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Macht Fernsehen dumm?
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Aus der
aktuellen
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Macht Fernsehen dumm?

Unser Autor meint: Nein!

Ausgabe: August 2016 Autor: Nury Vittachi

Mit jeder Stunde, die ein Kleinkind vor dem TV-Gerät verbringt, verzögert sich Forschungen zufolge seine Sprachentwicklung um sieben Wörter im Vergleich zu anderen Babys. Auweia. Ich habe als Kind jede Menge ferngesehen, aber erst mit vier angefangen zu sprechen. Damit liege ich circa 30.000 Wörter im Hintertreffen! Vielleicht darf ja meine Frau das ungenutzte Kontingent aufbrauchen. Für so viele Wörter bräuchte sie gerade einmal zehn Minuten.

Doch Augenblick Mal! Ständig ist irgendwo zu lesen, dass Fernsehen schlecht für uns sei. Wenn das stimmt, wie kann es dann sein, dass die heutige Generation „fernsehsüchtiger“ Kinder wesentlich schlauer ist als wir, ihre Eltern und Großeltern?

Die wichtigste Lektion: schlimme Dinge geschehen nur in dunklen, stürmischen Nächten

Bei uns zu Hause sind die Einzigen, die wissen, wie die Fernbedienung funktioniert, die Kinder. Die Einzigen, die es bei Computerspielen bis Schwierigkeitsstufe 9 schaffen, sind die Kinder. Und die Einzigen, die „Mantelkäufe börsennotierter Unter­nehmen mit marktübergreifenden Vermögenswerten“ verstehen, sind – Sie haben es er­raten – die Kinder.

Vielleicht bildet Fernsehen ja tatsächlich. Man erhält jedenfalls oft nützliches medizinisches Wissen: Jemand, der angeschossen oder niedergestochen wurde, hat immer noch die Zeit, ein paar Worte zu stammeln, bevor er stirbt: „Der Killer war?..., es war?...“

Außerdem werden faszinierende architektonische Fakten vermittelt: Alle Gebäude verfügen über Lüftungs­rohre, die groß genug sind, um durchzukriechen. Und für mehr Benutzer­komfort sind diese zudem sauber, bieten versteckte Beleuchtung und enden an Gittern, die sich mit leichtem Druck öffnen lassen.

Doch die wichtigsten Lektionen, die uns das Fernsehen lehrt, fallen in die Kategorie „Lebenskunde“. Schlimme Dinge geschehen nur in dunklen, stürmischen Nächten. Nach emotional aufwühlenden Erlebnissen laufen die Leute ohne Schirm durch den strömenden Regen. Und entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse blitzt und donnert es immer gleich­zeitig, egal wo man ist.

Sogar aus Science-Fiction-Filmen habe ich aufschlussreiche Erkenntnisse gewonnen: Außerirdische sprechen unsere Sprache, ganz gleich aus welcher Galaxie sie kommen.

Mithilfe unseres Fernsehwissens können wir auch unsere Sicherheit erhöhen. Bedenken Sie etwa folgende drei TV-„Wahrheiten“:

1. Wenn Sie je von einer 20-köpfigen Ganovengang angegriffen werden, machen Sie sich keine Sorge wegen Ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit. Die Bösewichte warten brav ab, bis sie jeweils an der Reihe sind, und gehen dann allein oder zu zweit auf Sie los. Auf diese Weise können Sie problemlos alle nacheinander besiegen.

2. Nachtwächter sind unscheinbare Männer, die nur für zwei Auf­gaben eingestellt werden: am Schreibtisch zu schlafen und als Erste umgebracht zu werden. So steht es offenbar in ihrer Stellenbeschreibung.

3. Ganz in Schwarz gekleidete Übeltäter lüften immer ihre dunklen Masken, um dem staunenden Publi­kum zu enthüllen, dass sie – Über­raschung – Frauen sind.

Beim Fernsehen erfahren wir zudem, wie man Gefahrensituationen am besten entkommt. Passen Sie gut auf!

1. Jagt Sie jemand durch eine dunkle Gasse, werden Sie feststellen, dass vor allen Wänden, über die Sie klettern müssen, praktischerweise Kisten gestapelt stehen. Sie brauchen sich kaum noch zu strecken, um drüberzuklettern.

2. Sie können sich im Fußraum vor dem Rücksitz eines Autos ver­stecken, ohne bemerkt zu werden, selbst wenn Sie groß gewachsen sind und der Raum gerade einmal 30 Zentimeter breit ist.

3. Wenn Sie groß und gut aussehend sind und Ihnen eine Haarsträhne locker-lässig in die Stirn fällt, entkommen Sie jedem bewaffneten Bösewicht, ohne im Kugelhagel auch nur einen Kratzer abzubekommen.

Doch seien Sie gewarnt: Sind Sie ein Handlanger des Bösen und Teil einer Gruppe, die einen gut aussehenden Menschen verfolgen, wird eine einzige Kugel Sie töten. Egal, wie weit entfernt Sie vom Schützen stehen.

Das ist zwar traurig, aber keine Sorge: TV schauen liefert auch hilfreiche Tipps für die Bösen. Autos sind leicht entflammbar und verfügen über unglaubliche Stoßdämpfer, dank derer sie durch die Luft fliegen und unbeschadet wieder landen können. Polizeiautos dagegen gehen bei jeder Verfolgungsjagd zu Bruch und brennen sofort lichterloh.

Vor dem Fernsehgerät habe ich auch den Satz gelernt, der wohl am häufigsten erklingt: „Verschwinden wir von hier!“ Im wahren Leben habe ich diesen Satz zwar noch nie gehört, dafür aber rund 950.000-mal im TV.


 

RD Abbinder
RD Abbinder
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