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Vom Toggenburg nach Kambodscha
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Vom Toggenburg nach Kambodscha

Wie Fotokünstler und Abenteurer Hannes Schmid in Südostasien zum Entwicklungshelfer wurde

Ausgabe: Oktober 2017 Autor: Reinhold Hönle

Ikonenhafte Cowboy-Bilder aus der Tabakwerbung sind untrennbar mit seinem Namen verbunden: Doch der weit gereiste Fotograf Hannes Schmid hat im Pensionsalter eine neue Lebensaufgabe gefunden: In Kambodscha baute Schmid das Hilfswerk Smiling Gecko auf, das der Bevölkerung Ausbildungs- und Arbeitsplätze bietet.

Reader’s Digest: Sie pendeln mit 70 mehrmals pro Jahr zwischen der Schweiz und Kambodscha. Woher nehmen Sie die Energie dafür?
Hannes Schmid: Ich habe Freude an neuen Herausforderungen. Und gute Gene. (Lacht.)

Wollen Sie Gutes tun, nachdem Ihre legendären Cowboy-Bilder Menschen zum Rauchen animiert haben?
Ich habe mit diesen Bildern versucht, die Vision von Freiheit einzufangen. Zigaretten waren darauf kaum zu sehen. Wer sich dadurch zum übermässigen Rauchen animieren liess, hat meiner Meinung nach seine Eigenverantwortung nicht genügend wahrgenommen. Schliesslich ist bekannt, dass jede Sucht gesundheitsschädlich ist.

Was hat Sie dann zur Gründung von Smiling Gecko inspiriert?
Als ich für ein Kunstprojekt in Asien unterwegs war, begegnete ich in Thailand einem Mädchen, das bis zur Unkenntlichkeit entstellt war. Ich erfuhr, dass es in seiner Heimat in Kambodscha Eltern gibt, die ihre Kinder an Verbrecher verkaufen. Die Kinder werden misshandelt und als mitleiderregende „Bettelpuppen“ ins Ausland verschleppt. Ich wollte meine Augen vor diesem Elend nicht verschliessen.

Was haben Sie unternommen?
Zuerst habe ich die gleichen Fehler wie viele andere Hilfsorganisationen auch gemacht. Ich habe Reis, dann Milchpulver und schliesslich Mineralwasser verteilt, doch Armut und Krankheiten wurden dadurch nur kurzfristig gelindert. Wir mussten den Menschen ein Einkommen verschaffen. Also begannen wir vor drei Jahren Land zu kaufen – heute sind es 110 Hektaren – und bauten eine Hühner- und Schweinezucht auf. Mit der Hilfe von Schweizer Universitäten, Berufsschulen und Unternehmen ist so allmählich ein ganzes Dorf entstanden, mit Schule, Hotel, Spital und Schreinerei.

Was unterscheidet Sie heute vom jungen Abenteurer, der es einst wagte, mit Kannibalen zu speisen?
Ein Abenteurer weiss nicht, was ihn erwartet. Ich wusste immer, was auf mich zukommt. Ich hatte mich damals genauso über die indigenen Völker auf Neuguinea informiert wie heute über die Herausforderungen in Kambodscha.

Dennoch sind das grosse Gegensätze zu der idyllischen Welt im Toggenburg, in der Sie aufgewachsen sind.
Ja, aber ich habe einen sehr breiten Horizont und denke pragmatisch. Als Geissenbub bin ich in frische Kuhfladen gestanden, um meine Füsse zu wärmen, wenn ich keine Schuhe hatte. (Lacht.)

Damals haben Sie sich Ihr Leben sicher anders vorgestellt.
Ich habe vieles auf mich zukommen lassen. Wenn du dir ein allzu konkretes Bild davon machst, wie etwas sein soll, verpasst du viel, weil du nur auf das eine Ziel fixiert bist. Wichtig ist, dass man die Dinge anpackt. Nur so kann Neues entstehen.

Wie kommt die Familie mit diesem Unruhestand klar?
Es ist nicht einfach, meine Energie zu ertragen. Das muss man lernen. Aber ich bin etwas ruhiger geworden. Und ich habe das Glück, eine Frau zu haben, die mich versteht und die ebenso Künstlerin ist: Sie wird sich um all das kümmern, wenn ich es einmal nicht mehr kann.

 

Zur Person: Weltenbummler Hannes Schmid

Hannes Schmid wurde am 13. Oktober 1946 geboren. Der gelernte Elektriker wanderte 1968 nach Südafrika aus, wo er die Fotografie für sich entdeckte. Bekanntheit erlangte er als Musik- und Modefotograf. Mit Cowboybildern für die Zigarettenmarke Marlboro kam er zu Weltruhm. Heute widmet er sich hauptsächlich dem Hilfswerk Smiling Gecko, das er 2012 gründete. Hannes Schmid ist verheiratet und hat zwei Kinder. Das Liechtensteinische Landesmuseum stellt bis 4. Februar 2018 Fotos aus, in denen der Fotokünstler den Alltag in Kambodscha dokumentiert.rh

 

 

 

 


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RD Abbinder
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