesszone
© Michael Schär
Aus der
aktuellen
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Demokratie ist keine Wellnesszone

Mit Stiller Has in neuer Besetzung geht Endo Anaconda noch mal aufs Ganze.

Ausgabe: April 2017 Autor: Reinhold Hönle

Der stimmgewaltige Wort­führer der Mundart-Rockband Stiller Has trifft mit seiner spitzen Feder auch mit 61 Jahren den Nerv der Zeit. Im Her­zen ist Endo Anaconda jedoch ein romantischer Rebell ge­blie­ben. So finden sich auf dem neuen Album Endosaurusrex neben der einen oder anderen träfen Abrechnung mit dem Weltgeschehen auch Lieder über die Sehnsucht nach dem Wilden Westen und der grossen Liebe.

Reader’s Digest: Stiller Has schimpft seit 28 Jahren. Wie hat sich Ihr Leben seither verändert?
Endo Anaconda: Junge Leute bestaunen mich heute wie ein Denkmal. (Lacht.) In gewisser Hinsicht ist das schön. Kürzlich aber erhielt ich eine Aus­zeichnung für mein Lebens­werk, das hat mich stutzig gemacht, weil ich ja noch lebe und schreibe und auftrete. Aber ich gebe zu, dass ich die Songtexte mittlerweile auf die Bühne mitnehmen muss – das Gedächtnis lässt nach.

Auch das Weltgeschehen macht Ihnen zu schaffen.
Ich glaube, man kann das Persönliche nicht losgelöst vom Zustand der Welt betrachten. Momentan kapseln sich viele Länder ab, sehen nur noch den eigenen Vorteil. Das ist fatal. Denken Sie nur an die Klimaerwärmung oder die soziale Ungleichheit. Vielleicht müssen wir uns in Europa noch nicht vor einem Krieg fürchten, aber die Atombombe ist gebaut und wird irgendwann zum Einsatz kommen. Das schürt Ängste, die ins Private hineinspielen, vor allem, wenn man Kinder hat.

Was raten Sie Ihren Kindern?
Dass sie sich engagieren. Demokratie ist keine Wellnesszone. Sie muss erarbeitet werden. Nächstenliebe, Erbarmen, Menschlichkeit sind wichtige Werte für mich. Ich vermute, dass in ein paar Jahren ein Umdenken stattfinden wird. Die Jungen von heute werden realisieren, dass es das nicht sein kann, vierzig Jahre in einen Monitor starren und irgendwelchen Krempel produzieren, den niemand braucht. Weil es wertvoller ist, mehr Zeit fürs Philosophieren, die Kunst und die Liebe zu haben.

Sie haben drei Kinder aus drei verschiedenen Beziehungen. Denken Sie anders über die Liebe als früher?
Ja, sicher. Man muss die Liebe einfach geben und sich nichts von ihr erhoffen. Wenn man nicht tolerant ist und die Menschen nicht so nimmt und liebt, wie sie sind, scheitert man.

Ist das altersmilde oder weise?
Ich bin einfach nicht mehr hormongesteuert und muss mich nicht als Vorstadtcasanova beweisen. Und ich habe gemerkt, dass das Allein­leben der Kreativität auch ganz gut tut. Mein Glück ist der Ausweg in die Imagination und ins Schreiben.

Hätten Sie denn gerne anders gelebt?
Nein. Ich bin bekennender Anhänger des Erlebnis-Scheiterns. (Lacht.) Man muss einfach die richtigen Lehren daraus ziehen. Sie sind vor ein paar Jahren recht nah am Tod vorbeigeschrammt.

Wie geht es Ihnen heute?
Nach dem Nebennieren-Tumor bin ich natürlich angeschlagen. Aber der Tod gehört zum Leben – er wird zu Unrecht tabuisiert. Wird man sich dessen bewusst, wird das Leben wertvoller. Man schätzt ideelle Werte höher ein. Ich möchte mich mit Papst Franziskus verbünden und für eine neue, humanere Welt einstehen. Dann dürfen wir Menschen vielleicht noch etwas länger auf diesem Plane­ten existieren. Erdgeschichtlich betrachtet sind wir ja auch erst seit Kurzem hier.

 

Zur Person

Endo Anaconda heisst mit bürgerlichem Namen An­dreas Flückiger. Geboren am 5. September 1960. Die Mutter ist Österreicherin, der Vater Schweizer. Nach einer Lehre als Siebdrucker in Wien gründet er 1989 zusammen mit dem Schweizer Musiker Balts Nill die Gruppe Stiller Has. 1996 gelingt mit dem Album Moudi der Durchbruch. Endo Anaconda lebt abgeschieden in einem alten Stöckli im Emmental. Mit Stiller Has in neuer Besetzung und dem Album Endosaurusrex ist er bis Juni 2018 auf Schweiz-Tournee. Alle Daten hier: www.stillerhas.ch RH


 

RD Abbinder
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