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EIn Komiker, der es ernst meint: Trevor Noah
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Die Lacher auf seiner Seite: Trevor Noah

US-Comedy-Star und Halb-Schweizer Trevor Noah im exklusiven Reader’s-Digest-Interview

Ausgabe: Mai 2017 Autor: Alexander Vitolic

Trevor Noah ist ein freundlicher junger Mann. Der Komiker begleitet viele seiner Witze mit einem herzlichen, fast ungläubigen Lachen. Diese scheinbare Naivität ist ein Markenzeichen des 33-Jährigen, der im US-amerikanischen Fernsehen die satirische Nachrichtensendung „The Daily Show“ moderiert. Der Sohn einer schwarzen Südafrikanerin und eines weissen Schweizers wuchs im Südafrika der Apartheid auf. Die Beziehung seiner Eltern verstiess gegen das Gesetz. In seinem neu auf Deutsch vorliegenden autobiografischen Erzählband Farbenblind (Blessing, Fr. 26.90) erzählt er die Geschichte seiner abenteuerlichen Kindheit in einer gespaltenen Gesellschaft. Wir sprachen mit ihm über Rassismus, die Aufgabe von Satire in der heutigen Zeit und seinen Besuch in der Schweiz.

Reader’s Digest: Was hat Sie dazu bewogen, mit Anfang 30 eine Autobiografie zu verfassen?
Trevor Noah:
Das werde ich oft gefragt. Für mich ist es keine Autobiografie, mein Leben ist ja noch nicht vorüber. Für mich ist es eine Sammlung von Anekdoten und Geschichten aus meiner Kindheit. Und die ist definitiv vorüber.

Ihre Kindheit während der Apartheid steht auch für ein Stück afrikanische Zeitgeschichte. Welche Vorurteile über Afrika stören Sie am meisten?
Ich denke, der häufigste Irrtum über Afrika ist, dass es dort nur Leid und Armut gibt. Dabei gibt es auf dem afrikanischen Kontinent mehr Lebensfreude und Pioniergeist, als man dort erwarten würde.

Es war Ihrer Mutter verboten, ein Kind mit Ihrem Vater, einem weissen Schweizer, zu haben. Sie durften in der Öffentlichkeit nicht zusammen gesehen werden. Wie war das für Sie als Kind?
Ich habe früh gelernt, dass wir in Gruppen denken und dass wir uns schwer damit tun, dieses Denken zu überwinden. Das ist natürlich doppelt schwierig, wenn die Menschen, die an der Macht sind, sich dieses Denken zu Nutze zu machen. Wir suchen die Schuld ungern bei uns selbst, wenn wir nicht zufrieden sind, lieber suchen wir sie bei jemand anderem. Und wenn sich dieser andere an so etwas Banalem wie seinem Aussehen definieren lässt, fällt es uns umso leichter, mit dem Finger auf ihn zu zeigen und ihm ein Etikett zu verpassen. Hautfarbe bedeutet ja eigentlich gar nichts, und trotzdem messen wir ihr so viel Bedeutung zu.

Der deutsche Titel Ihres Buches ist „Farbenblind“. Was fasziniert Sie an diesem Begriff?
Ich finde es seltsam, wenn Menschen mir versichern, dass sie keine Farben sähen, weil sie nicht rassistisch seien. Das ist ja nicht das Problem. Das Problem unserer Gesellschaft ist, dass wir Menschen, die nicht gleich sind, unterschiedlich behandeln. Männer und Frauen sind nicht gleich, Schwarze und Weisse sind auch nicht gleich, aber darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum, dass man sie deshalb nicht anders behandeln sollte. Ironischerweise haben wir Menschen dieses Problem mit Tieren nicht. Niemand würde einen schwarzen Hund anders behandeln als einen weissen, nur weil sein Fell eine andere Farbe hat, das wäre Unsinn. Nur bei Menschen glauben wir, dass die Hautfarbe einen Einfluss darauf hat, wer sie sind.

Sie beschreiben das Umfeld, in dem Sie aufwuchsen, als fast matriarchalisch.
Das war so. Das war in gewisser Weise die Folge der Gesellschaft, die durch die Apartheid entstanden war. Schwarze Männer, die aufbegehrten, landeten im Gefängnis oder flüchteten ins Exil. Andere gingen dorthin, wo Schwarze arbeiten durften, etwa als Bergarbeiter in den Minen. Not macht erfinderisch, und so waren es letztlich die Frauen, die den Alltag mit der Familie bewältigten und das Bild unserer Gesellschaft prägten. Solange ich mich erinnern kann, waren es immer die Frauen, die sich um alles kümmerten.

Was hat sie Ihre Kindheit über das Elternsein gelehrt?
Ich denke nicht, dass ich aufgrund meiner Familiengeschichte klüger bin. Alles, was ich über das Elternsein weiss, habe ich von meiner Mutter gelernt und sie umgekehrt von mir. Darüber lachen wir heute oft: Ich war sozusagen die Testversion, das „Beta-Kind“. Alle Fehler, die sie bei mir begangen hatte, musste sie bei meinem jüngeren Bruder nicht mehr machen. Ich freue mich darauf, irgendwann Kinder zu haben, aber ich habe keine Eile. (Lacht.)

Viele Amerikaner sagen, dass Ihre Satiresendung The Daily Show für sie eine der wichtigsten Nachrichtensendungen ist.
Die Verantwortung, die das mit sich bringt, ist gross. Die Daily-Show ist ja eigentlich eine Comedy-Sendung. Das heisst, wir könnten Unsinn erzählen und es würde keine Folgen für uns haben. Aber im aktuellen politischen Klima, in dem sich die Menschen nicht einmal mehr auf so grundlegende Dinge wie Fakten einigen können, kommt uns eine neue Rolle zu. Es gibt so viele junge Menschen, die unsere Sendung schauen. Und wenn wir ihnen nicht die Wahrheit sagen, wer dann? Ich will lieber ein Teil der Lösung sein als ein Teil des Problems. Deshalb basieren unsere Berichte – und auch unsere Witze – auf recherchierten Fakten und Tatsachen. Es ist speziell. Hätten Sie mich dasselbe vor einem Jahr gefragt, ich hätte den Leuten geraten, sie sollen sich auf anderen Kanälen informieren.

Da ist aber auch noch der Komiker in Ihnen. Lacht er sich insgeheim nicht ins Fäustchen in so turbulenten Zeiten?
(Lacht.) Die Situation ist anfangs natürlich dankbar. Aber auch wenn Hillary Clinton Präsidentin geworden wäre, hätten wir Material gefunden, um uns darüber lustig zu machen. So, mit Donald Trump, ist es manchmal hingegen schon fast zu viel. Bei so viel Unsicherheit und Angst bleibt vielen Zuschauern das Lachen im Hals stecken. Da wird es auch schwierig für einen Komiker, wenn Leute zu Schaden kommen. Aber wir müssen die Zeiten nehmen, wie sie kommen. Es gibt immer etwas, über das es sich zu lachen lohnt.

Ihr Vater ist Schweizer. Besuchen Sie uns einmal?
Oh, ja. Ich möchte unbedingt bald in die Schweiz kommen, Skifahren, Wandern und auch die vielen Seen besuchen. Dieses wunderbare Land ist ein Teil von mir und ich will mehr darüber erfahren. Und ich möchte auch meine Show in der Schweiz ausprobieren. Von den Freunden meines Vaters und auch von ihm selbst weiss ich, dass Schweizer sehr genau und sachlich sind. Ein bisschen afrikanisches Temperament wird ihnen auf keinen Fall schaden.

Das verbotene Kind

Trevor Noah kam 1984 in Johannis­burg zur Welt, als das südafrikani­­sche Apartheidsregime „gemischt­rassige“ Be­ziehungen unter Strafe stellte. Darauf bezieht sich der englische Originaltitel des Buches Born A Crime („Geboren als Verbrechen“). Als Kind, das es nicht geben durfte, erlebte Trevor Noah Armut und Rassis­mus, aber auch die mutige und einfallsreiche Auflehnung seiner Mutter gegen die herrschenden Zustände. Mit dem Buch setzt er ihr ein eindrückliches Denkmal. Heute ist Noah ein internatio­nal gefeierter Komiker. Er spricht sieben Sprachen, darunter Deutsch, und lebt in New York.

Mehr von Trevor Noah

Folgen der Daily Show with Trevor Noah können Sie sich auf dem gleichnamigen Youtube-Kanal im Internet ansehen oder auf iTunes herunterladen. Auf Netflix sind Trevor Noahs Standup-Auftritte verfügbar.


 

RD Abbinder
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