Schön schlank? Diäten im Wandel der Zeit
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Schön schlank? Diäten im Wandel der Zeit

Unsere Ernährungs-Gewohnheiten haben eine lange und wechselvolle Geschichte...

Ausgabe: März 2018 Autor: Victoria Fletcher

Wenn Sie Gewicht verlieren möchten, sollten Sie einmal pro Tag fetthaltiges Fleisch in Sesampanade zu sich nehmen! Stopp: Bevor Sie das ausprobieren, sollten Sie einen Moment innehalten. Denn bei diesem Ernährungstipp handelt es sich weder um die neueste Diätempfehlung noch basiert er auf aktuellen wissenschaftlichen Studien. Die Empfehlung stammt vielmehr von Hippokrates, dem Vater der westlichen Medizin – er schuf die Grundlagen vor mehr als 2400 Jahren.

Unsere Begeisterung für Diäten ist nichts Neues.

Laut Dr. Louise Foxcroft, Autorin von Calories and Corsets: A History of Dieting, (Kalorien und Mieder: Geschichte der Diäten) gründet die Medizin auf der Ernährung. „Wurde jemand krank, lag die Frage nahe, was er gegessen hatte“, erklärt sie. Selbst wenn nicht alle Diäten von damals heute unsere Zustimmung finden, haben doch alle Empfehlungen ein Ziel – ein langes, gesundes Leben. Ein Schriftsteller aus dem Mittelalter hielt beispielsweise täglich rohes Eigelb, acht Scheiben Brot und eine halbe Flasche Wein für die Lösung. Im Lauf der Jahrhunderte wuchs der Druck, gut auszusehen. So sollte man beispielsweise wegen der abführenden Wirkung Seife essen. Anhänger von Lord Byron tranken Essig, um schlank zu bleiben. „Der Wendepunkt kam mit dem Erscheinen von Zeitungen und Zeitschriften. Die Einstellung zu Diäten, wie wir sie heute kennen, entstand durch die Massenmedien“, berichtet Dr. Foxcroft. Ab 1900 waren Diäten und Körpermaße untrennbar mit den Medien verbunden. Die Propaganda der Alliierten stellte deutsche Frauen als dick dar. Die jungenhafte Mode der 1920er-Jahre löste in der Presse nicht nur moralische Empörung aus, sondern führte dazu, dass immer mehr Menschen abnehmen wollten.

Warum sind viele dick, obwohl alle Interesse an idealen Körpermaßen haben?

Wenn wir schon immer ein solches Interesse an idealen Körpermaßen und Abnehmen hatten, warum sind wir dann so dick geworden? In den vergangenen 50 Jahren gab es unterschiedliche Tipps zur Gewichtsreduktion. Im selben Zeitraum nahmen jedoch die Adipositas-Fälle zu: Früher war eine von 100 Personen fettleibig, heute spricht man von mehr als einem Viertel der Bevölkerung. Andrew Hill, Professor für medizinische Psychologie an der University of Leeds, Großbritannien, sagt: „Keine Diät verfügt über magische Eigenschaften. Sie bietet nur eine Strategie an zur Verringerung der zugeführten Energie. Umweltfaktoren oder biologische Einflüsse verleiten uns dazu, mehr zu essen als wir verbrauchen. Dann hadern wir mit uns, weil wir sie nicht durchhalten, oder geben der Diät die Schuld. In Wirklichkeit ist es ein unfairer Kampf.“

Schlankheitswahn und Crash-Diäten

In den 1970er-Jahren hatten wir noch keine Ahnung, was auf uns zukommen würde. Superschlanke Models zierten die Titelbilder der Zeitschriften, und Niedrig-Energie-Diäten mit weniger als 1000 Kalorien pro Tag waren in Mode. Bei Crash-Diäten greift der Körper mangels Kohlenhydraten und Zucker auf eigenes Fett zurück, um neue Energie zu gewinnen. Bei der sogenannten Ketose verlangsamt sich der Stoffwechsel, und man verliert Gewicht. Laut der British Nutrition Foundation (Britische Stiftung für Ernährung) konnten solche drastischen Diäten zu einer Rückbildung der Muskulatur führen. Außerdem würde man später wieder zunehmen.

Aerobic-Boom in den 1980ern

In den 1980er-Jahren eroberte eine neue Gesundheitswelle die Gesellschaft: Aerobic, Lycra und fettarme Ernährung. Kalorienreduktion erfolgte nicht mehr mit kleinen Portionen, sondern mit energiearmer Diät, deren Fettanteil unter 10 Prozent lag. Forscher hatten nämlich eine Verbindung entdeckt zwischen gesättigten Fettsäuren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Fortan setzte die Lebensmittelindustrie auf fettarmen Käse, Joghurt und fettarme Fertiggerichte. Doch diese Produkte machten weniger satt, weshalb man Fett häufig durch Zucker ersetzte. „Ist der Fettgehalt sehr niedrig, wirkt sich das auf die Wahl der satt machenden Lebensmittel aus. Um abzunehmen, muss man Kalorien reduzieren“, sagt Professorin Judy Buttriss, Direktorin der British Nutrition Foundation. Ein weiterer Trend in den 1970er- und 1980er-Jahren kam aus den USA: die Low-Carb-Diät (wenige Kohlenhydrate). Diese Diät fand großen Anklang, denn bei ihr waren Fleisch, Käse, Sahne und Butter erlaubt, und man verlor schnell Gewicht. Der Wermutstropfen dabei: ein etwas unangenehmer Mundgeruch. Auch die Spätfolgen waren noch nicht absehbar. Wer jahrelang viel Fett und Fleisch isst, erhöht sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Darmkrebs.

Welche Diät hilft nun?

Im Oktober 2017 verglichen Wissenschaftler in einer Studie fettarme und kohlenhydratarme Ernährung. Die in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlichte Studie ergab, dass Probanden, die eine Low-Carb-Diät machten, innerhalb eines Jahres zwar etwa ein Kilogramm mehr Gewicht verloren als diejenigen, die sich fettarm ernährten. Dennoch kamen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass beide Diätformen funktionieren. Professorin Buttriss bringt es auf den Punkt: „Bislang gibt es keine Hinweise, dass eine der beiden Diäten besser ist als die andere. Es kommt darauf an, was Ihnen persönlich am besten hilft. Letztendlich muss Ihr Essen genügend Nährstoffe enthalten, und die Portion darf nur so groß sein, dass Sie abnehmen.“ Dr. Naveed Sattar, Professor für Stoffwechsel-Medizin an der University of Glasgow, Schottland, erläutert: „Niemand ist in der Lage, seine Ernährung über Nacht zu ändern. Das erfordert Zeit.“

Schritt 1: Herausfinden, was wir wirklich zu uns nehmen

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Erfolg darin, dass wir erst einmal wissen sollten, was wir tatsächlich essen, bevor wir einen strengen Ernährungsplan einhalten. Jedes Jahr informiert die britische Studie National Diet and Nutrition Survey über die Essgewohnheiten von 7000 Personen sowie die gegenwärtige Gesundheitspolitik. Vor zwei Jahren beschloss man, die Ernährungstagebücher von 400 Teilnehmern mithilfe von Urintests nochmals zu überprüfen. Dabei fand man heraus, dass die Kalorienzufuhr um ein Drittel höher war, als von den Teilnehmern angegeben. Männer im Alter von 16 bis 49 Jahren nahmen rund 1000 Kalorien mehr pro Tag zu sich, als sie angegeben hatten. Belügen wir uns also selbst? Nein, uns ist nur nicht bewusst, dass die Portionen in Restaurants oder im Supermarkt viel größer sind, als sie sein sollten, sagt Dr. Susan Jebb, Professorin für Ernährung und Bevölkerungs-Gesundheit an der University of Oxford, Großbritannien. Seit Jahrzehnten wissen Experten, was wir essen sollten: „Die offiziellen Empfehlungen haben sich seit den 1980er-Jahren nicht geändert. Wir bewegen uns langsam in die richtige Richtung – die Kalorienzufuhr ausgenommen“, sagt Susan Jebb.

Wie machen wir es richtig?

Forschungen belegen, dass ein Drittel unserer Ernährung aus stärkehaltigen Kohlenhydraten bestehen sollte, so Professorin Buttriss. „30 Gramm Ballaststoffe pro Tag schützen den Darm – so lautet die neueste Empfehlung. Allerdings sind sich viele Menschen dessen nicht bewusst“, warnt sie. Obst und Gemüse sollten ein weiteres Drittel ausmachen. Mindestens fünf Portionen pro Tag, lautet die Vorgabe. Einige Studien empfehlen sogar sieben oder acht Portionen täglich, um das Herz zu schützen. Das letzte Drittel wird in drei Untergruppen unterteilt. Fleisch, Fisch, Eier und Bohnen sollten rund 12 Prozent unserer Ernährung ausmachen. Achtung, das ist weniger als ein Steak. Weitere 15 Prozent sollten aus Milchprodukten bestehen. Dabei ist Butter trotz aller Schlagzeilen weder gut noch schlecht. Versuchen Sie, überwiegend Oliven- oder Rapsöl zu verwenden, sie enthalten einfach ungesättigte Fettsäuren, die das schädliche Cholesterin im Blut senken.

Das größte Problem sind wahrscheinlich zucker- und fetthaltige Snacks.

Sie sollten maximal 8 Prozent unserer Nahrung ausmachen. Höchstens sechs Teelöffel Zucker täglich zu uns zu nehmen, ist eine Herausforderung, wenn man bedenkt, dass 20 Prozent unsere Nahrung viel Fett und Zucker enthält. Wollen Sie Gewicht verlieren, dann raten die meisten Wissenschaftler nicht zu einer komplizierten Diät. Ihr Tipp: Nehmen Sie täglich einfach 500 Kalorien weniger zu sich, und Sie werden abnehmen. Werden wir also in der komplizierten Welt der idealen Körpermaße, Diäten und verführerischen Leckereien einmal den Punkt erreichen, an dem wir keine Diät mehr brauchen? „Leichtes Übergewicht beeinträchtigt die Gesundheit nicht, solange man seine Nahrung sinnvoll auswählt und sich regelmäßig körperlich betätigt“, sagt Professor Hill. „Ein unangemessen niedriges Gewicht – also ein BMI (Body Mass Index) um die 20 für Personen ab 30 Jahren – hat keine gesundheitlichen Gründe, sondern ausschließlich ästhetische. Die Maße, die Frauen wie Männer anstreben, sind nicht natürlich.“

Schon Hippokrates wusste: Was wir essen, sollte nicht kompliziert sein oder sich an einer Mode orientieren. Es sollte unserer Gesundheit dienen.

 

 


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