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Den Schalk im Nacken
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Rolf Lyssy: Den Schalk im Nacken

Altmeister Rolf Lyssy kehrt mit der schwarzen Komödie „Die letzte Pointe“ ins Kino zurück

Ausgabe: November 2017 Autor: Von Reinhold Hönle und Alexander Vitolić

Wie es sich anfühlt, eine Schweizerin oder ein Schweizer zu werden, wissen wir dank Rolf Lyssys Komödie Die Schweizermacher nur zu gut. Oft hat die Realität seine Satire seither eingeholt. Der schalkhafte Blick des 81-jährigen Regisseurs (Foto oben) hat wenig von seiner Schärfe eingebüsst, wie sein neuer Film über eine resolute alte Dame zeigt, die ihr Ableben planen will, als sie erste Anzeichen von Demenz bei sich erkennt.

Reader’s Digest: „Die Schweizermacher“ sind zu einem geflügelten Wort geworden, selbst für Menschen, die Ihren Film nicht kennen. Stört Sie das?
Rolf Lyssy:
Ich habe mich daran gewöhnt. Am Anfang nannten ihn die Medien den Emil-Film, dabei spielt Emil Steinberger darin gar nicht den „Emil“. Dieses Etikett sind wir losgeworden, das andere nicht. Wenn ich jemandem vorgestellt werde, heisst es seit 40 Jahren: Das ist Rolf Lyssy vom Schweizermacher. Aber ich kann mich nicht beklagen. Der Film war so etwas wie mein Jackpot.

Der Begriff taucht heute im Zusammenhang mit dem neuen Einbürgerungsgesetz wieder vermehrt in den Medien auf. Überrascht Sie, wie aktuell das Thema immer noch ist?
Überhaupt nicht, es gab ja vor Kurzem diese Geschichte mit der jungen Türkin im Aargau. Auf viele Fragen, die ihr gestellt wurden, wüsste ich die Antwort auch nicht. Es muss wahnsinnig unangenehm sein, sich diesem Prozedere auszusetzen. Dabei ist die Einbürgerung nur der Aufhänger. Es geht um Identität und darum, wer zu bestimmen hat, wer oder was ich bin. Diese Frage ist zeitlos und grenzübergreifend.

Dieselbe Frage beschäftigt auch die Protagonistin Ihres neuen Films.
Genau. Gertrud fürchtet sich davor, dement zu werden, und möchte deshalb eine Freitodbegleitung in Anspruch nehmen. Das Thema hat mich schon immer beschäftigt. Ich bin seit 20 Jahren Mitglied von EXIT. Ich habe nicht die Absicht, abzutreten, aber ich bin stolz darauf, dass einem in unserem Land geholfen wird, wenn man nicht mehr leben will. Doch das geht nur, solange man noch alle Tassen im Schrank hat. So rückte das Thema Demenz allmählich in den Fokus der Geschichte. Wir haben zehn Jahre am Drehbuch gearbeitet. Auch weil der Bund und die Zürcher Filmstiftung die Finanzierung zuerst ablehnten. Aber ohne Subventionen können wir unsere Filme einfach nicht machen. Da muss man sich als Kreativer einer Kommission aussetzen und sie überzeugen.

Ein bisschen wie bei Die Schweizermacher ...
(Denkt nach.) Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen. Aber es ist absolut richtig. (Lacht.) Beide Verfahren haben zudem viel mit persönlichem Geschmack zu tun. Wenn einer nichts mit Komödien anzufangen weiss, wird er sich mit unserem Film schwertun. Dasselbe kann passieren, wenn einer in deine Wohnung kommt und findet, sie gefalle ihm nicht.

Letztlich waren es keine finanziellen Probleme, die die Fertigstellung fast verhindert hätten, sondern ...
... ein Unfall, ja. Ich hatte 1200 Schutzengel. Das war am 30. September 2016, knapp zwei Wochen nach Drehbeginn. Es war der letzte schöne Sommertag. Ich war nach einer Velotour schon wieder auf dem Heimweg, als es mich auf der Abfahrt von Zollikerberg nach Zürich vom Velo haute. An einer Stelle, wo man auch ohne Treten mit gut 50 Stundenkilometern unterwegs ist. Ich habe bis heute keine Ahnung, was passiert ist. Ich hatte eine leichte Gehirnerschütterung und einen Trümmerbruch auf der rechten Beckenseite. Der Helm hat mir das Leben gerettet. Aber zum Glück bin ich allgemein in guter körperlicher Verfassung, so dass ich mich schnell erholen konnte.

Was geschah dann?
Die Dreharbeiten mussten weitergehen, sonst hätten wir alles um ein Jahr verschieben müssen. Das Mädchen, das die Urenkelin spielt, wäre einen Kopf grösser gewesen. Und Monica Gubser (die Hauptdarstellerin, Anm. der Red.) ist auch schon 86. Also hat mein Sohn Elia zwei Wochen lang für mich Regie geführt. Er hatte grossen Anteil daran, dass der Film zustande gekommen ist.

Haben Sie persönlich Angst davor, dement zu werden? Sie scheinen ein ganz gutes Gedächtnis zu haben.
Ach, hören Sie auf! Mein Kurzzeitgedächtnis ist zum Wegwerfen. Gertrud, die Hauptfigur meines Films, ist ein wenig mein Spiegelbild. All die kleinen Dinge, die sie ständig vergisst, das bin ich. (Lacht.) Das ist ein unglaublich wichtiges Thema. Man kann sich nicht vorstellen, wie schrecklich es ist, seinen Kopf nicht mehr gebrauchen zu können. Früher habe ich private und berufliche Entscheidungen immer wieder hinausgeschoben. Das lasse ich heute nicht mehr zu. Ich entscheide immer sofort. Wenn man so alt ist wie ich, ist jeder Tag ein Geschenk, und ich will mein Leben so lange wie möglich geniessen. Es ist selbstverständlich für mich, dass ich etwas dafür tun muss, dass es mir gut geht. Geistig, seelisch und körperlich.

Vorpremieren von "Die letzte Pointe" in Anwesenheit des Regisseurs

  • Zug: So, 29. Oktober 2017, 11.00 h, Kino Seehof (RL, MG, MR, ACL)
  • Schaffhausen: Mi, 1. November 2017, 20.00 h, Kino Kiwi Scala, Gespräch vor dem Film (RL, MG, SR, DM, AD, MR, DB, ACL)
  • Winterthur: Mi, 1. November 2017, 20.00 h, Kino Kiwi Loge, Gespräch nach dem Film (RL, MG, SR, DM, AD, MR, DB, ACL)
  • Freienstein: Do, 2. November 2017, 20.00 h, Neues KINO (RL, MG, SR, ACL)
  • Zürich: Fr, 3. November 2017, 12.15 h, Lunchkino Special, Arthouse Le Paris (RL, MG, SR, DM, MR, PJ, DB, ACL, OZ)
  • Baden: Fr, 3. November 2017, 20.30 h, Kino Sterk (RL, MG, SR, DM, MR, DB, ACL)
  • Solothurn: Sa, 4. November 2017, 20.00 h, Kino Capitol (RL, MG, SR, DM, MR, DB, ACL)
  • Basel: So, 5. November 2017, 11.15 h, kult.kino atelier (RL, MG, SR, DM, MR, DB, ACL)
  • Lyss: So, 5. November, 18.00 h, Kino Apollo, Gespräch nach dem Film (RL, MG, PJ, ACL)
  • Belp: So, 5. November, 18.30 h, Kino um die Ecke, Gespräch vor dem Film (RL, MG, PJ, ACL)
  • Burgdorf: So, 5. November, 20.00 h, Kino Krone, Gespräch nach dem Film (RL, MG, PJ, ACL)
  • Luzern: Mo, 6. November, 18.00 h, Kino Bourbaki (RL, MG, SR, MR, ACL)
  • Aarau: Di, 7. November, 20.00 h, Kino Schloss (RL, MG, SR, MR, ACL)
  • Biel: Mi, 8. November, 20.00 h, Kino Rex, Gespräch vor dem Film (RL, MG, ACL)
  • Bern: Mi, 8. November, 20.15 h, Kino CineClub, Gespräch nach dem Film (RL, MG, SR, PJ, ACL)
  • Rapperswil: Do, 9. November, 19.30 h, Kinobar Leuzinger (RL, MG, MR)
  • Wil: Fr, 10. November, 19.00 h, Kino Cinewil (RL, ACL oder OZ)
  • Heiden: Fr, 10. November, 20.15 h, Kino Rosental (RL, ACL)
  • Uznach: So, 12. November, 10.30 h, Kino Rex (RL, ACL oder OZ)
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    Über Rolf Lyssy

    Obschon er selber nicht religiös sei, trage er die jüdische Kultur in den Knochen, sagt der 1936 in Zürich geborene Filmemacher im Interview. Dass er seine Schulzeit als einziger Junge jüdischer Herkunft an der Zürcher Goldküste in Herrliberg verbrachte, hat seinen ironisch-distanzierten Blick unverkennbar geprägt. „Die Schweizermacher“ von 1978 ist sein grösster Erfolg. Nach diversen Dokumentarfilmen kehrt Lyssy mit „Die letzte Pointe“ am 9. November nach mehr als 20 Jahren auf die grosse Leinwand zurück.

     


     

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